Admir Mehmedi, der Neugeborene

Mit seinem Tor erlöst sich der vielkritisierte Stürmer – und rettet den überlegenen Schweizern gegen Rumänien wenigstens ein 1:1.

Zuerst untendurch und kurz vor der Auswechslung, dann der Schweizer Retter: Admir Mehmedi hier gegen Sapunaru. Foto: Alain Grosclaude (Freshfocus)

Zuerst untendurch und kurz vor der Auswechslung, dann der Schweizer Retter: Admir Mehmedi hier gegen Sapunaru. Foto: Alain Grosclaude (Freshfocus)

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Für einen ist es Zeit zu gehen. Für den anderen ist es Zeit zu kommen. Breel Embolo hat sich die Trainerjacke aus­gezogen. Eine letzte Anweisung vom Trainer noch. Vladimir Petkovic zeigt ihm auch mit den Armen, was er von ihm erwartet. Auf die Seite soll er. Und Druck erzeugen. Ein paar Sekunden noch, ein Corner nur, dann darf er rein. Und muss Admir Mehmedi raus.

Das ist klar in dieser 57. Minute. Also: Rodriguez schlägt den Eckball. Djourou und Seferovic behindern sich gegen­seitig beim Kopfballversuch. Der Ball holpert davon. Und springt Mehmedi vor die Füsse.

Der 25-Jährige hat in diesem Moment keine Zeit, um zu überlegen. Er zieht einfach durch, mit dem linken Bein, seinem schwächeren. Er kann in diesem Moment «nur hoffen, dass ich den Ball ideal treffe». Er weiss es noch nicht, als sein Bein Schwung geholt hat. Aber er weiss es im ersten Moment, in dem er den Ball losgetreten hat in Richtung Tor. Da denkt er: «Das ist nicht so schlecht.» Ein paar Hundertstelsekunden später steht es 1:1.

Mehmedi hat die Kritik mitbekommen. Und er hat sich auch etwas gewundert, wie er eingeschätzt wird.

Manchmal genügt im Fussball ein ­Moment, um aus schlecht gut zu machen. Und aus hässlich schön. Und aus hoffnungslos hoffnungsvoll. Und so ist das auch in diesem Augenblick. Mehmedi ist wenig gelungen gegen Albanien. Es geht ihm gegen Rumänien nicht viel besser. Bis dieser Augenblick kommt.

Admir Mehmedi, der Linksaussen der Schweiz, der aber auf praktisch allen ­Offensivpositionen spielen kann, weil er an guten Tagen alles mitbringt, hat das schon einmal erlebt. Er hat die Schweiz schon einmal geweckt. An der WM vor zwei Jahren wars. Valentin Stocker steht in der Hierarchie vor ihm, aber nur 45 Minuten lang, im Schweizer Auftaktspiel. Die Mannschaft liegt gegen Ecuador zurück. Also kommt nach der Pause Mehmedi. Rodriguez schlägt den Corner, als die 48. Minute läuft. Und Mehmedi den Ball mit dem Kopf über die ­Linie drückt. Nachher ist er aus dieser Mannschaft nicht mehr wegzudenken. Er wird der grosse Sieger der WM. Aber er ist kein Gewinner auf Dauer.

Das Auf und Ab, es scheint bei ihm ­dazuzugehören. Er war ein hochgelobtes Talent beim FCZ, aber bis er sich durchsetzt, mussten seine Trainer lernen, dass er als hängende Spitze besser ist als ganz vorne. Im Januar 2012, er ist noch keine 21, wechselt er für 4,5 Millionen Franken zu Dynamo Kiew. Nach 18 verlorenen Monaten rettet er sich zum SC Freiburg, wo er auf einen Trainer trifft, wie er vielleicht für ihn besonders wichtig ist. Für ihn, den Feinfühligen. Christian Streich, dieses Rumpelstilzchen an der Seitenlinie, hat ein Herz für seine Spieler. Und für Mehmedi besonders. Der Offensivspieler trifft jetzt wieder, wechselt 2015 für rund 7 Millionen Franken zu Leverkusen, ist da zuerst gut und glücklich. Dann weniger gut und weniger glücklich.

«Ihr wollt Spektakel sehen»

Die letzten Wochen in der abgelaufenen Saison hat er kaum mehr gespielt, und es ist trotz Vertrag bis 2018 unklar, ob er nach dem Sommer weiter beim Werksclub ist. In der Nationalmannschaft gerät er unter Druck. Wirkt er blockiert. Bis eben gestern, als der Ball auf ihn zuspringt. Danach ist er wie verwandelt. Plötzlich wieder leichtfüssig und tempostark. Setzt die Teamkollegen mit einer Finte ein. Schlägt Bälle über 40, 50 Meter. Ein Spieler wie neu geboren.

Über eine Stunde ist jetzt der Match vorbei. Dann steht Mehmedi in den ­Katakomben des Prinzenparks, die Kompressionssocken bis an die Knie hoch­gezogen, ein Turnschuh leuchtet rot, der andere gelb, so ist das heute ja.

Mehmedi hat die Kritik der vergangenen Tage mitbekommen. Und er hat sich auch etwas gewundert, wie er ein­geschätzt wird. Er sieht seine Leistungen ziemlich anders. «Ich habe meinen Job gemacht, ich habe sehr gut gearbeitet.» Und er sagt auch gleich, wo er den Unterschied sieht zwischen seiner ­Innen- und der medialen Aussenbetrachtung. Er sagt: «Ihr wollt Spektakel sehen. Doch wenn man mein Spiel genauer analysiert, wenn sich ein Fussballexperte ­damit beschäftigt, dann sieht er, was ich für die Mannschaft mache. Mir ist lieber, ich gebe alles für die Mannschaft.»

Es ist vielleicht das Problem dieses Mehmedi. Er sieht sich in erster Linie als Dienstleister für das Team. In unserer Erinnerung haben wir aber seine fünf Tore in der vergangenen Champions-League-Saison. Seine Läufe. Und seine exzellente Schusstechnik. Aber nicht seine Leistungen in der Defensive.

Häufiger schiessen? Es wäre gut

An diesem Matchtag hat er mitbekommen, dass ihn der Trainer auswechseln will. Und Mehmedi, dieser fast immer fröhliche junge Mann, erinnert sich nach dem Match gerne an diese Sekunden zurück. Und er hat den Schalk in den ­Augen, als er kommentiert: «Es wäre, glaube ich, die falsche Entscheidung ­gewesen, mich auszuwechseln.»

Ja, das wäre es. 44 Länderspiele hat er jetzt gemacht. Und erst 5 Tore erzielt. Da sind wir wieder. Bei der zählbaren Bilanz, die bei ihm nicht so gut ist, wie sie sein könnte. Nach diesem Spiel gibt er das selbst zu – und er tut auch das mit einem Lächeln: «Wenn ich häufiger aufs Tor schiessen würde, wäre es vielleicht nicht so schlecht.» Dann bräuchte die Schweiz vielleicht weniger zu zittern. Dann hätte sie vielleicht nicht nur vier Punkte nach zwei Runden. Sondern schon sechs. Und stünde schon sicher im Achtelfinal.

Mehmedi sagt, bevor er geht: «Wir sind alle enttäuscht, dass wir nur einen Punkt geholt haben heute.» Und fügt dann an, es klingt ganz selbstbewusst: «Jetzt müssen wir halt gegen Frankreich alles klar machen.»

Erstellt: 16.06.2016, 00:07 Uhr

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