The Who klingen wieder jung und verzweifelt

Die Rivalen Pete Townshend und Roger Daltrey haben sich zusammengerauft: The Who veröffentlichen nach 13 Jahren ein neues Album.

Zumindest im Fotostudio waren sie gemeinsam: Die beiden Who-Legenden Roger Daltrey und Pete Townshend. Foto: PD

Zumindest im Fotostudio waren sie gemeinsam: Die beiden Who-Legenden Roger Daltrey und Pete Townshend. Foto: PD

Es war ein heisser Sommertag, als Pete Townshend 1994 die Schweizer Presse in seinem Studio in Südlondon empfing. Was auffiel, war, wie verbraucht der Gitarrist, Songwriter und Vordenker der englischen Rockband The Who damals aussah. Die Stirnglatze und der leicht aufgeschwommene Rumpf erinnerten an einen Mann von über 60. Dabei hatte Townshend gerade erst seinen 49. Geburtstag gefeiert. Er, der dem Who-Sänger Roger Daltrey schon 1965 die vielzitierte Songzeile «I hope I die before I get old» in den Mund gelegt hatte, war vorzeitig alt geworden.

Später sollte sich herausstellen, dass Townshend als Songwriter so gut wie verstummt war. Sein bis heute letztes Soloalbum «Psychoderelict» war bereits 1993 erschienen, erst 2006 brachten The Who mit dem enttäuschenden «Endless Wire» wieder ein neues Werk zustande. Und seither war Townshend offenbar vor allem als Buchautor aktiv, sein Romandebüt «The Age of Anxiety» steht kurz vor der Veröffentlichung.

So laut waren The Who zu ihrer grössten Zeit: «My Generation», 1967. Video: iosonofederico (Youtube)

Nun legen Townshend und Daltrey wieder einmal ein Who-Album vor. Auf dem fantasielos betitelten «Who» frischen sie ihren Gitarrenrock mit einer packenden Dringlichkeit auf. Sie klingen wieder wie die Band, die The Who seit dem frühen Tod von Schlagzeuger Keith Moon (1978) und dem Hinschied von Bassist John Entwistle (2002) nicht mehr sind.

Die Rivalität zwischen Townshend und Daltrey hatte bereits in den 70er-Jahren in öffentlich vorgetragenen Handgreiflichkeiten und Schlammschlachten gemündet – ohne Moon und Entwistle waren die beiden einander überlassen. Die gegenseitige Animosität wurde bis heute nicht beigelegt. So entstand das neue Album «Who», ohne dass Townshend und Daltrey gleichzeitig ins Studio gingen.

So klingen The Who heute: «All This Music Must Fade», der erste Song des Albums. Video: The Who (Youtube)

Dass das Album trotz dieser denkbar ungünstigen Ausgangslage überzeugt, hat konzeptuelle Gründe: Zum ersten Mal seit der Rockoper «Quadrophenia» (1973) weiss Townshend wieder, wen er mit seiner Musik erreichen kann. Für junge Menschen können The Who nicht mehr als eine historisch interessante Kuriosität sein, darum sind es ältere Generationen, die Townshend ansprechen muss. Was keine einfache Aufgabe ist, wenn man nicht nur das Nostalgiebedürfnis der ergrauten Fans bedienen will.

Townshend erkennt auf dem Album, dass die Blütezeit seiner Band lange zurückliegt. In den Songs «Hero Ground Zero» und «Rockin' in Rage» leuchtet er die eigene Ratlosigkeit aus. Reicht es, kreativ getrieben oder einfach nur wütend zu sein, wenn man auch mit Mitte 70 noch Rockmusiker sein will?, wundert sich Townshend immer und immer wieder. Die von Daltrey herrlich ungestüm gesungene Musik liefert die Antwort auf diese Frage: Leiser ist die einst als lauteste Rockband der Welt verschriene Gruppe nicht geworden. Nur weiser.

Textlich unschön, aber musikalisch auf dem Punkt: «Ball and Chain». Video: The Who (Youtube)

Selbstzweifel und Hochmut waren die Extreme, zwischen denen The Who seit ihren Anfängen pendelten. Während Townshend seine Introvertiertheit auf der Bühne mit Aggressivität und Theatralik zu übertünchen suchte, bellte sich Daltrey ohne Rücksicht auf die eigene Physis durch das Getöse der anderen Bandmitglieder. Und erzählte dabei von Frustration, Ohnmacht und Verletzlichkeit.

2019 besingen Townshend und Daltrey ihr tiefes Entsetzen über die aktuelle Weltlage wuchtig, aber nicht immer eloquent. Der elektronisch angereicherte Worksong «Ball and Chain» funktioniert nur, wenn man über den Text hinweghört. Dieser Anklage im Namen der Häftlinge im US-Gefangenenlager Guantánamo fehlt die schneidende Pointe.

Musikalisch greift Townshend auf «Who» nur ganz selten daneben. «I'll Be Back», ein Vorstoss in Richtung R'n'B zum Thema Wiedergeburt, wirkt wie eine spirituelle Fingerübung. «She Rocked My World» ist eine gedämpfte Arabeske, die ganz und gar nicht zu The Who passt. Warum Townshend und Daltrey ihr Publikum damit quälen müssen, ist unklar.

Townshend war schon immer ein Extremist, der The Who gerne in ungewohnte Themenfelder und Klangbereiche zerrte. Mit dem Doppelalbum «Tommy» (1969) machte er die Rockoper salonfähig, auf dem meisterlichen Nachfolgewerk «Who's Next» (1971) integrierte er Einflüsse aus der Minimal Music in den brachialen Rock seiner Band.

Ein meisterlicher Song aus der Vergangenheit: «Baba O'Riley» aus «Who's Next». Video: The Who (Youtube)

Roger Daltrey dagegen war bei The Who der Lektor, der Townshends Experimentierlust wenn nötig eindämmte. Ihm ist es zu verdanken, dass «Who» nicht in die Beliebigkeit abdriftet. Hätte Daltrey sich nicht quergestellt, hätte die aufbrausende Eröffnungsnummer «All This Music Must Fade» eine Rap-Einlage enthalten. Ein schauerlicher Gedanke.

Wegen grandioser Songs kann man sich glücklich schätzen, an Townshend und Daltreys Gezanke teilhaben zu dürfen. Endlich klingen The Who, als wüssten sie wieder, wie es sich anfühlt, jung und verzweifelt zu sein. Dass das Album diese Gefühle erneut heraufbeschwören kann, ist nur ein scheinbares Wunder. Gegen Ende eines Lebens, wo einzelne Körperfunktionen immer öfter und immer heftiger ausfallen, wird man unweigerlich in einen Ohnmachtszustand zurückversetzt, wie man ihn seit seiner Pubertät nicht mehr erlebt hat. Townshend wird diese Parallelen zwischen Alter und Jugend längst erkannt haben. Anders lässt sich das kreative Aufbäumen nicht erklären, das er auf «Who» vorführt.

The Who: Who (Universal)

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