Einfach platt

Der Tabellenletzte FC Zürich ist auf dem Platz träge und antriebslos. Spieler sprechen von falschem Training.

Im Kriechgang vorwärts: Die Zürcher Spieler um Alexander Kerschakow. Foto: Steffen Schmidt (Freshfocus)

Im Kriechgang vorwärts: Die Zürcher Spieler um Alexander Kerschakow. Foto: Steffen Schmidt (Freshfocus)

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Der Goalie patzt. Das Publikum flucht. Das Zuspiel missrät. Der Trainer brüllt. Es ist Abstiegskampf. Doch eines geht für gewöhnliche Fussballteams immer: laufen, kämpfen, grätschen.

Der FC Zürich ist kein gewöhnliches Fussballteam. Er hätte am Sonntag in St. Gallen punkten müssen. Es war Spiel 1 nach dem Trainerwechsel von Sami Hyypiä zu Uli Forte. Und es passierte: nichts. Der FCZ spielte ohne ­Beweglichkeit. Ohne Tempo. Ohne Leidenschaft. Kam immer wieder zu spät. Reagierte auf nichts. Ein 0:3 wars am Ende. Einer aus dem Innern der Mannschaft sagt über die Leistung: «Ich bin er­schrocken.»

In den vergangenen fünf Runden hat der FCZ fünfmal verloren. Bei 2:17 Toren. Die Spieler sind mental angeschlagen, das ist erklärbar. Aber dieser Auftritt in St. Gallen? So starr und stumpf. So platt und matt. Er lässt gröbere Schwierigkeiten erahnen. Auch Schwierigkeiten körperlicher Natur.

Alex Kern in der Kritik

Das wird von Spielern hinter vorgehaltener Hand bestätigt. Und sie geben dem Problem einen Namen: Alex Kern. Er war der Konditionstrainer, dem nachgesagt wurde, dass er sein Programm, unterstützt von Cheftrainer Sami Hyypiä, überlädt und liebend gern mehrmals pro Woche zu ausgedehnten Waldläufen bittet, kurz: dass er falsch trainiert. Als Hyypiä im vergangenen Spätsommer beim FCZ übernahm, bemängelte der Finne die physische Verfassung der Mannschaft. Also liess er Kern das Training verschärfen, und die Spieler gewannen den Eindruck, Kern könne machen, was er wolle – Hyypiä schreitet nicht ein.

In den fünf Wochen Vorbereitung im Winter soll Kern seinen Plan kompromisslos durchgezogen haben. Auch Muskel- und Gelenkverletzungen hätten ihn und die anderen aus dem Trainerteam nicht dazu bewogen, das Programm zu überdenken. So litt Kerns Ansehen im Team erheblich, die Unzufriedenheit war nach jeder Einheit spürbar. «Es wurde schlicht übertrieben», heisst es aus Spielerkreisen. «Es kam uns vor wie Drill. Jetzt fehlt es an Spritzigkeit. Alle wollen, daran besteht kein Zweifel. Aber es besteht eine mentale Blockade, es funktioniert einfach nicht.» Kern wollte gegenüber dem TA keine Stellung nehmen, er verweist auf das Schweigegebot im Verein.

Der Naturarzt und sein Einfluss

Hyypiä und Kern stehen nicht zum ersten Mal in der Kritik. Bereits im Fall Schönbächler gab es Unruhe. Über ­Monate wusste niemand, woran der zwischenzeitliche Nationalspieler litt. So lang, bis der Alternativmediziner Frank Kraushaar (er behandelte auch Chiumiento) im Januar die Ursache fand und mit seiner Behandlung die Entzündungen im Beckenbereich bald zum Verschwinden brachte. Er merkte zudem, dass der Offensivspieler körperlich müde sei, und riet ihm sowie dem Club, möglichst sachte zu trainieren. Das Trainerteam hielt sich nicht daran, Schönbächler verletzte sich erneut.

Kraushaar versuchte ausserdem, den FCZ via Schönbächler und Chiumiento dazu zu bewegen, mehr Gewicht auf die Einnahme von Mineralien und Spurenelementen zu legen. Darauf soll der Club den Kontakt zum Naturarzt verboten ­haben.

Was passiert im Körper, wenn tatsächlich zu viel trainiert wird? Walter O. Frey, Sportmediziner und ärztlicher ­Leiter von Balgrist Move Med, erklärt, dass sich das Schlafffühlen auf dreierlei Gründe zurückführen lässt: «Wir unterscheiden zwischen dem Übertraining, der Ermüdung und der psychischen Überforderung.»

Übertraining entsteht durch konstantes Überfordern des Körpers, was schliesslich den Stoffwechsel verändert. Der Ruhepuls ist zehn Schläge höher, die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol nimmt zu, zugleich sinkt der für die Erholung so wichtige Testosterongehalt. Für den Sportler heisst dies, die Basisausdauer schwindet, und die Maximalleistung reduziert sich. Meist passiere dies Ausdauersportlern, sagt GC-Clubarzt Frey, unter Fussballern sei dieses Phänomen weniger bekannt.

Bei der Ermüdung erfährt der Sportler ähnliche Symptome, mit dem Unterschied, dass der Stoffwechsel unverändert bleibt und das einstige Leistungsniveau innerhalb weniger Wochen wieder erreicht werden kann. Bei der psychischen Überforderung blockiert der Sportler mental und fühlt sich ausgelaugt, was sich auch auf den Körper auswirkt. «Ein Sportler ist gewöhnlich nicht in der Lage, zwischen den drei Stufen zu unterscheiden», sagt Frey.

Korrekturen sind schwierig

Die Symptome entstehen gemäss Frey dann, wenn man plötzlich noch mehr, noch härter arbeitet und Grenzen über längere Zeit überschreitet. Meist sei dies der Fall, wenn es sportlich nicht so läuft wie geplant. Etwas, das auch zur Situation des FCZ passen würde.

Die Trainerentlassung und zuletzt die Partie in St. Gallen haben nun aber gezeigt: Schnelle Korrekturen sind schwierig. Und jetzt wird die Zeit knapp. Ohne eine Wende in Sitten kann der FCZ schon am Sonntag abgestiegen sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2016, 23:12 Uhr

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