Ein ganz normales Ausnahmetalent

Der 14-jährige Anatol Toth macht als Geiger und Schachspieler Furore. Nun wurde er für die renommierte Menuhin Competition ausgewählt – als einziger Schweizer in der Junior-Sektion.

Sein Spiel ist stilsicher, elastisch, expressiv: «Ich bin der Einzige, der mir Druck macht», sagt Anatol Toth. Video: Tamedia/SDA

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Zumindest eine Frage ist rasch geklärt, wenn man sich durch die Liste der Talente klickt, die dieses Jahr für die Junior-Sektion der Menuhin Competition ausgewählt wurden: Ja, die asiatische Konkurrenz ist mindestens so gross, wie es das Klischee will. Es sind die jungen Japaner, Südkoreanerinnen und Chinesen, die da zum Sprung ansetzen. Wer aus dem Rest der Welt nach Genf reist, hat in der Regel ebenfalls asiatische Wurzeln. Nur vier Ausnahmen gibt es unter den 22 Kandidaten, die nach einer Videovorselektion übrig geblieben sind: eine Amerikanerin, ein Kanadier, ein Brasilianer – und Anatol Toth, 14 Jahre alt, aus Milken bei Bern.

Dieser Anatol Toth steht nun in einem Zimmer der Basler Musikakademie und macht sich Sorgen um seine leicht lädierte E-Saite: Soll er sie auswechseln? Oder warten, bis sie reisst? Warten, beschliesst die Lehrerin Barbara Doll und grinst dann in Richtung des Zaungastes: Anatol habe einen ziemlich hohen Materialverschleiss. Nicht, weil er grob spiele. Aber mit Kraft, das schon. Wie Dschin­ghis Khan, sagt Vater Pedro Toth.

Bartok Rhapsody No 1 - Anatol Toth, Piano: Alessandro Tardino. Video: Youtube/NUBDUK

Dann beginnt die Lektion, Vivaldis «Sommer»-Konzert steht an. Anatol Toth wird es in der dritten Runde der Menuhin Competition präsentieren, wenn er denn so weit kommt. Stilsicher spielt er, elastisch, expressiv; das ist kein Näh­maschinen-Vivaldi, auch keine Zirkusnummer, sondern eine energiegeladene Naturschilderung. Fast zu energiegeladen, findet Barbara Doll, «dein Kuckuck klingt ja schon fast wie das Gewitter danach». Da hört man dann auch, wie rasch dieser Schüler auf Hinweise reagiert, wie leicht es ihm fällt, Details zu verändern und gleich wieder in den grossen Bogen einzupassen. Normalerweise nehme sie Schüler frühestens mit 13 Jahren, sagt Barbara Doll. Anatol Toth war knapp zehn, als er zu ihr kam, «man konnte schon damals richtig arbeiten mit ihm».

Corelli mit Sonnenuntergang

Was vorher war, kann sich jeder auf Youtube anhören. Da gibt es, natürlich, Filme von Wettbewerben (unter anderem sind sechs erste Preise beim Schweizer Jugendmusikwettbewerb zu vermelden, dazu ein erster Preis bei «Jugend musiziert» in Deutschland). Aber man sieht den 7-jährigen Anatol auch in einem idyllischen Garten, wie er mit seiner Mutter Bach spielt. Oder es gibt die Aufnahme von Cueva da Mar: Sonnenuntergang, eine Art Geysir und Corellis «La Follia». Man habe die Filme ins Netz gestellt für die Verwandten und Freunde, sagt Pedro Toth. Damals, als die Familie unterwegs war auf den Kanaren und im Baskenland, meist im Camper, sechs Jahre lang.

La Folia de Corelli, gespielt vom siebenjährigen Anatol Toth. Video: Youtube/NUBDUK

Spätestens bei diesem Kapitel der Geschichte wird klar, dass bei den Toths vieles anders läuft als in den meisten Familien. Es ist ein abenteuerliches Kapitel, das mit einem Fährunglück begann; die Familie hatte alles verloren damals, ausser sich und ihre Vorstellungen von einem guten Leben. Vier Kinder haben die Toths, drei davon machen nicht nur musikalisch Furore. Auch im Schach sind sie stark, sie hatten angefangen damit, weil ein Schachbrett nun mal gut Platz fand im Camper; Anatol vertrat die Schweiz 2017 bei den Europameisterschaften in Rumänien, Ende Mai wird er die Endrunde der Schweizer Meisterschaft bestreiten.

Eine Schule haben die Kinder nie besucht, sie haben immer mit den Eltern gelernt. Mit der Mutter, die als Amateurin Geige spielt, aber ein sehr genaues Ohr hat. Und mit dem Vater, der die Kinder die Anzahl Blätter an einem Baum schätzen lässt, um sie ans Thema der Integralrechnung heranzuführen. Auch sonst sind seine Methoden unkonventionell, aber bei den jährlichen schulischen Kontrollen erreichen die Kinder die Ziele locker. Im Kanton Bern sei das gar nicht so kompliziert mit dem Homeschooling, sagt Pedro Toth, nicht weil man besonders modern sei, «sondern weil es viele abgelegene Bauernbetriebe gibt; da hat die Heimschule Tradition».

Wer so früh so weit ist wie Anatol Toth, der ist musikalisch auf selbst gebastelte Lösungen angewiesen.

Abgelegen leben auch sie. Das Dorf Milken ist winzig, ein paar verstreute Häuser und Höfe am Rand des Gantrisch-Naturparks. Die Toths leben in ihrer eigenen Welt hier, als Selbstversorger «auf dem Existenzminimum», wie Pedro Toth sagt. Mit dem Dorf haben sie wenig zu tun; dass die Kinder Hochdeutsch reden, weil ihre Mutter Deutsche ist, vergrössert die Distanz noch.

Fragt man Anatol Toth nach den Nachteilen in seinem Leben, nennt er denn auch als einzigen Punkt den fehlenden Kontakt zu Gleichaltrigen. Wobei er gleich nachschiebt, dass er durchaus Freunde habe: «Bei den Wettbewerben trifft man sich immer wieder, in der Musik wie beim Schach.» Und dann sind da die Studenten, mit denen er regelmässig musiziert; sie sind zwar älter als er, «aber ich habe das Gefühl, dass ich ganz normal mit ihnen reden kann».

Pablo Sarasate – Zigeunerweisen, Solist: Anatol Toth. Video: Youtube/NUBDUK

«Ganz normal»: Diese Formulierung fällt oft. Und er wirkt tatsächlich sehr normal, dieser Anatol Toth. Bodenständig, unaufgeregt, ein wenig verträumt. Klar, sei er ehrgeizig, sagt er, «ich bin der Einzige, der mir Druck macht». Aber gestresst wirkt er keineswegs. Nicht wegen des Wettbewerbs, «ich weiss, dass ich gut vorbereitet bin». Auch nicht wegen der Zuhörerin in der Stunde, die ist nach den ersten Tönen vergessen.

Rettungsschwimmer als Plan B

Auch der Vater betont, wie normal man alles angehe, «wir pushen die Kinder nicht». Aber natürlich kennt er das Dilemma aller Eltern von Talenten: Zwar will niemand eine Tiger-Mom oder ein Tiger-Dad sein (nicht einmal jene, die es eben doch sind). Aber es ist klar, dass selbst das begabteste Kind nicht einfach so in die Carnegie Hall gerät. Auch die Toths haben deshalb einiges unternommen, um dem Glück auf die Sprünge zu helfen – mit der Suche nach der richtigen Lehrerin, nach Auftrittsmöglichkeiten, nach Öffentlichkeit. Und es schwingt einige Bitterkeit mit, wenn Pedro Toth erzählt, wie schwierig es sei: mit den Institutionen, die für einen wie Anatol nicht eingerichtet seien. Und ohne die Beziehungen, die professionelle Musiker für ihren Nachwuchs spielen lassen können: «Will man als Aussenseiter in diesen Betrieb hineinkommen, trifft man überall auf Hürden und Widerstände.»

Fragt man bei den Musikhochschulen nach, wird Toths Erfahrung bestätigt. Es gibt in der Schweiz tatsächlich keine Institution, die Ausnahmetalente so früh fördern würde – auch weil es hierzulande zu wenig solche Talente gibt. Zwar hat sich einiges getan in den letzten Jahren; an vielen Orten gibt es Kunst-&-Sport-Gymnasien, die Musikhochschulen bauen Precollege-Kurse auf. Aber wer so früh so weit ist wie Anatol Toth, der ist schulisch wie musikalisch auf selbst gebastelte Lösungen angewiesen.

Manche finden sie bei Lehrer-Gurus wie Zakhar Bron, der in Interlaken eine Academy unterhält. Andere versuchen es wie die Toths mit Sonderregelungen an einer Musikhochschule – was in ihrem Fall in Bern im Krach endete, in Basel dagegen «einigermassen funktioniert», wie Pedro Toth es formuliert. Anatols Unterricht bei Barbara Doll fand zunächst auf privater Basis statt; als es vom Alter her möglich war, wurde er in die Talentförderklasse der Musikschule Basel aufgenommen, und für die Vivaldi-Probe ist ein Ensemble von Studierenden der Musikakademie da.

Auch die Unterstützung von aussen wächst. Nachdem die Kosten der Ausbildung die Toths zeitweise «an den Rand des Ruins» getrieben haben, engagieren sich mittlerweile diverse Stiftungen für den Jung-Geiger. Und ein Instrumentenbauer hat ihm für den Wettbewerb eine gute Violine ausgeliehen, weil die eigene nicht konkurrenzfähig gewesen wäre.

Anatol Toth selbst mag denn auch nicht jammern. Eigentlich, sagt er, habe er nur einen Wunsch: Er würde gern öfter mit Orchester auftreten, «vor einem anspruchsvollen Publikum, das nicht nur süsse Kinder hören will». Und wenn es letztlich doch nicht klappen sollte mit der Musik? Gibt es einen Plan B? «Sicher nicht Schachspieler», sagt er, «das wäre mir zu wenig emotional.» Also ganz etwas anderes? Rettungsschwimmer vielleicht, sagt er, «ich schwimme gut und gern». Man hört es und denkt sich: Was auch immer passiert, beim Menuhin-Wettbewerb und danach – untergehen wird dieser Anatol Toth nicht.

www.toth-music.com (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2018, 18:15 Uhr

Menuhin Competition

12. bis 22. April 2018

Die 1983 vom Geiger Yehudi Menuhin gegründete Competition ist der weltweit wichtigste Wettbewerb für junge Violinisten. Er findet alle zwei Jahre statt, immer an einem anderen Ort; je 22 Kandidaten messen sich in den Kategorien Junior (10 bis 15 Jahre) und Senior (16 bis 21 Jahre). 2018 wird der Wettbewerb in Genf ausgetragen; beworben hatten sich 317 Musikerinnen und Musiker. Informationen unter www.menuhincompe­tition.org; Livestream unter www.arte.tv. Anatol Toth startet am 13. April um 10.25 Uhr in die erste Runde. (Red)

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