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Mal schauen, was passiert

Abraham Cruzvillegas aus Mexiko ist der wohl stillste Kunstsuperstar, den es gibt. Seine erste Schweizer Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich ist ein Experiment.

Abraham Cruzvillegas sammelt politische Plakate ab seinem Geburtsjahr 1968. Ein paar davon hat er selbst nachgedruckt: «Ink & Blood», 1968–2009. 41-teilig, Tinte auf Papier, Karton, Gummiband, Masse variabel. Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2018.
Abraham Cruzvillegas sammelt politische Plakate ab seinem Geburtsjahr 1968. Ein paar davon hat er selbst nachgedruckt: «Ink & Blood», 1968–2009. 41-teilig, Tinte auf Papier, Karton, Gummiband, Masse variabel. Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2018.
Lena Huber
Kurz vor der Eröffnung von Abraham Cruzvillegas Ausstellung «Autorreconstrucción: Social Tissue» im Kunsthaus Zürich gab es ein Konzert. Auf einer selbst gebauten Bühne aus Schrott wurden u.a. Texte von Crusvillegas vertont. Weitere Bands sollen im Laufe der Ausstellung auftreten.
Kurz vor der Eröffnung von Abraham Cruzvillegas Ausstellung «Autorreconstrucción: Social Tissue» im Kunsthaus Zürich gab es ein Konzert. Auf einer selbst gebauten Bühne aus Schrott wurden u.a. Texte von Crusvillegas vertont. Weitere Bands sollen im Laufe der Ausstellung auftreten.
Lena Huber.
Ein kleiner Teil des Material, das das Kunsthaus-Team im Vorfeld der Schau für Cruzvillegas zusammengesucht hat. Der arbeitet am liebsten mit vor Ort vorgefundenen Werkstoffen.
Ein kleiner Teil des Material, das das Kunsthaus-Team im Vorfeld der Schau für Cruzvillegas zusammengesucht hat. Der arbeitet am liebsten mit vor Ort vorgefundenen Werkstoffen.
Kunsthaus Zürich.
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Das Urteil war gnadenlos. Das Werk sei faul und selbstgefällig, schrieb Jonathan Jones, berüchtigter Kunstkritiker beim britischen «Guardian», über «The Lot», das der mexikanische Künstler Abraham Cruzvillegas 2015 in der riesigen Turbinenhalle der Londoner Tate Modern installiert hatte. Dafür hatte der Künstler in verschiedenen Bezirken Londons Erde eingesammelt – und diese in der Tate in unzählige grosse Holz­kübel geschüttet. In den Folgemonaten konnte man zusehen, wie in manchen Kübeln Unkraut vor sich hin wuchs oder, in anderen, auch gar nichts passierte.

Manche fanden das kontemplativ, und zweifellos war es urban-gardening-hip. Aber Kritiker Jones liess das nicht gelten: «‹The Lot› wirkt, als hätte es null Interesse daran, ein Publikum zu gewinnen», wetterte er und kam zum Fazit, dass es sich um das schwächste Werk handle, das er je in der Halle gesehen habe.

Abraham Cruzvillegas dürfte das herzlich egal gewesen sein. Und wenn nicht, dann hat er es mittlerweile gut verdaut. Jedenfalls sass er vor wenigen Tagen entspannt im Bührlesaal des Zürcher Kunsthauses und tippte auf seinem Laptop, während um ihn herum geschraubt, gebohrt, gehämmert wurde; aus einem Lautsprecher sang Johnny Cash. Letzteren wird es ab heute, wenn die Ausstellung eröffnet ist, zwar nicht mehr geben. Aber das Gehämmere wird weitergehen, denn: Die Schau ist dann garantiert noch nicht fertig.

Ein Ticket, drei Eintritte

Fehlplanung? Nein. Vielmehr Courant normal bei Cruzvillegas. Statt dem Publikum etwas Fixfertiges vorzulegen, entwirft der 49-Jährige einen Ausgangs­zustand; dann lässt er Zeit, Zufall und Zuschauer dazustossen und schaut, was passiert. Im Zürcher Fall heisst das konkret, dass er das Kunsthaus-Team im Vorfeld allerlei Plunder zusammentragen liess, Holzkisten, Spanplatten, Harasse, Werkzeuge, alte Kameras und was die Estriche und Kellerabteile sonst so hergaben. «Irgendwo steht auch meine Küchentür», lacht Kuratorin Mirjam ­Varadinis – und tatsächlich: Da lehnt sie an der Wand, neben einigen Rechen und einem Paar Uralt-Ski.

Ein Teil dieser Dinge wurde in den vergangenen Wochen zu Objekten zusammengeschustert, die irgendwo zwischen Möbel und Skulptur anzusiedeln sind. Bunt bemalt, stehen sie im Bührlesaal verteilt (den man, was selten ist, jetzt ganz ohne Trennwände in seiner vollen Länge erleben kann). Wer will, kann sich darauf niederlassen; berühren ist ausdrücklich erlaubt. Schliesslich wird während der fünf Wochen, die diese Schau nur dauert, permanent an ihnen weitergezimmert; an einem bestimmten Tag darf man sogar sein Skateboard mitbringen und das Ganze als Skatepark benutzen.

Was soll das? Abenteuerspielplatz sein? Objets trouvés? Temporäres Gemeinschaftszentrum? Arte povera 2.0? Alles, ein Stück weit. Und nichts von all dem. Sowieso ist es Cruzvillegas nicht so wichtig, wie man das, was er macht, ­benennt. Es geht ihm nicht um Defini­tionen. Nicht um definierte, definitive Werke. Es geht ihm um den Prozess, ­darum, zusammen etwas auf die Beine zu stellen, voneinander zu lernen, sich weiterzuentwickeln.

Nach Duchamps Idee

Er beziehe sich gern auf Marcel ­Duchamps Idee, «definitiv unfertige Werke» zu schaffen, sagt er im Interview in der Ausstellungspublikation – die ­natürlich kein normaler Katalog ist, sondern ein zweiteiliges Textheft. Den ersten Teil erhält jeder, der sich ein Ticket kauft, an der Kasse ausgehändigt. Der zweite Teil wird erst nach Ausstellungsende erhältlich sein und dokumentieren, was sich in den fünf Wochen getan hat. Und weil sich viel tun soll – siehe Veranstaltungsprogramm in Heft Nr. 1: Talks! Konzerte! Workshops für Kinder und von Flüchtlingen! –, ist das Ausstellungsticket ausnahmsweise nicht für einen, sondern gleich für drei Eintritte gültig. Man soll ja mitverfolgen können, wie das alles hier wächst.

Dass es sich bei Cruzvillegas darum dreht, etwas wachsen zu sehen, das als Gemeinschaftswerk entstanden ist, kommt nicht von ungefähr (auch wenn er immer betont, seine Werke seien nicht autobiografisch). 1968 in Mexiko-Stadt geboren, wuchs er weiter südlich auf, in Ajusco, wo in den 70ern die Bevölkerungszahlen derart explodierten, dass den Zugezogenen nichts anderes übrig blieb, als selbst zu bauen: ohne Plan, ohne Bauerfahrung, ohne Fundament. Dafür mit den Materialien, die gerade zur Hand waren, und mit der Hilfe von Freunden, Familie und Nachbarn.

Ein bisschen Fischli/Weiss

Hausbau «with a little help from my friends» war das – und so funktioniert nun eben auch Cruzvillegas’ Kunst. Wen das an Thomas Hirschhorn erinnert und an dessen betont abgefuckte Installationen aus Klebeband und Sperrholz, durch die er am liebsten Menschen von ausserhalb des Kulturbetriebs flanieren sieht, der hat recht. Cruzvillegas nennt Hirschhorn «meinen guten Freund». Und auch sonst passt das Kunstverständnis des Mexikaners ziemlich gut zur Schweiz. Man denke an die Schrottkunst Tinguelys, die klingt und sich bewegt und sich zuletzt selbst zerstört. Man denke an Dada mit seiner L’art-pour-l’art-Attitude. Und an Fischli/Weiss und ihr Credo, sich und ihre Arbeit nicht so wahnsinnig ernst zu nehmen (was nicht heisst, dass sie nicht ernsthaft betrieben wird).

Das passt alles viel besser zu Cruzvillegas’ unaufgeregter Kunst als die grosskotzigen Würfe von Damien Hirst und den anderen Young British Artists, mit denen er in den 90ern immer wieder verglichen wurde, weil er zeitgleich die lateinamerikanische Szene aufmischte. Ein totaler Fehlvergleich. Alles Schreierische ist Cruzvillegas fremd. Wenn er mal ein «Statement piece» macht, dann zum Beispiel in Form eines mannshohen Schmetterlingsnetzes, das er gegen die Wand lehnt. Das ist dezent, poetisch – und ein Gedankensprungbrett: weil das Netz auch Todesfalle sein kann. Und weil die Schönheit eines aufgespiessten Schmetterlings eben auch etwas sehr Hässliches hat.

Das Netz steht nun, zusammen mit einer Handvoll weiterer «fertiger» Cruzvillegas-Werke, ebenfalls im Bührlesaal. Wer es betrachtet, kann sich dabei ertappen, wie er minutenlang die Gedanken schweifen lässt. Cruzvillegas dürfte das gefallen: Seit 20 Jahren macht er Tai-Chi, bei dem es nie um Konkurrenz, aber immer um Gleichgewicht geht, und liest taoistische Schriften, die besagen, dass Wissen sich nicht einstellt, wenn man ein bestimmtes Ziel erreicht. Sondern, indem man akzeptiert, dass man stets unterwegs ist.

Bis 25. März. Abraham Cruzvillegas im Gespräch (engl.) mit der Primatenforscherin Laura Martinez Pepin Lehalleur: Samstag, 17. Februar, 14 Uhr.

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