«Die Leute zeigen mit dem Finger aufeinander»

Alexei Sorokin ist OK-Chef der Fussball-WM 2018 in Russland. Die massive Kritik an seinem Land lässt er abprallen.

Von den zwölf WM-Stadien werden neun neu gebaut und drei komplett saniert wie hier das Luschniki-Stadion in Moskau, wo der Final stattfindet. Foto: Maxim Schemetow (Reuters)

Von den zwölf WM-Stadien werden neun neu gebaut und drei komplett saniert wie hier das Luschniki-Stadion in Moskau, wo der Final stattfindet. Foto: Maxim Schemetow (Reuters)

Ueli Kägi@ukaegi

Die WM kommt. Und im Zentrum stehen: Krisen, Ungereimtheiten, Geld- und Korruptionsfragen.

Im Dezember 2010 hat Russland in Zürich den Zuschlag für 2018 erhalten. Seither wird spekuliert, ob die Wahl ­gekauft war. Gerade erlebt der russische Sport mit dem Dopingskandal in der Leichtathletik eine seiner grössten Krisen. In der Vorbereitung auf die Fussball-WM wird das Land für seine Arbeitsgesetze kritisiert. Oder den Umgang mit Homosexuellen. Und es drohen die ­Kosten aus dem Ruder zu laufen.

Alexei Sorokin hat wenig Verständnis für die Kritik und glaubt Russland auf dem Weg zur «besten WM der Geschichte». Der Chef des Organisationskomitees war in der vergangenen Woche bei einem Podiumsgespräch der International Football Arena in Zürich. ­Anschliessend beantwortete er im ­kleinen Journalistenkreis Fragen.

Fifa-Präsident Sepp Blatter hat kürzlich gesagt, es sei schon vor der Vergabe der WM abgemacht ­gewesen: 2018 geht an Russland, 2022 an die USA. Dann aber habe das Treffen zwischen Platini, ­Sarkozy und dem Emir von Katar die WM 2022 nach Katar gebracht.
Wie soll ich Blatters Worte kommentieren? Ich habe sie so gelesen, dass es bei gewissen Leuten Unterstützung gab für eine WM in Russland. Aber gab es eine Abmachung? Zwischen wem? Es gab Leute (er meint Mitglieder der Fifa-Exekutive), die uns sagten, dass sie nicht für uns stimmen würden. Wir leben gerade in einer Atmosphäre, in der die Leute mit dem Finger aufeinander zeigen und sich die Schuld zuschieben. Ich sehe nichts Boshaftes in Blatters Worten.

Es heisst, dass einzelne staatliche Justizbehörden die russische ­Bewerbung und die Vergabe überprüfen wollen. Was erwarten Sie?
Wir haben keine Erwartungen. Wir sind der Ansicht, dass die Untersuchung ­bereits stattgefunden hat, durchgeführt durch die Fifa mit kompetenten Leuten...

... durch die Ethikkommission ...
... genau. Wir haben die benötigten Dokumente ausgehändigt, und die Schlussforderungen der Untersuchung wurden publik (die Ethikkommission stellt zwar mehrere Verstösse fest, stufte diese aber als nicht so wesentlich ein, dass Sanktionen nötig gewesen wären). Ausserdem haben sich bislang keine Behörden ­irgendwelcher Länder mit uns in Verbindung gesetzt. Für uns ist die Unter­suchung auch abgeschlossen.

Die Ethikkommission stellte fest, dass von der erfolgreichen ­russischen WM-Bewerbung plötzlich Computer fehlten.
Was soll ich dazu noch sagen? Wir haben es so oft erklärt. Wir haben für die Zeit unserer Bewerbung Computer ausgeliehen, und diese mussten wir zurückgeben.

Verstehen Sie, dass viele Leute diese Geschichte eigenartig finden?
Vielleicht sollten die Leute positiver denken.

Verschwundene Computer, das macht hellhörig in Zeiten, in denen fast jede WM gekauft zu sein scheint.
Wenn Sie Teil einer grossen Operation sind, handeln Sie so, wie Sie glauben, dass es richtig ist. Und nicht so, wie Sie glauben, dass es andere für richtig halten.

Zuletzt erlebte der Weltsport den Skandal um offenbar systematisches Doping in der russischen Leicht­athletik. Was können Sie tun, damit die westliche Welt wieder Vertrauen in den russischen Sport hat?
Ich bin kein Teil des Leichtathletik-Prozesses. Ich kenne die Details nicht, aber natürlich ist mir bewusst, dass die IAAF (der Internationale Leichtathletikverband) Russland temporär ausgeschlossen hat und dass das Anti-Doping-Labor geschlossen wurde. Wir werden zurückkehren können, wenn wir Transparenz geschafft haben. Die Fussball-WM wird auch ohne Anti-Doping-Labor durch­geführt, es sind effiziente Kontrollen auch mit Ersatzlösungen möglich.

Spüren Sie einen Vertrauensverlust der westlichen Welt gegenüber ­Russland aufgrund der ­Verdächtigungen und Probleme?
Nein. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Vielleicht sollten Sie mit Leuten reden, die zur Auslosung der WM-Qualifikation bei uns waren. Die Veranstaltungen, die wir zuletzt organisierten, haben das Vertrauen in uns erhöht.

Es liegt die Vermutung nahe, dass Sportminister Witali Mutko ­involviert war in den Dopingskandal.
Was meinen Sie genau mit: involviert?

Genau lässt sich das schwer sagen.
Sehen Sie, das ist überall die Antwort. Niemand weiss etwas. Es geht um ­Gerüchte, die von Medien aufgenommen worden sind, Gerüchte! Glauben Sie wirklich, dass ein russischer Minister alles riskieren würde mit seiner Beteiligung an einem unsauberen Geschäft?

Es gibt allein in der Fifa wegen der Korruption viele Fragen wie diese.
Ich kann zu Gerüchten oder Meinungen keine Kommentare abgeben. Ich bin ­Manager mit dem Auftrag, die WM 2018 zu organisieren.

Was wird Russland der Welt mit der WM bieten?
Unser Organisationsteam ist 140 Leute stark, es wird auf 1000 anwachsen. Dazu werden 20 000 Freiwillige während des Turniers helfen. Wir scheuen keinen ­Effort. Die Besucher werden ein sehr vielfältiges Land kennen lernen mit elf Spielorten, die sich geografisch, kulturell, klimatisch, religiös und durch den Charakter der Einheimischen teilweise stark voneinander unterscheiden. Einige der Städte sind über 1000 Jahre alt und werden den Besuchern Geschichten erzählen mit Museen, mit Ausstellungen, durch die Architektur ... Wir sind bestens ausgerüstet für ein brillantes Turnier – eines mit russischem Geschmack.

Es wird auch eine WM der grossen Distanzen. Zwischen der südlichsten Stadt Sotschi und der nördlichsten Stadt St. Petersburg liegen 2350 Strassenkilometer und 29 Stunden Autofahrt – netto.
Wir könnten den Westen unsere Landes schrumpfen, um die Distanzen etwas kürzer werden zu lassen (schmunzelt). Keine Stadt liegt mehr als zwei Flugstunden von Moskau entfernt. Wir sind also im Vergleich zu anderen Weltmeisterschaften auf der sicheren Seite.

Der Rubel hat extrem an Wert ­verloren. Hat das den Preis der WM für Russland in die Höhe gedrückt?
Wir werden in Rubel bezahlt, unser ­Infrastrukturprogramm wird mit Rubel bezahlt, wir leben mit dem Rubel ...

... aber Leistungen, die Sie aus dem Ausland beziehen, sind plötzlich viel teurer. Ist das kein Problem?
Ihre Feststellung ist richtig, aber wir kaufen nicht alles im Ausland ein. Was die grossen Investments angeht: Es gibt in Russland ein Programm, das die Importmenge reduzieren soll. Ent­sprechend produzieren wir mehr in Russland.

Unabhängige Organisationen kritisieren Russland dafür, die Bedingungen für die Arbeiter auf den WM-Baustellen mit Gesetzesänderungen massiv verschlechtert zu haben, die Arbeiter würden ausgebeutet.
Das russische Gesetz erlaubt es, bei wichtigen und unter Zeitdruck stehenden Projekten besonderen Einsatz zu verlangen. Das betrifft sämtliche ­Arbeitsbereiche. Diese Bestimmungen sind aber weit davon entfernt, Arbeitsbedingungen zu verletzen.

Wie viele Stadien werden neu gebaut?
Praktisch alle. Drei werden von Grund auf saniert, neun Stadien sind Neubauten, insgesamt wird es 122 neue Rasenplätze geben für Spiele und Trainings. Dazu entstehen Strassen, die zwar auch ohne WM gebaut worden ­wären, jetzt geht es aber schneller. Es werden elf Flughäfen renoviert oder ausgebaut. Allerdings müssen wir die Welt nicht mit Geldausgaben beeindrucken. Es wird nichts Unnötiges, Eigenartiges gebaut.

Das haben andere WM-Organisatoren auch gesagt. Jetzt stehen ­Stadien in Manaus oder Südafrika ungebraucht da. Braucht der ­russische Fussball wirklich zwölf grosse Stadien? Liga-Spiele ziehen im Schnitt 12'000 Zuschauer an, und vier WM-Städte haben gar kein Erstliga-Team.
Viele der Stadien haben eine Kapazität von rund 45'000 Zuschauern. Und sechs davon werden nach der WM um bis zu 22'000 Plätze ­zurückgebaut.

Nach den Anschlägen in Paris ist die Sicherheitsfrage bei grossen ­Fussballanlässen noch stärker ins Zentrum gerückt. Welche Auswirkungen haben die terroristischen Attacken auf das Sicherheitskonzept von Russland 2018?
Terroristische Bedrohungen waren Teil unserer Überlegungen, als wir das Sicherheitskonzept erarbeiteten. Russland war in der Vergangenheit auch schon Ziel ähnlicher Angriffe. Die Anschläge in ­Paris haben also nichts verändert. Ich glaube nicht, dass wir in diesem Bereich noch besser arbeiten können.

Tages-Anzeiger

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