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Mit Charme, Schal und Anekdoten

Beki Probst formte den European Film Market in Berlin zu einer der wichtigsten Filmmessen der Welt. Zum Abschied erhält sie eine Berlinale-Kamera.

Umtriebige und eloquente Kulturvermittlerin: Beki Probst. Foto: Juliane Eirich/EFM 2018
Umtriebige und eloquente Kulturvermittlerin: Beki Probst. Foto: Juliane Eirich/EFM 2018

Der Abschied fällt ihr nicht leicht. Beki Probst versprüht beim Gedanken an den Rücktritt vom European Film Market (EFM) gleichermassen Wehmut und Würde. «Wüsster, es war eine Lovestory», sagt die Grande Dame in ihrem typischen Mix aus Berndeutsch und Englisch. «Man spürt innerlich, wenn die Zeit reif ist. Jetzt ist sie reif.» Dabei versucht sie, die Worte ihrer Tochter im Ohr zu behalten: «Viele können es gar nicht erwarten, bis sie endlich in den Ruhestand gehen.»

Wer sich mit Beki Probst zu Tisch setzt, hat eine versierte Geschichtenerzählerin vor sich. Ihre Anekdoten liegen bereit wie der sorgsam drapierte Schal oder der kunstvoll am Körper verteilte Schmuck. Wie aber wurde aus dieser Frau jene Branchengrösse, die in der Filmwelt alle kennen und die wiederum jeden kennt? Beki Probst wuchs in Istanbul auf, begeisterte sich früh für Filme. «Als Jugendliche war es das Highlight, einmal pro Woche ins Kino zu gehen. Das Ticket musste man eine Woche im Voraus kaufen – ohne zu wissen, was man sieben Tage später sehen würde.»

Nach dem Jura- und Journalismus-Studium wurde sie dank guter Fran­zösischkenntnisse VIP-Reporterin bei einer türkischen Zeitung. Sie berichtete von der Hochzeit von Fürst Rainier III. und Grace Kelly 1956 in Monaco und reiste ans Filmfestival nach Cannes. «Damals hat man eine Sophia Loren oder eine Brigitte Bardot einfach auf der Strasse getroffen», erinnert sie sich, «und man bekam ein Interview, ohne dass gleich acht Bodyguards aufgesprungen wären.» Die Reporterin ihrerseits lernte in Cannes den Schweizer Kino­betreiber Roland Probst kennen, folgte ihm nach Bern und fing im Kino Alhambra als Kassiererin an. «2.95 Franken war das Einzige, was ich auf Deutsch konnte. So viel kostete damals ein Ticket.»

Die «Herbstzeitlosen»-Wette

Aus den Probst-Kinobetrieben wurden die Quinnie Cinemas, Beki Probst wurde deren Geschäftsführerin – eine Basis für weitere Herausforderungen. Bald etablierte sie sich auf der internationalen Festivalbühne als ebenso umtriebige wie eloquente Kulturvermittlerin. Sie wurde Berlinale-Delegierte für Türkei und ­Griechenland, am Filmfestival Locarno baute sie einen Handelsplatz auf, um den Exodus von Schweizer Kinobesitzern und Verleihern zu stoppen und diese wieder ins Tessin zu locken.

Zudem bewies Probst eine gute Nase für Publikumshits. Als Mitglied der Piazza-Grande-Auswahlkommission setzte sie durch, dass Bettina Oberlis Mundartkomödie «Die Herbstzeitlosen» (2006) auf der Grossleinwand lief. «Ich wettete mit dem damaligen Fernsehfilm-Verantwortlichen Alberto Chollet: Wenn der Film auf der Piazza läuft, wird er den Publikumspreis gewinnen.» Schmunzelnd fügt sie hinzu: «Auf die Flasche Champagner warte ich noch heute.»

Zwischen zwei Alphatieren

Locarno und Berlin, an diesen Orten wirkte auch der Schweizer Moritz de ­Hadeln, der beiden Festivals als künstlerischer Direktor vorstand. 1988 holte er Probst, um in der geteilten Stadt eine internationale Messe aufzubauen. «Das werde ich ihm nie vergessen», sagt Probst, «aber, oh my God, plötzlich wurde mir bewusst, dass ich in globalen Dimensionen denken musste.» Die Anfänge waren bescheiden. «Ich fing mit drei Mitarbeitern und einer Handvoll Filmen an.» Heute sorgt ein 40-köpfiges Team dafür, dass über 500 Branchenprofis aus 100 Ländern Lizenzen für Filme anpreisen können. Den Gesamtumsatz der Messe will oder darf sie nicht beziffern, aber es heisst, dass am EFM jährlich Filme und Rechte in dreistelliger Millionenhöhe gehandelt werden.

Dass die Messe so wichtig wurde, ist indes nicht nur Probsts Geschick, sondern auch einer protektionistischen Aktion des American Film Market zu verdanken, der früher ebenfalls im Februar stattfand. «Plötzlich beschlossen die amerikanischen Händler, im November nicht mehr nach Mailand zu fahren, sondern ihren eigenen Markt in den November vorzuverlegen. Das killte die Mailänder Messe – und wir hatten eine freie Autobahn vor uns.» Es folgte der Umzug in den Martin-Gropius-Bau, ein restauriertes Ausstellungshaus im Renaissance-Stil beim Potsdamer Platz. «Der Museumsdirektor wehrte sich und sprach von einer barbarischen Invasion. Aber Berlinale-Direktor Dieter Kosslick und ich konnten uns durchsetzen.»

Bleibt die Frage: Was muss eine Marktleiterin eigentlich leisten? Probst erklärt es mit einer Anekdote: «Während der Messe 1997 bekam ich einen Anruf, dass Harvey Weinstein die Vorführung von ‹Four Days in September› verpasst habe. Ich organisierte ihm ein Abendscreening. Was Weinstein nicht wusste: Auch Sony-Chef Michael Barker wollte den Film kurzfristig am selben Abend schauen. Ich hatte aber erstens nur eine Filmkopie, und zweitens kann man zwei Studiobosse nicht ins gleiche Kino setzen. Ich bat Weinstein in einen Saal vis-a-vis von meinem Büro und platzierte Barker in ein Kino am Ende des Korridors. Ein Operateur musste dann die Filmrollen von einer Vorführkabine in die andere tragen, damit die beiden den Film fast gleichzeitig, aber nicht zusammen schauen konnten. Weinstein war dann schneller und sagte mir beim Rausgehen, er habe den Film gekauft.»

«#MeToo? Ridicule!»

Apropos Weinstein: Bekam Probst etwas von dessen sexuellen Belästigungen mit? «Nein. Ich selber war wohl not his type oder zu alt für ihn. Aber ich muss auch sagen, die aktuelle #MeToo-Debatte ist etwas ridicule. Wo waren diese Frauen vor zwanzig Jahren, warum kommen sie erst jetzt damit? Zwanzig Jahre, come on!» Das klingt nicht mehr nach sorgsamer Auslegeordnung, sondern nach akutem Missbehagen. Die Frau, die ihr Geburtsjahr für sich behält, verweist auf den aktuellen Woody-Allen-Film «Wonder Wheel», der ausserordentlich schlecht laufe: «Ist das der Preis für Missbrauchsvorwürfe?»

Was Probst betrifft, wird ihr der Preis fürs Lebenswerk heute in Form einer Berlinale-Kamera überreicht. Ihr Abschied deutete sich schon 2014 an. Damals wurde die Marktleiterin zur Präsidentin befördert – ein Amt, das es zuvor nicht gab. Im selben Jahr verkaufte sie die Quinnie-Cinemas in Bern. Ein schmerzhafter Schnitt? «Wüsster. Alles, was man über die Jahre wachsen sah wie ein Kind, tut weh, wenn man sich davon trennen muss. Aber ich bin glücklich, wenn jüngere Leute übernehmen. In Edna Epelbaum, die Quinnie übernommen hat, sehe ich meine eigene Jugend gespiegelt.»

Mit dem Ruhestand wird es trotzdem nichts. «Nach so vielen Jahren Filmbusiness kann ich mich nicht einfach an einen Strand legen», sagt Probst. Stattdessen fährt sie im Herbst nach Lausanne, um an der Filmhochschule Ecal Drehbuchkurse zu besuchen und an der Uni Filmgeschichte zu studieren. «Aber keine Angst, ich werde keinen Film ­drehen.»

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