Der famose neue Verleger aus Ost-Berlin

Der erfolgreiche IT-Unternehmer Holger Friedrich kaufte die kriselnde «Berliner Zeitung» und entpuppte sich als Stasi-Spitzel.

Sei von der Stasi in einer Notlage erpresst worden: Der Ost-Berliner IT-Unternehmer Holger Friedrich. Foto: Britta Pedersen (Keystone)

Sei von der Stasi in einer Notlage erpresst worden: Der Ost-Berliner IT-Unternehmer Holger Friedrich. Foto: Britta Pedersen (Keystone)

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Holger & Silke. Die Namen rauschten in den letzten Wochen durch Berlin wie der Titel einer neuen hippen TV-Soap. Bevor die Eheleute Friedrich im September die «Berliner Zeitung» kauften, kannte sie niemand. Danach waren sie Stadtgespräch.

Er, 53, Glatze, Hipster-Rauschebart, schillernd, selbstbewusst. Als einer der wenigen Ost-Berliner brachte er es nach 1989 zu Erfolg, Reichtum und einer Villa am Wannsee. Sein erstes Softwareunternehmen verkaufte er an SAP, er beriet für McKinsey, seine neue IT-Firma nennt er nicht Firma, sondern Thinktank.

Sie, 47, ebenfalls aus dem Osten, hart, cool, selbstbewusst, kaufte mal eben eine internationale Schule, als die Familie von London nach Berlin zurückkehrte und für die eigenen Kinder nichts Brauchbares fand. Sie baute sie zur grössten englischsprachigen Privatschule Deutschlands aus, mit mehr als 1000 Schülern.

«Was wir wollen»

Alle fragten: Was will dieses Paar mit der «Berliner Zeitung»? Wie will es dieses respektierte, aber von früheren Besitzern kaputtgesparte und von vielen Lesern verlassene Blatt retten? Die Neugierde war riesig. Aber je mehr Interviews das famose Paar über sein «zivilgesellschaftliches Engagement» gab, umso ratloser wurde man. Aus den Wortschwällen liess sich mit etwas Wohlwollen entnehmen, dass die Zeitung irgendwie digitaler werden sollte, irgendwie politischer, jedenfalls mit dem Osten im Zentrum.

125 Seiten dick ist Friedrichs Akte, mehr als 20 Mit-Soldaten soll er denunziert haben.

Die Ratlosigkeit wich Konsternation, als das Paar unter dem Titel «Was wir wollen» zwei Seiten der «Berliner Zeitung» mit einem Manifest vollschrieb. Der Text war augenscheinlich unredigiert ins Blatt gekommen und las sich auch so: verquast, teilweise schlicht unverständlich, dabei geltungssüchtig und überheblich. Irgendwie verstand man, dass Wladimir Putin eigentlich ganz gut und der letzte DDR-Statthalter Egon Krenz ein Held gewesen sein soll und dass die Friedrichs ansonsten reale Politik und reale Politiker eher verachteten. Wie die hyperklugen Milliardäre aus dem Silicon Valley halt.

Informeller Spitzel der Stasi

Aus Konsternation wurde Entsetzen, als am vergangenen Wochenende auskam, dass Holger Friedrich 1988 für die Stasi als informeller Mitarbeiter gespitzelt hatte. 125 Seiten dick ist seine Akte, mehr als 20 Mit-Soldaten soll er denunziert haben. Der Verleger entschuldigte sich damit, dass er von der Stasi in einer Notlage erpresst worden sei. Er habe jedoch niemandem geschadet. Für die Ost-«Berliner Zeitung», die sich nach 1989 erst von den abgehalfterten sozialistischen Chefs und später in einem schmerzvollen Prozess von den Stasi-Mitarbeitern in der Redaktion befreien musste, war es eine Katastrophe.

Als gleichzeitig noch bekannt wurde, dass die neuen Verleger einen Jubeltext über ein erfolgreiches ostdeutsches Biotechunternehmen auf die Frontseite gehievt hatten, ohne der Redaktion zu sagen, dass Holger Friedrich an diesem beteiligt war und sogar in dessen Aufsichtsrat sass, hatte Berlin fürs Erste genug. Der ersehnte Aufbruch der «Berliner Zeitung» jedenfalls scheint vorbei, bevor er überhaupt angefangen hat. Ob Holger und Silke Friedrich das auch noch selber merken? Vermutlich eher nicht.

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