Der Terror wird Routine

Der jüngste Anschlag in Ankara steht nicht nur für das Scheitern von Erdogans Kurdenpolitik, sondern auch für eine neue Stufe der Eskalation.

Die Türkei trauert – schon wieder: Angehörige eines der Opfer des jüngsten Terroranschlags. Foto: Sedat Suna (Keystone)

Die Türkei trauert – schon wieder: Angehörige eines der Opfer des jüngsten Terroranschlags. Foto: Sedat Suna (Keystone)

Mike Szymanski@Herr_Szymanski

Die Türkei ist ein bedauernswertes Land. Kummer und Leid scheinen es auf ewig zu begleiten. 30 Jahre Kampf gegen die verbotene Kurdische Arbeiterpartei (PKK) haben dazu geführt, dass Tränen besonders schnell trocknen müssen und Wunden kaum mehr Zeit bekommen, zu vernarben. Es wird deshalb auch nicht lange dauern, bis Ankara nach dem Anschlag vom Sonntag wieder in einen Zustand übergeht, den man Alltag nennt. Zum dritten Mal in nur einem halben Jahr hat ein Terrorakt die Hauptstadt erschüttert. Was den Umgang mit dieser Gewalt angeht, hat nicht nur die Stadt, sondern das Land insgesamt eine seltsame, eine beängstigende Routine entwickelt. Gerade so, als hätten sie sich damit abgefunden, für immer im Schatten der Angst leben zu müssen.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat seinem Land viel gegeben, nachdem er seine islamisch-konservative Partei AKP 2002 an die Macht geführt hatte: einen beachtlichen Wirtschaftsaufschwung, Respekt im Ausland, ein regelrechtes Türkei-­Erwachen.

Das grösste Geschenk aber enthielt er seinem Volk vor: den Frieden im Inneren. Wenn sich tatsächlich bestätigen sollte, dass radikale Kurdenorganisationen mit Verbindungen zur PKK hinter dem Anschlag stecken, dann markiert der 13. März 2016 einen Wendepunkt: Dieses Datum steht dann nicht nur für das Scheitern von Erdogans Kurdenpolitik, sondern auch für eine neue Stufe der Eskalation. Das Attentat bestätigt auf schmerzliche Art und Weise, was alle aus der Geschichte wissen konnten: Mit Waffengewalt ist der Konflikt nicht zu lösen.

Die PKK lebt vom Terror

Es sind Erdogans Egoismus auf der einen Seite und die zerstörerische Kraft der terroristischen PKK auf der anderen, die das Leid nur in die Länge ziehen, anstatt es zu beenden. Im Sommer vergangenen Jahres ging Erdogans Hitzköpfigkeit mit ihm durch. Den Einzug der prokurdischen Partei HDP ins Parlament betrachtete er nicht als Chance für das Land, sondern als Bedrohung für seinen Machtanspruch. Auch für die PKK war die HDP und ihr charismatischer Anführer Selahattin Demirtas zur Konkurrenz geworden. Die PKK lebt vom Terror. Angst und Gewalt nähren ihre Strukturen. Die HDP lebte von der Hoffnung auf Frieden.

Mit enthemmter Gewalt geht die Armee seit Dezember in den Kurdenhochburgen gegen die PKK vor – und erreicht doch nur das Gegenteil. Erdogans Politik des In-die-Knie-Zwingens treibt grosse Teile der Zivilbevölkerung, die des Kriegs längst überdrüssig war, zurück in die Arme der PKK. Das passiert zu einem Zeitpunkt, in dem im Nordirak ein autonomes Kurdistan schon Realität geworden ist. Im Norden Syriens schaffen die Kurden gerade Fakten für ein ähnliches Gebilde. Die Türkei scheint den Moment verpasst zu haben, ihren Kurden die Hand zu reichen. Das Verlangen nach Autonomie ist so gross wie lange nicht mehr. All das spielt der PKK in die Hände. Die HDP hat sie zermürbt. Demirtas konnte ihr zu wenig entgegensetzen. Die Regierung hat ihn zusätzlich geschwächt. Sie verfolgt die HDP-Spitze juristisch wegen Terrorverdachts. Jetzt sprechen wieder die Waffen. Niemand scheint mehr sicher zu sein, nirgends im Land. Das ist die perfide Botschaft der PKK.

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