«Mir blutet das Herz, ich könnte gar nicht hinschauen»

Dem FCZ droht heute Abend der Abstieg. Legenden wie Fritz Künzli, ehemalige Meisterspieler wie Inler, Dzemaili, Abdi oder einstige Trainer und Sportchefs beschreiben ihre Gefühle.

Ein Bild aus besseren Tagen: Gökhan Inler (l.) und Blerim Dzemaili feiern mit dem Pokal den Titel für den FCZ.

Ein Bild aus besseren Tagen: Gökhan Inler (l.) und Blerim Dzemaili feiern mit dem Pokal den Titel für den FCZ. Bild: Keystone

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Gökhan Inler, der unter Lucien Favre mit dem FCZ zwei Meistertitel gewonnen hat, wird heute Abend im Letzigrund anwesend sein. «Ich werde mitfiebern und mitzittern. Der FCZ liegt mir noch immer fest am Herzen, ich hatte in diesem Club eine wunderbare Zeit», sagt der Captain der Nationalmannschaft, der von Vladimir Petkovic nicht für die EM in Frankreich nominiert worden ist.

Es sei für den ganzen Schweizer Fussball schlecht, falls der FCZ absteigen müsste. «Das kann einfach nicht sein, das würde mich tieftraurig machen», sagt Inler. Leid täten ihm auch Präsident Ancillo Canepa und dessen Frau Eliane: «Sie beide bringen so viel Herzblut für diesen Club auf. Sie hätten einen Abstieg nun wirklich nicht verdient.»

«Ancillo Canepa hat wohl zu viel selbst machen wollen»

Der FCZ habe Tradition, der FCZ sei Geschichte, der FCZ gehöre einfach in die Super League. «Natürlich muss die Mannschaft gegen Vaduz ihre Hausaufgaben machen und gewinnen, aber es wird kein leichtes Spiel.» Inler ist auch überzeugt davon, dass sich St. Gallen in Lugano nicht einfach so gehen lassen werde und im Tessin mindestens einen Punkt hole. «Dann wäre der FCZ mit einem Sieg gerettet.»

Blerim Dzemaili, der einst das Meistermittelfeld mit Gökhan Inler gebildet hatte, macht die Probleme des FCZ nicht bei der Mannschaft, nicht beim Trainer und auch nicht beim Ex-Trainer aus. Die Probleme würden von weiter oben kommen. «Der Club hat Sportchef Fredy Bickel und Nachwuchschef Ernst Graf nicht richtig ersetzt, damit ist Fussballkompetenz verloren gegangen. Ancillo Canepa hat wohl zu viel selbst machen wollen, dabei braucht es im Fussball doch für alle Positionen besonders ausgebildete Manager», sagt der Nationalspieler, der dem FCZ im Abstiegskampf nur noch geringe Chancen einräumt.

«Die Situation des FCZ berührt jeden Zürcher»

«Weil es der Club nicht mehr aus eigener Kraft schaffen kann. Und weil Lugano ein Sieg genügt, um sich in der Liga zu halten. Es wäre ein kleines Wunder, wenn es der FCZ noch schaffen würde.» Dzemaili versichert, dass ihn die Situation des FCZ berühre. «Sie berührt jeden Zürcher. Der FCZ ist der Stadtverein. Die Liga braucht den Club. Ohne ihn gäbe es kein Zürcher Derby mehr, keinen Klassiker gegen Basel, keine Südkurve in der obersten Liga. Das darf eigentlich nicht sein», erklärt Dzemaili und stellt sich die Frage: «Wie konnte der FCZ Hyypiä als Nachfolger von Urs Meier holen, da wir doch in der Schweiz eine so gute Trainerausbildung haben?»

Mit Almen Abdi leidet ein weiterer Meisterspieler mit dem FCZ. «Ich würde es extrem bedauern, wenn der FCZ absteigen müsste.» Der Verein liege ihm immer noch am Herzen. «Ich bin mir jedoch sicher, dass der Club den Klassenerhalt noch schaffen wird. Die Super League braucht den FCZ, er ist ein Traditionsverein, und eine Meisterschaft ohne Zürcher Derby wäre ein herber Verlust. »

«Das ist das Fatale daran»

Raimondo Ponte, einst unter Präsident Sven Hotz Trainer und Sportchef des FCZ, wird morgen wie Inler ebenfalls im Letzigrund sitzen. «Der ganze Club hat die gefährliche Situation viel zu lange unterschätzt. Das ist das Fatale daran», sagt der heutige Sportchef des FC Aarau. «Und wenn du einmal im Seich steckst, dann kommst du fast nicht mehr heraus.»

Die Ausgangslage sei jetzt natürlich sehr ungemütlich für die Mannschaft. «Der FCZ muss gewinnen und darauf hoffen, dass St. Gallen in Lugano punktet.» Die Tessiner seien aber in der komfortablen Situation, das Schicksal noch in der eigenen Hand zu haben. «Es wäre jammerschade, wenn der FCZ absteigen müsste», erklärt der ehemalige Nationalspieler. «Aber es wird ganz schwer.»

«Es ist deprimierend»

Fritz Künzli, der in der Schweiz viermal Torschützenkönig geworden war, schrieb als erfolgreicher Torjäger ein grosses Kapitel der FCZ-Geschichte. Der Glarner ist eine Legende im Club. Der 70-Jährige wird am Mittwoch allerdings nicht im Letzigrund sein und begründet seine Abwesenheit folgendermassen: «Mir blutet das Herz, ich könnte gar nicht hinschauen.»

Es sei deprimierend und eine Katastrophe schlechthin, dass es überhaupt so weit habe kommen müssen. «Und dafür gibt es nur einen Schuldigen. Und das ist Präsident Ancillo Canepa, der sich masslos überschätzt, die Situation im eigenen Verein hingegen völlig unterschätzt hat», bedauert Künzli und schliesst mit der Bemerkung: «Ich habe Ancillo Canepa schon vor zwei Jahren einmal gesagt, dass ich mir Sorgen um die Entwicklung des FCZ mache. Aber er hat ja nicht auf mich gehört.»

«Ich könnte gar nicht hinschauen» Ruedi Elsener, der den FCZ im Jahr 1981 mit seinem Ausgleichstreffer zum 1:1 im Zürcher Hardturm zum Meistertitel geschossen hatte, hält es wie Fritz Künzli und geht nicht zum Spiel gegen Vaduz. «Mir geht es wie Fritz, ich könnte gar nicht hinschauen. Die Nervenanspannung wäre für mich viel zu gross.» Der FCZ müsse alles Glück dieser Erde pachten, um sich noch retten zu können. Lugano könne es hingegen aus eigener Kraft noch schaffen. «Und ich bin mir gar nicht so sicher, dass der FCZ das Heimspiel gegen Vaduz gewinnt.»

Für die Spieler des FC Vaduz gehe es immerhin noch um Prämien. «Und dann kann ich mir gut vorstellen, dass Vaduz-Spielmacher Moreno Costanzo ziemlich geladen sein könnte. Wie ich weiss, wurde er von FCZ-Trainer Uli Forte damals bei YB fallen gelassen wie eine heisse Kartoffel. Aber wie gesagt: Man sieht sich im Leben immer zweimal. »

Beten und hoffen

Der ehemalige FCZ-Trainer Georges Bregy sagt: «Das Problem ist ganz klar, dass der FCZ nicht mehr allein über sein Schicksal bestimmen kann. Er muss darauf hoffen und beten, dass St. Gallen in Lugano noch einmal alle Kräfte aufbietet.» Der Walliser war am vergangenen Sonntag in St. Gallen und sah die 1:4-Niederlage der Ostschweizer im eigenen Stadion. «St. Gallen hat lange gar nicht so schlecht gespielt, wie es das Resultat widerspiegelt», sagt Bregy. Nach dem zweiten Luzerner Tor kurz nach der Pause sei die Mannschaft dann aber unerklärlicherweise auseinandergefallen.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.05.2016, 15:08 Uhr

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