E steht für Entertainment

Auf Youtube erreicht das Duo Igudesman & Joo Millionen. Heute eröffnen die Klassik-Komiker die Festspiele Zürich.

Wer will, kann ihre Partitur auch essen: Aleksey Igudesman (l.) und Hyung-ki Joo.

Wer will, kann ihre Partitur auch essen: Aleksey Igudesman (l.) und Hyung-ki Joo. Bild: Dominique Meienberg

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Was sie vom Begriff E-Musik halten? Aleksey Igudesman schaut kurz von seinem Salat auf und grinst: «E steht für Entertainment, ist doch klar.» Nein, mit dem Ernst haben sie es nicht so, die beiden vom Duo Igudesman & Joo. Oder jedenfalls nicht mit jenem Ernst, der üblicherweise in den klassischen Konzertsälen zelebriert wird. Aber was sie machen, das nehmen sie dennoch «very seriously», wie Hyung-ki Joo sagt: «Spass ist Ernst, denken Sie nur an Shakespeare.»

So war denn auch die Probe vor dem Salat durchaus keine Blödelei, sondern eine generalstabsmässig geplante, straff geführte Speed-Erarbeitung von Dingen, die sich das Tonhalle-Orchester sonst eher nicht gewohnt ist. Wie macht man die Welle, während man Geige oder Cello spielt? Welche Musikerinnen und Musiker sind auch für ein Tänzchen zu haben? Wie erreicht man, dass etwas wirklich katzfalsch klingt und nicht bloss ungenau?

Offen bleibt dagegen, wofür der Besen hinter dem Dirigentenpodium gebraucht wird und was der künstliche Stein soll. Die Protagonisten der Show sind noch nicht im Einsatz, nur einmal hüpft Joo kurz über die Bühne, schreit einen unhörbaren Monolog, tanzt, headbangt, gibt die Rampensau. Ansonsten hören die beiden zu, beantworten Fragen, besprechen sich mit ihrem Team, das mittlerweile ziemlich gross ist. Ein Choreograf ist dabei, es wird Illustrationen geben, einer sitzt hinter einem Laptop: Igudesman & Joo sind zu einem stattlichen Unternehmen herangewachsen.

Zwei fast normale Musikstudenten

Geplant war das nicht, aber wohl schon früh angelegt. Mit zwölf Jahren haben sich die beiden kennen gelernt, an der renommierten Menuhin School of London. Aleksey Igudesman, geboren in Leningrad und aufgewachsen in Deutschland, studierte Geige, der Britisch-Südkoreaner Hyung-ki Joo Klavier. Sie taten es wie alle ihre Kollegen, die Solisten oder Orchestermusiker werden wollten. Aber sie legten sich ganz besonders ins Zeug, wenn es die weihnächtlichen Comedy-Konzerte der Schule zu gestalten galt: «Da haben wir unsere ersten Sketches entwickelt.»

«Alla Molto Turca»: Igudesman & Joo live in Rotterdam 2009.

Es folgten viele weitere, und die Fangemeinde wuchs. 35 Millionen Klicks können die mittlerweile 44-jährigen Musiker auf Youtube verbuchen, grosse Orchester geben ihnen Aufträge, grosse Namen wollen mit ihnen zusammenspannen. Zum Beispiel Sir Roger Moore, der verstorbene Ex-007, der mit ihnen Mozarts berühmtes Alla-Turca-Finale aus der Klaviersonate Nr. 11 umbaute. Auch Billy Joel trat wiederholt mit ihnen auf. Und Hyung-ki Joo zitiert den Dirigenten Bernard Haitink, bei dessen 80. Geburtstag sie aufgetreten waren: «Er hat geschrieben, er sei fast gestorben vor Lachen und würde uns gern zum 85. wieder einladen, doch das sei wohl zu gefährlich.»

Aber was genau ist denn so lustig an Igudesman & Joo? «Vielleicht, dass wir nie in erster Linie lustig sein wollen», sagt Joo. Die Musik komme immer vor dem Humor, schiebt Igudesman nach, «darum funktioniert auch unsere Zusammenarbeit mit den Orchestern: Die Musiker respektieren uns.»

Wrestler und Virtuosen

Der Respekt ist verdient. Die beiden sind nicht nur versierte Instrumentalisten und Schauspieler, sondern auch bemerkenswert vielseitige Komponisten, Collageure, Arrangeure. In «The Clash of Soloists» etwa, einem der beiden Stücke, das sie in ihrem abendfüllenden Tonhalle-Programm zur Uraufführung bringen, treten sie als Wrestler und Virtuosen gegeneinander an. Rund 65 Klavier- und Violinkonzerte zitieren sie dabei, «alle in der Originaltonart übrigens». Natürlich parodieren sie damit den entfesselten Solistenkult. Aber sie verweisen auch auf die Musikgeschichte, auf die grossen historischen Instrumentalisten-Duelle: Liszt gegen Thalberg, Bach gegen Marchand – das Publikum hat Wettkämpfe schon immer geliebt.

«Mozart Will Survive!», aufgenommen im Wiener Konzerthaus 2013.

Auch im anderen Stück des Abends steckt viel Wissen. «A Historical and Hysterical Guide to the Orchestra» heisst es und knüpft an Benjamin Brittens «Young Person’s Guide to the Orchestra» an. Instrumente werden vorgestellt, auch über die Musikgeschichte erfährt man einiges. Ein heikles Unterfangen, pädagogischer Humor kann leicht bemühend wirken. Aber nein, sagt Igudesman: «Uns geht es nie darum zu zeigen, wie schlau wir sind.» Jede Pointe habe zwei Ebenen, eine für die Kenner, eine für alle. Wenn sich also der Dirigent Jo­shua Weilerstein mit einem Taktstock auf den Fuss haut, dann denkt der Kenner sofort an Jean-Baptiste Lully, der sich 1687 exakt so eine tödliche Blutvergiftung zuzog; alle anderen können über den Slapstick lachen.

Sie sind gut, sie sind smart

Eine dritte Ebene gibt es auch noch: jene der Geschäftstüchtigkeit. Denn was immer Igudesman & Joo anpacken, sie tun es mit dem Ziel der grösstmöglichen Wirkung. Ihr Humor ist nicht plump, aber mehrheitsfähig. Und sie wissen genau, wie hoch sie die musikalischen Ansprüche schrauben können: Ihre Programme sind auch für Häppchen-Liebhaber abwechslungsreich genug, der Stilmix von Klassik bis Game-Musik holt alle ab, und wenn sie zwischendrin mit avantgardistischen Techniken einen Dubstep komponieren, haben sie selbst die Anspruchsvollen im Publikum in der Tasche.

Da erstaunt es kaum, dass sie sich nun auch neben der Bühne als (Mit-)Unternehmer betätigen: mit einer App namens Music Traveler, dank der man überall Musikzimmer mieten kann, wenn man grad mal Zeit und Lust zum Üben hat.

Das ist wohl das Geheimnis des Erfolgs von Igudesman & Joo: Sie sind gut, sie sind smart. Und sie haben keinerlei Hemmungen, das auszuspielen.

Igudesman & Joo in der Tonhalle Maag: heute Freitag, 19.30 Uhr; morgen Samstag, 18.30 Uhr; übermorgen Sonntag, 17 Uhr. www.festspiele-zuerich.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.06.2018, 10:43 Uhr

Igudesman & Joo: Alla molto turca

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