«Die Schonzeit beim FCZ ist vorbei»

Trainer Sami Hyypiä hat seine Spieler während der Pause fit getrimmt. Das verlangt er nun von seinem stark veränderten Team.

Sein Team hat zwei Testspiele 0:4 verloren und in vier Partien nur ein Tor erzielt. Sami Hyypiä glaubt trotzdem, dass der FCZ im Abstiegskampf besteht. Foto: Gabriele Putzu (Keystone)

Sein Team hat zwei Testspiele 0:4 verloren und in vier Partien nur ein Tor erzielt. Sami Hyypiä glaubt trotzdem, dass der FCZ im Abstiegskampf besteht. Foto: Gabriele Putzu (Keystone)

Ihr FCZ ist in Abstiegsgefahr, trotzdem gab der Club in der Winterpause mehrere National­spieler und den besten Torschützen ab. Spielen Sie auf Risiko?
Ich sehe es nicht als Risiko. Ich treffe Entscheidungen für die Sache und mit Sicht aufs Ganze. Auch mit diesen jetzt abgegebenen Spielern sind wir in den Abstiegskampf geraten.

Erklären Sie uns Ihre Sicht aufs Ganze. Wieso ist ein Spieler wie Chiumiento, im Sommer von Präsident Canepa noch hochgelobt, nicht gut genug für Sie?
Das wissen ich und Chiumiento. Öffentlich erläutere ich die Gründe nicht.

Die massiven Veränderungen mit sieben abgegebenen Spielern deuten darauf hin, dass beim FCZ vieles nicht Ihren Vorstellungen entsprochen hat. Haben Sie bei der Vertragsunterzeichnung so grosse Probleme erwartet?
Die Abgänge von Gavranovic und Schneuwly kamen nach den anderen Massnahmen (er meint den Ausschluss von Chiumiento, Chermiti, Djimsiti und Di Gregorio aus der 1. Mannschaft). Sie waren aufgrund der Umstände auch nicht ganz überraschend. Gavranovics Vertrag wäre im Sommer ausgelaufen. Ich verstand seine Situation und seinen Wunsch zum sofortigen Wechsel, da er ein Angebot hatte und bei uns im ­Sommer sowieso Schluss gewesen wäre. Schneuwly hätte gern häufiger gespielt, diese Garantie mochte ich ihm aber nicht geben, die will ich niemandem ­geben.

Wir fragen noch einmal: Sind Sie erschrocken, als Sie realisierten, wie viele Probleme dieses Team hat?
Nicht erschrocken. (überlegt lange) Manchmal ist es einfach so. Dann muss der Trainer überlegen, welche Korrek­turen nötig sind. Ich habe von Anfang an gesagt, dass das Kader zu gross ist. Und natürlich trifft es dann vor allen anderen diejenigen Spieler, deren Verträge auslaufen – sofern beide Seiten nicht ver­längern möchten.

«Kerschakow arbeitet hart, um auf das nötige Niveau zu kommen. Und Sánchez kann ein Führungsspieler sein.»

Ist das Kader mit den Zuzügen Alexander Kerschakow und Leonardo Sánchez sowie Rückkehrer Schönbächler jetzt besser als vorher?
Vorher schrieben alle, dass wir zu viele Stürmer hätten. Nun haben wir uns von Stürmern getrennt, und schon heisst es, es seien zu wenig Stürmer. Das verstehe ich nicht. Ich glaube, dass uns mit ­diesem Kader die Befreiung aus der ­aktuellen Lage gelingen kann.

Als Mittelstürmer bleiben Ihnen noch Kerschakow und Etoundi. Ist das nicht gefährlich, da Kerschakow 33 ist, lange nicht gespielt hat und deshalb besonders verletzungs­anfällig sein könnte.
Deutschland wurde ohne richtigen ­Stürmer Weltmeister. Ich bin ausserdem der Ansicht, dass Spieler, die nicht als Mittelstürmer ausgebildet worden sind, auf dieser Position spielen können.

Wer beim FCZ hat diese Qualitäten?
Zum Beispiel Kevin Bua.

Das würde heissen: Bua rückt ins Zentrum, dafür gibt es auf der linken Seite Platz für Schönbächler.
(schmunzelt) Ich denke noch nicht so weit. Wir müssen jede Woche schauen, welche Spieler fit sind.

Ist Schönbächler nach seiner langen Verletzungspause wieder ganz fit?
Er hat mittrainiert, er hat gespielt . . . Er hatte während der Vorbereitung ein ­kleines Problem, darauf haben wir die Intensität reduziert. Danach hat er ­wieder alles mitgemacht.

Welchen Eindruck haben Sie vom russischen Rekordtorschützen Kerschakow und dem argentinischen Innenverteidiger Sánchez?
Kerschakow weiss selbst, dass er noch nicht topfit ist, er arbeitet aber hart, um auf das nötige Niveau zu kommen. Bei Sánchez habe ich gesehen, dass er über Qualität und eine gute Mentalität verfügt. Hat er die Sprache besser im Griff, kann er ein Führungsspieler sein.

Was uns irritierte: Sie sagten beim Trainingsstart, dass Sie da erstmals mit Kerschakow gesprochen hätten. Im Normalfall redet doch ein Trainer vor der Verpflichtung mit einem neuen Spieler.
Wenn wir in unserer Situation einen Spieler wie Kerschakow verpflichten können, der so oft für die russische ­Nationalmannschaft gespielt und viele Tore erzielt hat und noch nicht alt ist, dann müssen wir es tun. Ist ein Spieler 35 oder 37, kann er vielleicht als alt ­gelten, obwohl auch dies nur Zahlen sind. Ich selbst habe lange gespielt.

Also halten wir fest: Kerschakow ist ein Wunschtransfer von Ihnen.
Wunschtransfer . . . Wunschtransfer ist, wenn wir Lionel Messi bekommen. Oder Cristiano Ronaldo. Aber ja: Als ich gehört habe, dass Kerschakow machbar ist, habe ich sofort «Ja» gesagt.

Und bei Sánchez?
Ich habe Videos von ihm gesehen. Danach haben wir entschieden, ihn zu verpflichten. Es war mir nicht möglich, ihn live zu sehen. Die Saison in Argentinien war bereits zu Ende.

Böse gesagt: Sánchez ist ein Youtube-Transfer.
Das haben Sie gesagt. Schreiben Sie also nicht, ich hätte das getan.

Nein, das ist unsere – zugegeben – etwas böse Behauptung. Ist der FCZ im Transferbereich mit Präsident und Sportchef Canepa so aufgestellt, dass Sie sagen können, der Club hat bestmögliche Arbeit geleistet?
Sie möchten mit dieser Frage bewirken, dass ich den Präsidenten, dass ich ­meinen Boss kritisiere.

Nein, wir möchten, dass Sie Canepas Arbeit beurteilen, da er trotz Kritik der Überzeugung ist, beide Positionen ausüben zu können.
Alle Transfers – ob nach der Sichtung von Videos oder nach 100-facher persönlicher Beobachtung – beinhalten ein Risiko. Meine Aufgabe ist, alles aus diesem Kader herauszuholen. Gelingt mir das nicht, bin ich irgendwann weg. Aber natürlich ist es schön, wenn ich Einfluss habe auf die Wahl der Spieler.

Und das hatten Sie?
Ja.

Sie veränderten in Ihren ersten Monaten beim FCZ die Start­formation oft und sagten, Sie wollten alle Spieler im Match sehen. Ist diese Zeit jetzt vorbei?
Natürlich.

Sie haben also Ihre Stammformation gefunden.
Was heisst Stammformation? Ich glaube nicht, dass ich in jedem Match mit den gleichen elf Spielern beginne. Meine Sichtungsphase hat länger gedauert, als ich das ursprünglich wollte. Jetzt habe ich mehr oder weniger eine Idee unserer besten Mannschaft.

Der FCZ liegt zwei Punkte vor Vaduz auf Rang 9, trotzdem spricht niemand im Club über einen möglichen Abstieg. Ist das gut?
Ich tue es auch nicht. Ich weiss aber, dass die Situation ernst ist und wir da nicht automatisch herausfinden.

Weiss das auch jeder Spieler?
Ich hoffe es. Und wenn Sie es nun schreiben, wissen es die Spieler, sie lesen ja immer alles. (schmunzelt)

«Es ist schön, wenn der Präsident hinter einem steht. Aber man braucht mir nicht ständig auf die Schultern zu klopfen.»

Welche Qualitäten sehen Sie in diesem neuen FCZ, den man jetzt ja auch als Ihren FCZ bezeichnen kann?
Das ist nicht mein FCZ. Wenn ich alle Spieler, die ich kaufen möchte, auch wirklich gekauft habe, kann man sagen, es sei mein FCZ. Ich will einfach, dass wir gut spielen, weniger Tore kassieren und auch offensiv mit Tempo agieren.

Aufgrund der Ergebnisse in den Testspielen fällt es schwer, an weniger Gegentore als im Herbst zu glauben. Der FCZ hat gegen Qäbälä aus Aserbeidschan und gegen ­Kaiserslautern 0:4 verloren . . .
. . . ich wusste, dass es für uns in diesen Testspielen schwierig würde. Die Spieler waren müde, weil wir in dieser Vorbereitung und auch am Morgen vor Testspielen hart trainiert haben. Die Resultate beunruhigen mich deshalb nicht.

Gibt es im Kader also keine Spieler mehr, die weniger fit sind als der Trainer? Im Herbst war das ja angeblich der Fall.
Ich hoffe nicht. (lacht) Aber auch ich habe gut trainiert und bin ziemlich fit. Die Fitness ist im Profisport enorm wichtig. Wenn wir 90 Minuten laufen können und nicht müde werden, können wir auch die Konzentration bewahren. Ich denke, wir haben uns deutlich verbessert.

Glauben Sie, dass Sie die Genügsamkeit, die sich über die Jahre eingeschlichen hat, eliminieren konnten?
Die Mentalität völlig zu verändern, ist ein längerer Prozess. Aber ich konnte sie verbessern, da bin ich sicher.

Was wollen Sie mit dem FCZ in der Rückrunde erreichen?
Wir wollen alle Spiele gewinnen. Das ist theoretisch möglich. Ob es realistisch ist oder nicht, spielt für mich keine Rolle. Wir gehen in jedes Spiel, um es zu gewinnen. Das ist eine gute Zielsetzung.

Der Präsident hat trotz delikater Situation sehr viel Lob für Sie ­bereit. Wie wirkt das auf Sie?
Ich brauche das nicht. Ich habe ein gutes Selbstbewusstsein, aber ich bin auch bereit, meine Entscheidungen zu hinterfragen. Natürlich ist es schön, wenn der Präsident hinter einem steht, aber man braucht mir nicht ständig auf die Schultern zu klopfen. Der Präsident und seine Frau kommen oft beim Training vorbei und schauen zu, wie ich arbeite. Das ist wichtig, denn nur so können sie meine Arbeit beurteilen.

Ein Trainer braucht oft Zeit, um seine Ideen umzusetzen. Ist die Schonzeit für Sie nach dem Herbst jetzt vorbei?
Ja, die ist vorbei. Ich will endlich Konstanz in den FCZ bringen.

Wenn die Mannschaft schwach in die Rückrunde startet, ist doch sofort wieder Feuer im Dach.
Ja, klar. Aber damit kann ich leben.

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