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Trump macht Druck auf HerstellerDie USA kapern einen Lonza-Impfstoff

Mehrere Pharmaunternehmen beginnen demnächst mit der Produktion von Covid-19-Impfstoffen – darunter das Schweizer Unternehmen Lonza. Die USA machen Druck, damit sie zuerst beliefert werden.

Das Lonza-Werk in Visp: Kapazitäten des Schweizer Unternehmens sollen für die Covid-19-Impfstoffproduktion frei gehalten werden.
Das Lonza-Werk in Visp: Kapazitäten des Schweizer Unternehmens sollen für die Covid-19-Impfstoffproduktion frei gehalten werden.
Keystone/Oliver Maire

Das Rennen um den Zugang zu einem Covid-19-Impfstoff wurde diese Woche so richtig lanciert. Dass die Regeln des Marktes dabei ausser Kraft gesetzt sind, machte der Verwaltungsratspräsident des französischen Pharmakonzerns Sanofi, Paul Hudson, am Mittwoch klar: Die USA hätten beim Impfstoff «Vorrang», sagte er in einem Interview.

Sanofi, die mit dem britischen Pharmariesen GlaxoSmithKline zusammenarbeitet, wird von der US-Regierung bei der Entwicklung eines neuen Corona-Impfstoffs gesponsert. Deshalb sei es klar, dass diese ein Recht auf eine grössere Vorbestellung habe, so Hudson.

Das löste in Frankreich Empörung aus. Präsident Emmanuel Macron erklärte, ein Impfstoff sei ein weltweites öffentliches Gut. Premierminister Edouard Philippe zitierte den Sanofi-Präsidenten zu sich und machte ihm klar, es dürfe für niemanden einen privilegierten Zugang zum Impfstoff geben. Noch am gleichen Tag ruderte Sanofi auf Twitter zurück: «Der Impfstoff gegen Covid-19 wird allen Bürgern zur Verfügung gestellt werden, ungeachtet ihrer Nationalität.»

Operation Überlichtgeschwindigkeit

Nun droht sich das Schauspiel zu wiederholen – unter Beteiligung des Schweizer Pharmazulieferers Lonza. Denn im Hintergrund arbeiten die USA mit weiteren Unternehmen an einem exklusiven Zugang zu einem neuen Corona-Impfstoff. Aussichtsreichster Kandidat ist mRNA-1273 des US-Biotech-Unternehmens Moderna. Dieses wiederum arbeitet bei der Entwicklung eng mit Lonza zusammen.

Zurzeit läuft die erste klinische Studienphase mit 45 gesunden Freiwilligen. Bereits im Juli soll die zweite Testphase starten. Die Geschwindigkeit, mit der das US-Unternehmen arbeitet, ist atemberaubend – dauern Forschung und Entwicklung normalerweise mehrere Jahre.

Den hohen Takt kann Moderna vorlegen, weil es mit knapp einer halben Milliarde Dollar von der US-Biotech-Forschungs- und Entwicklungsbehörde Barda unterstützt wird. Doch diese Beiträge knüpft die US-Regierung offenbar an Bedingungen, wie die Sanofi-Episode zeigte.

Nicht nur bei der Forschung ist Moderna weit voraus, auch die nächste Herausforderung, genügend Kapazität zur Herstellung zu haben, hat das US-Unternehmen bereits gelöst: Anfang Mai unterzeichneten Moderna und der Schweizer Pharmahersteller Lonza einen Zehnjahresvertrag. Während dieser Zeit soll Lonza mit seinem grössten Produktionsstandort in Visp im Oberwallis seine Kapazitäten zur Impfstoffherstellung ausschliesslich für die US-Amerikaner frei halten – bis zu eine Milliarde Dosen pro Jahr will man bei Lonza herstellen können.

Damit ist Lonza ungewollt Teil der US-Operation «Warp Speed» geworden. Der Name ist eine Anlehnung an die Science-Fiction-Serie «Star Trek», in der Raumschiffe mit Überlichtgeschwindigkeit, also Warp Speed, den Weltraum erforschen. Damit will Trump deutlich machen, dass er bei der Impfstoff-Frage aufs Gas drückt. Bis Ende Jahr, so seine Vorgabe, soll dieser für US-Bürger erhältlich sein.

Wie eng Moderna und die US-Regierung zusammenarbeiten, wurde am Freitag klar, als US-Präsident Trump die beiden Spitzenposten besetzte: Als Chefberater stellte Trump Moderna-Verwaltungratsmitglied Moncef Slaoui vor. Der gebürtige Marrokaner ist US-Staatsbürger und trat von seinem 2017 angetretenen Posten bei Moderna umgehend zurück. Auch die Lonza Gruppe gab am Montag den Rücktritt von Slaoui aus dem Verwaltungsrat bekannt.

Schweiz setzt sich für weltweite faire Verteilung ein

Die Bevorzugung eines einzelnen Landes bei der Zuteilung eines Impfstoffs verstösst gegen die Regeln der Weltgesundheitsorganisation. Die Schweiz will sich gegen eine allfällige Benachteiligung von Patientinnen und Patienten ausserhalb der USA wehren. Innerhalb der Covid-19-Taskforce des Bundes arbeitet eine Gruppe zur Impfstoff-Frage. Ihr erklärtes Ziel ist es, den Zugang für die Schweizer Bevölkerung zu einem sicheren und wirksamen Impfstoff zu gewährleisten. «Dafür werden Angebote von verschiedenen Herstellern geprüft», sagt die Sprecherin des Bundesamts für Gesundheit, Katrin Holenstein.

Dass diese Strategie vom Wohlwollen anderer abhängt, dessen ist man sich beim Bund bewusst. Deshalb setze man sich für eine weltweit faire Verteilung ein und bringe sich in diesem Sinn in die laufenden Diskussionen ein, hält das Bundesamt dazu fest.

Doch Stimmen, die eine faire Verteilung des Impfstoffs fordern, werden kaum noch gehört: Ende April verabschiedete die UNO-Vollversammlung in New York eine Resolution aller Mitgliedsstaaten mit der Forderung, allen «gleichberechtigt» Zugang zu gewähren. Als diese Woche deutlich wurde, dass die USA mit Hochdruck an einer gegenteiligen Strategie arbeiten, hakte Costa Ricas Präsident Carlos Alvarado am Freitag an einer Pressekonferenz der Weltgesundheitsorganisation nach: «Wir fordern, dass die Covid-19-Forschung weltweit als öffentliches Gut gilt.»

Lonza-Aktionäre freut es

Von all dem unberührt, bereitet Lonza sein Werk an der US-Ostküste auf die Herstellung der ersten Impfstoff-Charge für den Phase-2-Test des neuen Covid-19-Impfstoffs vor. Voraussichtlich im Juli werde man mit der Herstellung beginnen.

Wann das Werk in Visp auf die Produktion umgestellt werde, hänge vom Fortschritt der klinischen Tests ab, sagt Lonza-Sprecherin Dana Fowler. «Als Hersteller sind wir nicht in die Diskussionen über den Zugang zu den Impfstoffen involviert», sagt sie. Moderna habe jedoch mit der Wahl von Lonza klargemacht, dass ihr Ziel die weltweite Versorgung sei, da Lonza in den USA, Europa und Asien Werke betreibe.

Anleger jedenfalls freut das Gerangel um den Zugang zu dem knappen Gut: Seit Jahresbeginn nahm der Wert der Lonza-Aktie um satte 27,1 Prozent zu, während der Aktienleitindex SMI um 10,7 Prozent sank. Zwar tauchte sie wie alle Titel zu Beginn der Corona-Krise –, hat sich seither jedoch mehr als erholt. Am Mittwoch erreichte sie mit 461.60 Franken einen Höchststand.