Ein Paket gegen ein krankes System

Reformen sollen der Fifa heute eine Zukunft sichern. Ob Infantino oder Salman dafür der richtige Präsident ist, bleibt zweifelhaft.

Wer mit wem für wen? Aus den Vorspielen zum wegweisenden Fifa-Tag – hier die Lobby im Hotel der Delegierten aus Afrika. Foto: Reto Oescher

Wer mit wem für wen? Aus den Vorspielen zum wegweisenden Fifa-Tag – hier die Lobby im Hotel der Delegierten aus Afrika. Foto: Reto Oescher

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Das Schreiben ist in eindringlichem Ton verfasst. Die Augen der Welt würden diese Woche auf ihnen ruhen, steht da, die Annahme der Reformen würde eine kräftige Mitteilung aus­senden: «Ja, wir haben wir es verstanden, wir handeln angemessen, um das Vertrauen wiederzugewinnen.»

Abgesetzt hat es das Exekutiv­komitee der Fifa am Mittwoch, und es drückt in den Worten des interimistischen Präsidenten Issa Hayatou aus, um was an diesem ausserordentlichen Kongress heute Freitag im Zürcher Hallenstadion geht: um die Zukunft der Fifa als Institution. Und darum sagt Hayatou auch: «Wir mahnen alle Mitgliedsverbände, die gesamten Reformen zu unterstützen. Es geht um die kollektive Verantwortung, die wir für den Fussball haben.»

Die Gegner der Fifa, angeführt von der US-Justiz, lauern auf Fehltritte der Funktionäre, lauern darauf, sie zu zerschlagen. Nur schon um die Amerikaner zu besänftigen und die grossen Sponsoren des Weltfussballs wie Coca-Cola und McDonald’s, zufälligerweise US-Unternehmen, zu beruhigen, ist ein Dreiviertelmehr zum Reformpaket mit neuer Organisation und Offenheit so wichtig.

Keiner von Mars oder Venus

Dieses Paket «geht durch», prognostiziert der Schweizer Verbandspräsident Peter Gilliéron, «es wäre auch komisch, wenn es nicht so wäre». Schliesslich würden sich alle dazu bekennen, Konföderationen und Kandidaten für die Präsidentschaft. Doch wie hat er diese Woche auch schon gesagt: Es sei alles gut und recht, aber am Ende komme es auf den Präsidenten an.

Ja, der neue Präsident: Er soll er nicht mehr von einschüchternder Dominanz sein wie der Brasilianer João Havelange, der von 1974 bis 1998 die Basis legte, dass der eingetragene Verein aus Zürich zum Milliardenkonzern werden konnte; nicht mehr so abgezockt und abgehoben wie Sepp Blatter, der bis zum vergangenen Herbst während 17 Jahren die Allmacht auf seine Schultern geladen hatte.

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Der Neue soll die Geschäfte nicht mehr führen, sondern mit einem erweiterten Council beaufsichtigen. Er soll für den Neuanfang stehen. Aber geht das mit einem von denen, die seit Wochen um die Gunst der Verbands­delegierten werben? Geht das mit Gianni Infantino, Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa, Prinz Ali bin al-Hussein aus Jordanien, Jérôme Champagne oder Tokyo Sexwale? Mit Leuten, die aus dem kranken System kommen?

Champagne findet, das muss gar so sein: «Wir können es uns nicht leisten, jemanden zu holen, der von Mars oder Venus kommt und zwei Jahre braucht, um die Feinheiten zu verstehen, die Eigenheiten und Komplexität.» Er ist der Intellektuelle unter den Bewerbern, fähig, die grossen Linien zu zeichnen und die Details nicht zu vergessen, er inszeniert sich als der Gute im bösen Spiel, als Kämpfer für die Rechte der Kleinen und Armen und gegen die Kraft der Europäer und Reichen.

Seine Ideen haben nicht verfangen, das ist sein Pech, aber so offensichtlich, dass man sich fragt, wieso er sich nicht zurückzieht. Seine Antwort verblüfft: «Ich bin nicht chancenlos.» Er will auch seine letzte Patrone ab­feuern – in Form der 15 Minuten, die jedem Kandidaten heute als Redezeit vor dem Kongress zustehen.

Die Trümpfe der Favoriten

Der Franzose aus Zürich-Witikon hat sich nie von Sepp Blatter distanziert. Immer im Hoffen, Blatter verwende sein Netzwerk, um für ihn Stimmung zu machen, besonders in Afrika. Doch auf dem Schwarzen Kontinent kann sich Hayatou, der ewige Präsident des Kontinentalverbandes CAF, als Königsmacher gefallen. Und in dieser Funktion hat er kaum vergessen, dass es nach dem schmutzigen Wahlkampf 2002 eben dieser Champagne war, der im Auftrag Blatters einen neuen CAF-Chef suchen sollte.

Sexwales Motivation erschliesst sich nicht. Er hat nicht einmal Afrika hinter sich gebracht, nur Südafrika, sein Heimatland.

Prinz Ali fielen letzten Mai noch die von der Uefa orchestrierten Proteststimmen gegen Blatter zu. Diesmal gibt es keinen Grund mehr, ihn zu wählen. Ihm bleibt nur die Rolle des Stören­friedes.

Ali, Sexwale und Champagne haben gemeinsam eine entscheidende Schwäche: Sie haben keine Konföderation hinter sich, die ihren Einfluss geltend macht.

Gianni Infantino und Scheich Salman besitzen diesen Trumpf. Infantino hat die Uefa hinter sich, der er seit 2009 als Generalsekretär dient, und Salman die asiatische AFC, die er seit 2013 präsidiert. Infantino spürt die Finanzkraft Europas im Rücken, Salman jene des Königshauses Bahrain.

Darum heisst es heute, so irgendwann ab 14 Uhr im Hallenstadion: Infantino oder Salman, alte oder neue Welt, geschmeidiger Funktionär oder schwer durchschaubarer Dirigent?

Infantino ist nach der Sperre gegen Uefa-Präsident Michel Platini in erster Linie eine Notlösung der Europäer, die sich in Fifa-Wahlkämpfen meist tölpelhaft angestellt haben. Salman dagegen muss sich Vorwürfen erwehren, er habe 2011 als Präsident des bahrainischen Fussballverbandes Menschrechts­verletzungen mitverschuldet.

Politische Spielchen

Der Schweizer verspricht den Verbänden Geld, so viel Geld, dass Salman behauptet, wenn das umgesetzt würde, wäre die Fifa in drei Jahren bankrott. Er, Infantino, setzt auf Europa, behauptet, auch afrikanische Stimmen zu haben, hofft auf die Karibik und Amerika, von Norden bis Süden. Frische Gerüchte besagen aber, dass Brasilien die Unterstützung der Conmebol aufbrechen und zu Salman überlaufen könnte. Der Dachverband der zehn südamerikanischen Verbände ist nicht bekannt als ehrenwerte Institution: Seine drei letzten Präsidenten sind alle von der US-Justiz wegen des Verdachts der Geldwäsche und Bestechung verhaftet worden.

Salman wiederum hat Asien im Rücken. Zudem baut er auf eine in diesen Tagen geschlossene Kooperation von Asien mit Afrika.

Am Ende aber geht es auch diesmal nicht um die grössere Glaubwürdigkeit der Kandidaten, um das überzeugendere Wahlprogramm. Es geht einzig und allein darum, wer die politischen Winkelzüge und Taschenspielertricks besser beherrscht. Reformen hin, Reformen her.

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