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Die Predigt zum WochenendeDie Tore gehen auf

Pfarrerin Lea Scherler ruft in ihren Gedanken zum Palmsonntag dazu auf, auch in schwierigen Zeiten den Mut nicht zu verlieren.

Lea Scherler, Pfarrerin in Gerzensee.
Lea Scherler, Pfarrerin in Gerzensee.
Foto: Raphael Moser

Die Türen stehen weit offen. Stimmengewirr, lachende Kinder, leise klirrende Gläser und der Geruch nach Kaffee und ersten Mittagsmenüs. Wenn ich die Augen schliesse, bin ich mitten im Leben, zwischen all den Menschen, die ich nicht kenne, zu denen ich aber gehöre, einfach weil wir zufällig im gleichen Café sitzen. Es ist warm. Die Erinnerungen an den Sommer werden deutlicher. Ich kann die Sonnencreme und das Chlorwasser schon fast riechen. Vorhänge flattern in den geöffneten Fenstern und Balkontüren. Weit offen sind die Tore.

Aber es täuscht. Meine Fantasie spielt mir einen Streich. Oder hält meine Moral bei Laune. Wie man es nimmt. Die Cafés und öffentlichen Plätze sind leer. Es ist nicht nur am Sonntag stiller als sonst in den Strassen. Die Menschen bleiben auf Distanz. Zwei Meter sollen es sein. Nähe wird zur Gefahr, zum Risiko.

Sie und ich, wir müssen uns irgendwie ganz neu erfinden. Nähe anders herstellen. Ein erstes Kennenlernen nicht mit Händedruck besiegeln, sondern mit einem Lächeln. Die Türen auf andere Art und Weise öffnen.

Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit. Ich will durch sie einziehen, um Gott zu preisen.
Ich will dich preisen, denn du hast mich erhört und bist mir zur Rettung geworden.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.
Durch Gott ist es geschehen, wunderbar ist es in unseren Augen.
Dies ist der Tag, den Gott gemacht hat, wir wollen jauchzen und uns an ihm freuen.

Im Psalm 118 werden Tore aufgestossen. Ganz weit. Bodenständig und himmelweit. Mit gesungenen und gebeteten Worten. Sie ziehen in die Welt hinaus mit jedem Mal, da sie still oder laut gelesen werden. Sie erzählen von der Vorfreude auf das Glück. Von der Vorfreude auf federleichte Zeiten, in denen Gerechtigkeit nicht mehr nur ein fernes Versprechen ist. Gerechtigkeit, die für alle gilt. Ob arm oder reich, ob aus dem Süden oder dem Norden. Zeiten, die schon jetzt beginnen, die uns sagen: Es kommt gut.

Morgen ist Palmsonntag. Wir erzählen uns die Geschichte vom Einzug von Jesus in die Stadt Jerusalem vor über 2000 Jahren. In jenen Tagen wurde gerade das jüdische Pessach-Fest, als Erinnerung an die Befreiung aus der Sklaverei, gefeiert. Jerusalem war voller Menschen. Einige zogen Jesus entgegen. Er kam auf einem Esel geritten. Nicht auf einem Pferd wie die Könige. Man legte vor ihm Kleider und Palmenblätter auf den Weg. Keinen roten Teppich wie den Königen. Man jubelte ihm zu. Wie einem König. Der Weg nach Jerusalem war für Jesus ein ungewisser. Er ahnte vielleicht, dass am Ende sein Tod warten würde. Bestimmt war er besorgt, vielleicht hatte er Angst. Mit seinen klaren Worten, seinem Einstehen für die etwas anderen in der Gesellschaft und mit seiner Zuversicht, dass Gottes Liebe nicht nur oben im Himmel, sondern unten auf Erden ist, hat er sich Feinde gemacht. Mächtige Feinde, die in Jerusalem das Sagen und viele Anhänger hatten. Und trotzdem ging Jesus mit seinen Freundinnen und Freunden diesen Weg und keinen anderen.

Auch wenn wir nicht wissen, was auf uns wartet, sind da immer noch all die Menschen, die mit uns gehen.

Lea Scherler

Manchmal ist es so: Auch wenn uns nicht alle wie Königinnen und Könige empfangen, auch wenn der Weg nicht mit roten Teppichen ausgelegt ist und die Tore auf den ersten Blick verschlossen wirken, wenn wir nicht wissen, was auf uns wartet, auch dann sind da immer noch all die Menschen, die mit uns gehen. Dann sind da immer noch die Worte, die uns zuerst gar nicht aufgefallen sind, die uns jetzt aber stärken. Dann sind da immer noch die Lebenserfahrungen, die zu Ecksteinen geworden sind und aus denen wir ein Haus bauen können, das uns in stürmischen Zeiten beschützt.

Und zu jedem Haus wird uns ein Garten geschenkt. Und sei es nur ein Garten in unserer Fantasie. Dort können wir im Gras sitzen, den Himmel und die Weite betrachten. Die Augen schliessen und das Glück einziehen lassen.

Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit. Ich will durch sie einziehen, um Gott zu preisen.