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Der Spion, der mich vergewaltigte

Das junge TV-Publikum in Grossbritannien hat keinen Bock auf den sexistischen James Bond. Die #MeToo-Debatte hat den berühmtesten Film-Spion erreicht.

Da gibt es diese Szenen, die sind selbst den eingefleischten Bond-Fans mehr als unangenehm. Bond gibt seiner Gespielin eine Klaps auf den Hintern – «Geh jetzt, die Männer müssen was besprechen.» («Goldfinger»); Bond vergewaltigt Pussy Galore (ebenfalls «Goldfinger»); Bond erpresst eine Pflegerin zum Sex («Thunderball»); Bond belächelt die Wissenschaftlerin («Moonraker»); Bond steigt ungefragt zur Sex-Sklavin in die Dusche («Skyfall»).

Unzählige weitere solche Szenen könnte man aufzählen – über fünfzig Jahre einer der erfolgreichsten Film-Franchisen und 25 Agenten-Abenteuer geben da so einiges her. Seit ein paar Wochen wird James Bonds fragwürdiges Frauenbild im angelsächsischen Raum wieder einmal angeregt diskutiert. Über die Festtage hatte der britische Sender ITV eine ganze Reihe Bond-Filme aus der Connery- und Moore-Ära gezeigt. Vor allem jüngere Zuschauer, bis anhin mit diesen Filmen nicht vertraut, zeigten sich folglich entrüstet über James Bond. Vor allem Sean Connerys Reinkarnation der Figur sei nichts weniger als ein Vergewaltiger, so ein oft gelesenes Votum in den sozialen Medien.

Bond kommt ungefragt ins Bad

Seit gestern läuft die Debatte auch auf dem Facebook-Account des britischen «Guardian» weiter. «Is 007 too toxic for the #MeToo era?» – ist Bond in Zeiten von #MeToo noch tragbar? Diese Frage hatte Kulturredaktor Ben Child zuvor in einem Artikel gestellt. Sein Schluss: Die Studios müssten aufhören, Bond als Inbegriff britischer Coolness zu verkaufen. Fans wiederum sollten den Agenten nicht mehr zum Vorbild nehmen. Akzeptiere man Bond als dunkle und fehlbare Film- und Romanfigur, könne man auch weiter seine Abenteuer geniessen.

Die Diskussion um James Bonds Sexismus ist an sich nicht neu. Denn selbst bei den neueren Craig-Filmen sorgten einzelne Szenen immer mal wieder für Kritik. Dass dies alles gerade jetzt wieder aufflammt, überrascht nicht: Wenn über die Festtage «Thunderball» und «Skyfall» im Fernsehen läuft, wenn Bond also zur Badenden ins Badezimmer platzt oder Moneypenny während der Autofahrt ins Lenkrad greift, dann sind das Echos all jener Aussagen zu Übergriffen und Alltagssexismus, die wir in den Wochen und Monaten zuvor im Zusammenhang mit #MeToo von Frauen lesen konnten. Einzig stellen sich nun die Fragen: Kann man überhaupt eine fiktive Figur verurteilen? Kann man Bond-Filme aus den 60ern und 70ern nach heutigen gesellschaftlichen Standards beurteilen?

Für das Gros der «Guardian»-Leserschaft ist der Fall klar: Nein. «Ich hatte nie den Eindruck, Bond als Vorbild nehmen zu müssen», schreibt etwa ein Kommentator. Eine Leserin wiederum sagt: «Es ist lächerlich, heutige moralische Vorstellungen über Romane aus den 50ern und Filme aus den 60er bis 90ern stülpen zu wollen.»

Ohne Nostalgie-Filter

Letzteres ist ein gängiges Argument in dieser und ähnlichen Debatten. Fraglich ist, ob es bei einem jüngeren Publikum noch zieht. Wer mit der Retro-Welle von Filmen und Serien der jüngsten Vergangenheit sozialisiert wurde, hat sich an eine Gleichzeitigkeit der Epochen gewöhnt. Hier ein Film, der in den 60ern spielt, dort eine Serie, die die 80er zurückholt – nur ebnet oft ein Nostalgie-Filter aus, was zu grobe Unverträglichkeiten mit den heutigen gesellschaftlichen Normen darstellen könnte. Läuft dann plötzlich etwas wie ein Bond-Film am Fernsehen, wird dieser folglich ebenfalls an den heutigen Massstäben gemessen. Und Bonds aggressive Sexualität, seine Klapse und Ohrfeigen stechen dann heraus; jüngere Zuschauer werden diese nicht mehr einfach automatisch als «Retro» goutieren, als «damals-war-es-halt-so».

Ebenso dürfte #MeToo und die Debatten der letzten Monate zu einer Sensibilisierung beigetragen haben - künftige Reinkarnationen von James Bond dürften noch strenger beäugt werden. Daran sollten auch die Produzenten der Reihe denken, wenn sie ihn das nächste Mal auf Abenteuer schicken, diesen Dinosaurier.

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