Die Sehnsucht nach Fondue

Das Alpine Museum präsentiert mit «Suiza existe» ein Projekt, bei dem Schülerinnen und Schüler eines argentinischen Gymnasiums ihren Schweizer Wurzeln nachgespürt haben.

Zwei Schülerinnen zeigen, wie sie in Argentinien Fondue zubereiten.

Zwei Schülerinnen zeigen, wie sie in Argentinien Fondue zubereiten.

(Bild: Alpinesmuseum.ch)

Helen Lagger@FuxHelen

Was ist eine schweizerische Identität? Die Frage wird gerade wieder einmal heiss diskutiert. Im Zuge der Doppeladler-Debatte wird auch verhandelt, ob ein Herz für zwei Länder schlagen darf oder nicht. Das sei der ideale Moment für die Ausstellung «Suiza existe – Eine Spurensuche in Esperanza, Argentinien», findet Beat Hächler, Leiter des Alpinen Museums.

Schülerinnen und Schüler eines argentinischen Gymnasiums hatten den Auftrag, nach ihren Schweizer Wurzeln zu forschen. Sie sind die Nachfahren von Schweizer Auswanderern. Esperanza – was auf Spanisch Hoffnung bedeutet – wurde 1853 in der Provinz Santa Fe als Kolonie für europäische Siedler gegründet. Viele damals arme Schweizer wanderten aus. Ihre Nachfahren pflegen heute teilweise urchigere Traditionen als viele moderne Schweizer. Sie feiern den ersten August, sind Mitglied in einem Schützenverein oder wählen die Miss Valesana – also die schönste Walliserin.

Die Schüler des Colegio San José haben ein Semester lang recherchiert, fotografiert und Interviews mit Historikerinnen, Vereinspräsidenten und Lokal­inhabern geführt, um Schweizer Spuren in ihrer Heimat zu finden. Das Resultat? Guillermo Tell, wie man hier unseren Nationalhelden nennt, lebt – sei es auf Fahnen oder als Denkmal. Ein Fondue bestellen? Aber sicher.

Alpenländische Folklore

Der Ausstellungsbesucher tritt in einen Saal voller Swissness. Rund um einen massiven Holztisch stehen mit Schweizer Kreuzen verzierte Stühle – genau solche gibt es in einem Vereinslokal in Esperanza, und zwar nicht speziell für den ersten August, sondern das ganze Jahr über. Die Emigranten interpretieren Schweizer Kultur zum Teil ziemlich eigenwillig. Eine Schülergruppe hat etwa den «Jardin de Cerveza» dokumentiert, ein Lokal, in dem Sauerkraut und Würste serviert werden und das Personal eine an Tiroler Trachten erinnernde Kluft mit Federhütchen trägt. Der Wirt mit Engadiner Wurzeln hat sich zwar nicht direkt von Schweizer Bräuchen inspirieren lassen, aber zumindest von alpenländischer Folklore.

Die Schweizer Spuren finden sich überall in der Stadt: Strassen, Geschäfte und Gräber tragen Schweizer Namen. So haben die Schüler ein Treuhandbüro namens «Ursprung» aufgestöbert und das Grab eines Fotografen mit dem aus dem Unterwallis stammenden Namen Paillet. Dieser soll ein wichtiger Chronist der Emigranten gewesen sein.

Zwei Herzen in einer Brust

Die Schulleiterin Silvia Aquere sagt, das Projekt habe allen grossen Spass gemacht. Die Schülerinnen und Schüler hätten auch ausserhalb der Schule, abends und an Wochenenden an ihren Dokumentationen gearbeitet. Franco Castelnovo, der am Gymnasium als Dozent arbeitet, hat die 31 Hobbyjournalisten fotografiert. Ihre fast lebens­grossen Porträts sind in der Ausstellung, die aus einsehbaren Dokumen­tationen, Videointerviews und Fotos besteht, integriert. Auch die Schüler selbst tragen zum Teil hiesige Namen wie etwa Maria Rosa Zurbriggen.

In Kurzinterviews wurde gefragt: «Hola, was weisst du über die Schweiz?» – «Sie haben keinen Kakao und trotzdem die beste Schokolade», antwortete jemand. «Sie beeindruckt mich tief, als hätte ich dorthin spirituelle Verbindungen», formulierte ein anderer seine patriotischen Liebesgrüsse. Ein guter Bürger sein und trotzdem die alte Heimat im Herzen behalten: Kein Problem für die Argentinier!

Ausstellung bis zum 28. Oktober, Alpines Museum der Schweiz. www.alpinesmuseum.ch

Berner Zeitung

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