À la Dabbur

Munas Dabbur spielt als Profi wie damals als kleiner Bub in Nazareth. Auch deshalb steht GC auf Rang 2.

«Ihm den Ball abzunehmen, ist sehr schwierig», sagt Trainer Pierluigi Tami über den 23-jährigen Dabbur. Foto: A. della Valle (Keystone)

«Ihm den Ball abzunehmen, ist sehr schwierig», sagt Trainer Pierluigi Tami über den 23-jährigen Dabbur. Foto: A. della Valle (Keystone)

Ueli Kägi@ukaegi

Fussball à la Dabbur, das geht so: Er trifft mit dem Kopf. Er trifft mit rechts. Er staubt ab. Er legt auf. Er dribbelt gegen den ersten, den zweiten, den dritten – und dem vierten schiebt er den Ball durch die Beine. Er spielt kurz. Er spielt lang. Er stampft manchmal wütend durch die Gegend, wenn ihm etwas nicht gelungen ist. Dann lauert er ­wieder. Sprintet. Taucht einen Moment unter. Und wieder auf. Ist plötzlich an der Seitenlinie für einen Doppelpass mit Caio. Oder wurstelt sich einfach ­wieder durch die Gegenspieler.

Dabbur ist nicht besonders athletisch. Nicht besonders schnell. Nicht ­besonders elegant. Aber irgendwie klebt ihm der Ball am Fuss. Sein Stil verblüfft viele. Ihn allerdings nicht. Er weiss, dass er es kann. «Ich habe dieses Vertrauen», sagt er. Vermutlich ist es in diesen leichten Momenten einfach wie damals zu Hause in Israel. Der kleine Munas spielte draussen auf der Strasse mit seinen Freunden. Oder mit seinen vier älteren Brüdern im Garten vor dem Elternhaus, es gab dort einen kleinen Rasen mit zwei Toren. Oder in der Juniorenliga. Er hat dann gedribbelt. Und gepasst. Und wieder gedribbelt. Und Tore erzielt. Überall. Klein Munas zu stoppen, das war schwer. Bis unmöglich. Als Junior habe er jedes Jahr mehr als 100 Tore geschossen, erzählt er.

24 Stunden am Tag habe er damals Fussball gespielt, sagt er zuerst. Nein, das hat er natürlich nicht. Aber fünf, sechs Stunden, das waren es. In Nazareth ist er als Sohn palästinensischer ­Eltern aufgewachsen. Er hat es genossen, der Kleinste zu sein, es kümmerten sich alle herzlich um ihn. Es ging der ­Familie gut, der Vater besass zwei Unternehmen im Bau- und Immobilienbereich, bis er vor sechs Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam. Seither geht Dabburs Blick nach Toren zum Himmel.

«Noch nie so stark wie jetzt»

Konfliktsituationen mit Israelis hat er kaum einmal erlebt. Er war ein guter Schüler, «immer unter den besten drei, den besten fünf». Und er muss schmunzeln, wenn er zurückdenkt. Weil ihm ­damals viele sagten: «Munas, wir ver­stehen das nicht: Du spielst den ganzen Tag Fussball, du lernst nie, und trotzdem bist du in der Schule so gut.» Aber natürlich habe er gelernt. Am Abend. Nach dem Fussball.

Gleich nach der Schule zog er aus nach Tel Aviv, um bei Maccabi Profi zu werden. Er wurde nicht nur Profi. Er wurde auch U-Nationalspieler Israels. Ein politisches Thema ist sein Entscheid für das Nationalteam für ihn nicht, nur eine Frage der sportlichen Ambitionen. Palästinensische Fussballer mit hohen Zielen, sagt er, wollen zuerst in die israelische Profiliga. Und auch für Israels ­Nationalteam spielen.

Seit Frühjahr 2014 ist er nun bei GC, lebt allein in Dielsdorf, seine Freundin studiert in Ungarn Medizin. Aber alleine dürften sie ohne Verlobung ohnehin nicht zusammen sein, das verbietet ­ihnen die Tradition. In seiner ersten halben Saison hat Dabbur 9 Treffer erzielt. In der vergangenen waren es 13 in 32 Einsätzen. Jetzt steht er nach neun Runden bei: 6 Toren. Und vor allem: bei 10 Assists. Am Mittwoch beim 2:0 im Spitzenspiel gegen Sion bereitete er beide Treffer vor. Vor dem ersten stand er mit dem Rücken zum Tor, wurde von drei Gegenspielern bedrängt und fand trotzdem die Lücke für den Pass zu Caio. Beim zweiten deckte er den Ball gegen Sion-Goalie Vanins ab und passte zwischen den Beinen von Ziegler und Pa Modou hindurch auf Ravet.

Der kleine Munas hat gedribbelt. Und Tore erzielt. Als Junior jedes Jahr mehr als 100, sagt er.

Trainer Pierluigi Tami sagt: «Ich habe Dabbur noch nie so stark gesehen wie jetzt.» Und er zählt zügig auf, was der Stürmer alles mitbringt: «Er hat eine sehr gute Technik. Er ist ein Wettkampftyp. Er kämpft um jeden Ball. Er hat ein super Dribbling, das ist seine Stärke, er kann zwei Spieler auf zwei Metern ausspielen. Ihm den Ball abzunehmen, ist sehr schwierig.» Diese Qualitäten haben auch Palermo gefallen. Der Serie-A-Club wollte Dabbur Anfang August verpflichten. Und Dabbur? Der machte das öffentlich. Nach einem Match gegen Lugano, 6:1, ein Tor, zwei Assists, sagte er: «Ich hoffe, dass der Deal in den nächsten Tagen zustande kommt.» Es sei wichtig für ihn, einen weiteren Schritt zu machen.

Er hat ihn jetzt doch noch nicht gemacht, den Schritt. Er durfte nicht. Eine Geldfrage. Für rund 500 000 Franken haben die Grasshoppers ihn einst verpflichtet. Jetzt müsste er gegen 6 Millionen Franken einbringen, glaubt Tami. Für den Trainer gibt es keinen Zweifel, dass Dabbur auf dem Weg in eine grosse Liga ist. Es gibt für ihn aber auch keinen Zweifel, dass ein Wechsel jetzt zu früh gekommen wäre. Weil: «Bei GC ist Dabbur ein Leader. Bei uns kann er immer spielen. Er braucht die Kontinuität und tut sich schwer bei starker Konkurrenz. Er muss das Vertrauen spüren. Und er muss noch immer Fortschritte machen.» Und Tami glaubt auch: «Dabbur ist sehr froh, dass er bleiben konnte. Er hat Spass in diesem Team. Er spürt, wie er von allen geschätzt wird. Er lacht viel mehr als früher. Er ist glücklich hier.»

Obwohl Dabbur gerne weitergezogen wäre: Er widerspricht Tami nicht. Er hat einfach akzeptiert, dass nichts geworden ist aus Palermo. Und er hat weitergespielt wie vorher. «Ich habe nie vergessen, was GC mir gegeben hat», sagt er, «ich spüre 200 Prozent Vertrauen, wir haben ein gutes Team, und ich habe hier Freunde gefunden.»

Die Verbundenheit mit Caio

Einen Freund vor allem hat er gefunden. Den Brasilianer Caio. Englisch ist ihre gemeinsame Sprache, Deutsch klappt bei beiden noch zu wenig gut. Und verbinden tut sie der Fussball, ihre Art zu tricksen, zu passen, zu laufen. Dabbur sagt: «Ich wusste vom ersten Moment an, dass ich mit ihm spielen kann, wie ich es mag. Ich hatte vom ersten ­Moment an das Gefühl, wir seien sehr gute Freunde. Wenn du mit einem Spieler auf dem Rasen eng verbunden bist, bist du es oft auch daneben.»

Je sechs Tore haben die GC-Offensivspieler Dabbur, Caio, Ravet und Tara­shaj in den ersten neun Runden erzielt. Niemand stürmt erfolgreicher als der ­Rekordmeister mit seinen 29 Treffern. Er steht auf Platz 2. Dabbur gefällt, wie sich das Team entwickelt hat. Wie es die verpatzte letzte Saison mit den personellen Krisen und sportlichen Schwierigkeiten hinter sich gelassen hat. Wie es angeführt wird von Kim Källström, der so wichtig sei für sie alle. Wie niemand negativ reagiere, wenn er einmal nicht spiele. Dabbur sagt: «Vor der Saison haben doch alle ­davon geredet, dass GC Letzter oder Vorletzter werde. Jetzt wissen alle: Wir sind ein richtig starkes Team.»

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