Mit der Goldwaage im Kopf

Heinz Holliger ist der meistgefragte Schweizer Komponist. Derzeit probt er im Zürcher Opernhaus die Aufführung von «Lunea».

Und nebenbei korrigiert er Richard Wagner: Dirigent Heinz Holliger (78) in Zürich. Foto: Reto Oeschger

Und nebenbei korrigiert er Richard Wagner: Dirigent Heinz Holliger (78) in Zürich. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Vogeljagd ist kein sympathisches Hobby. Und wenn der Vogeljäger auch noch ein Biedermeierdichter ist, müsste er für einen wie Heinz Holliger eigentlich erledigt sein. Aber Nikolaus Lenau (1802–1850) hatte eben auch noch eine andere Seite, die nach seinem Schlaganfall 1844 zum Vorschein kam. Da schrieb er plötzlich Dinge, die seinen Zeitgenossen nicht nur im lyrischen Sinne ungereimt vorkommen mussten: «Ich habe meine Augen mit Unglück gewaschen und nun einen schärferen Blick», notierte er etwa. Oder: «Der Mond ist ein leuchtendes, schwebendes Grab.» Sätze wie Blitze, die einen Assoziationsraum öffnen, einen Seelenraum, einen Klangraum. Und dort, sagt Heinz Holliger nach einer Probe im Zürcher Opernhaus, «dort richte ich mich dann ein».

Was das heisst, lässt sich andeutungsweise schon aus dem Titel des Werks ablesen, das Holliger nicht als Oper bezeichnen mag: «Lunea» schüttelt die Buchstaben des Namens Lenau durcheinander und lässt einen gleichzeitig an den Mond (luna) denken. Wer die Arbeit des mittlerweile 78-jährigen Holliger schon länger verfolgt, kann auch bereits vermuten, dass Verwandlungen und Spiegelungen eine zentrale musikalische Rolle spielen werden.

Treffen in der Küche

Blättert man sich dann zum ersten Ton vor, findet man ein «Es», das für Schubert steht und auch für Schumann, einen von Holligers Lieblingskomponisten, der selber oft Gedichte von Lenau vertont hat und wie dieser in einer Nervenheilanstalt starb. Klar, dass Schumann auch zitiert wird in der Partitur. Und er ist nicht der Einzige: So entwickelt sich etwa aus zwei Tönen von Liszt ein Geigensolo, und dem Mond zuliebe gibts fünf Noten aus Schönbergs «Pierrot lunaire». «Niemand wird das hören», sagt Holliger, «das sind nur so private Dinge.»

Video – Die Musik von «Lunea»

Musikerinnen der Philharmonia Zürich über die Besonderheiten von Holligers Komposition.

Wichtig sind sie dennoch. Denn ein Werk von Holliger, das ist immer auch ein Werk über Holliger. Seine Obsessionen, seine Geschichte, seine Neugierden durchziehen die Partitur. Und auch seine Freundschaften: Er könne nicht «ins Leere» komponieren, sagt Holliger, er müsse den Menschen nahestehen, für die er schreibe. Nun singt also Christian Gerhaher, der schon die «Lunea»-Lieder uraufgeführt hat, den Lenau, und Juliane Banse gibt Lenaus unerreichbare Liebe Sophie von Löwenthal; beide gehören seit langem zur «Holliger-Familie».

Auch der österreichische Wahl-Bieler Händl Klaus gehört dazu, der aus den Lenau-Texten das Libretto für «Lunea» destilliert hat. Holliger nimmt ihn aus der Probe gleich mit zum Gespräch, «er hat nämlich auch viel zu erzählen». Das hat er tatsächlich, etwa von den Treffen in Basel, in Holligers Küche, bei denen sie über das Werk diskutiert haben. Über Lenau, den sie als Person eigentlich eher nicht mögen. Oder über das japanische Nô-Theater, das beide fasziniert und «Lunea» mitgeprägt hat.

Geheimnisvolle Passagen

Aber was hört man denn nun konkret? Provisorische Antworten gibts in einer Probe auf der Studiobühne des Opernhauses. Neben den Sängern sind 34 Musiker da, also ein eher kleines Orchester; ungewöhnlich sind nur das Zymbal (weil Lenau gern auf seine ungarische Kindheit verwies) und die Kontrabassklarinette (eines von Holligers Lieblingsinstrumenten, «es begleitet mich seit 1962»). Aber wenn die Musik dann einsetzt, reibt man sich bald einmal die Ohren: Was war das eben für ein Klang? Wer spielte da überhaupt?

Holliger grinst, wenn man ihn darauf anspricht: «Es gibt Passagen, bei denen wirklich niemand merkt, wie die gemacht sind – das ist ein bisschen mein Ehrgeiz.» Wie mit der Goldwaage müsse man die Klänge mischen, so habe es der französische Komponist Charles Koechlin 1941 in seinem «Traité de l’orchestration» geschrieben.

Was nach Zauberei klingt, hat allerdings vor allem mit Wissen und Erfahrung zu tun. Holliger sieht sich da in einer Linie mit den Komponisten vergangener Jahrhunderte: «Die waren auch Instrumentalisten, ständig in der Praxis.» Er selbst hat als Oboist, Komponist und Dirigent gleich drei internationale Karrieren gemacht; vom Siemens-Musikpreis bis zum Schweizer Musikpreis hat er jede Auszeichnung erhalten (und die Preisgelder stets in Musikprojekte gesteckt, «weil man Preise ja erst erhält, wenn man sie nicht mehr braucht»).

Was war das eben für ein Klang? Szenenbild aus «Lunea». Foto: Paul Leclaire

Aber er hat einst auch Klarinette gelernt, ein wenig Cello und Flöte spielt er ebenfalls. Klavier hat er sogar studiert, bei Yvonne Lefébure in Paris, der er zum Abschied Gedichte geschenkt hat, «weil da etwas drin war, was ich damals kompositorisch noch nicht ausdrücken konnte». Die Geige kennt er sowieso, seine Tochter ist Geigerin. Seine verstorbene Frau dagegen war Harfenistin – und Holliger mokiert sich über Wagner, «der nicht einmal wusste, dass man die Harfe nicht mit fünf, sondern mit vier Fingern spielt: Im ‹Rheingold› haben die Arpeggien immer zwei Töne zu viel.»

Ein «zu viel» diagnostiziert er auch in vielen zeitgenössischen Werken: «Diese Partituren, die vollgestopft sind mit Horror Vacui, tönen meistens nur grau in grau.» Jeder einzelne Ton habe ja 17, 18 Obertöne, die mitschwingen; «die muss man mitdenken beim Komponieren». Mit der Goldwaage im Kopf eben, und mit Mozart als Vorbild: «Seine Werke klingen immer nach mehr Instrumenten, als eigentlich spielen.»

Auch die Worte sind für Holliger erst einmal Klang – und damit weit mehr als nur Sinnträger. Ein Text, der einfach eine Geschichte erzählt, interessiert ihn ebenso wenig wie eine Oper mit einer klaren Handlung. Händl Klaus nickt, auch er liest Bücher gern als «Sprachmusik», «der Inhalt kommt lang, lang danach». Darum sind die Lenau-Worte im Libretto auch zerrissen, zerschnitten, gespiegelt; dass man die Trennungen bei den Übertiteln zur Aufführung der Verständlichkeit halber weglassen wird, findet Holliger «ein wenig schade, denn meine Musik bezieht sich ja darauf».

Wurmstichige Äolsharfen

Sonst ist er zufrieden mit den Vorbereitungen für seine zweite Uraufführung am Zürcher Opernhaus, zwanzig Jahre nach dem «Schneewittchen» nach Robert Walser. Die Zusammenarbeit mit Andreas Homoki sei «beglückend»: «Endlich ein Regisseur, der wirklich Antennen hat für Musik» und der zudem «auf den Boden holt», was Holliger sich als «Wolkengänger» ausgedacht hat. «Das ist zwar anders, als ich es mir vorgestellt habe – aber ich will ja gar nicht, dass es so ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Mein Kopftheater muss nicht auf die Bühne kommen.»

Manchmal kommt es nicht einmal in die Partitur. Für das letzte der 23 «Lebensblätter», aus denen «Lunea» besteht, waren nämlich ursprünglich Äolsharfen und Vogelgezwitscher vorgesehen. Aber die Äolsharfen im Basler Instrumentenmuseum liessen sich nicht reaktivieren, «die waren wurmstichig». Und Tonkonserven, die ihm der ECM-Produzent Manfred Eicher extra nach Zürich gebracht hat, klangen zwar gut, «aber zu kulinarisch». Auch die Vogelaufnahmen, die Holliger von einem einstigen Langenthaler Schulfreund und Ornithologen bekam, schienen ihm plötzlich zu konkret. Also entschied er: «Keine Technik, jetzt mache ich alles streng bio.»

Die Geschichte verrät viel über Holliger: über den Menschen, der so viele andere mit seinen Ideen anzustecken weiss. Über den Träumer, der seine Träume mit viel Energie zu verwirklichen versucht – und sie auch wieder loslassen kann. Und über den Sprachkünstler, der so präzis, witzig und formelfrei zu reden versteht.

Kein Wunder, hat er sich nicht für Lenaus Biedermeiergedichte interessiert. Aber dem Klischee, dass er mit Robert Walser, Adolf Wölfli, Friedrich Hölderlin oder eben Nikolaus Lenau nur wahnsinnige Dichter vertone, widerspricht er trotzdem: «Die schrieben meist nicht mehr, wenn sie wirklich wahnsinnig wurden. Und Hölderlin war es nie.» Sie waren einfach «am Rand», wie Holliger es nennt: Also dort, wo Kunst stattfindet. «Auch ein Komponist würde nicht komponieren, wenn er in der Mitte der Strasse ginge», sagt er. Oder jedenfalls nicht so, dass einer wie Holliger sich das anhören möchte.

«Lunea» am Zürcher Opernhaus, ab 4.3.


«Holliger möchte, dass etwas kommt vom Gegenüber»

Die Sopranistin Juliane Banse singt in «Lunea» die weibliche Hauptrolle.

Vor zwanzig Jahren sangen Sie bei der Uraufführung von Heinz Holligers «Schneewittchen» die Titelpartie. Was ist anders diesmal?
Es läuft alles viel ruhiger, rein logistisch-organisatorisch. Heinz Holliger wusste nach der «Schneewittchen»-Erfahrung, was er anders machen musste. Konkret: Diesmal war das Stück fertig, als die Proben begannen. Aber trotzdem, eine Uraufführung ist immer ein Abenteuer!

Wie packt man so etwas an?
Am Anfang kann man einfach nur mit grossem Vertrauen seine Töne lernen – ohne zu wissen, wie das Ganze klingen wird. Auch in den ersten Probewochen weiss man das noch nicht, da probt man ja nur mit dem Klavier. Und gerade eine solche Partitur lässt sich kaum in einen Klavierauszug pressen. Heinz Holliger hat in den Proben oft gesagt, wir müssten uns dies oder jenes gar nicht merken, es werde mit Orchester dann ganz anders.

Da ist es leichter, Hits zu singen.
Schon. Aber ich empfinde es wirklich als Privileg, bei einer solchen «Geburt» dabei zu sein. Die Freiheit, die man bei einer Uraufführung hat, ist etwas Besonderes. Und es ist ein enorm spannender Entstehungsprozess.

«Holliger brennt so sehr für dieses Stück, dass er am liebsten jedem einzelnen Instrument den Weg zeigen würde.»Sopranistin Juliane Banse

Wie viel Freiheit haben Sie denn? Manche Komponisten sind sehr streng mit ihren Interpreten – György Kurtág etwa, mit dem Sie oft zusammengearbeitet haben.
Bei Kurtág fühlt man sich sehr fest­gebunden in seiner Vorstellung, er will ­alles genau so, wie er es sich gedacht hat. Heinz Holliger weiss ebenfalls, was er will, er gehört bestimmt nicht zu den Komponisten, bei denen man denkt: Ungefähr ist auch recht. Bei ihm ist alles ­genau durchdacht, er könnte jede einzelne Note erklären. Aber er ist immer auch Kammermusiker und möchte, dass etwas kommt vom Gegenüber. Er kennt unsere Möglichkeiten und will sie ausschöpfen. Streng wird er nur, wenn er das Gefühl hat, wir könnten etwas noch besser – auch wenn wir selbst denken, es ginge wirklich nicht mehr. Er lockt Dinge aus uns heraus, von denen wir nicht wussten, dass sie in uns drinstecken.

Spannt er deshalb immer wieder mit denselben Interpreten zusammen?
Ja. Es ist entscheidend für ihn, dass er eine persönliche Beziehung hat zu uns, dass er weiss, für wen er schreibt. Er muss sich darauf verlassen können, dass wir es so gut wie möglich machen – und nicht einfach einen Job erledigen. Dann ist auch er freier in seiner Arbeit.

Holliger ist nicht nur der Komponist von «Lunea», er dirigiert das Stück auch. Vorteil oder Nachteil?
In der Vorbereitung ist es ein enormer Vorteil, gerade weil man so wenig herauslesen kann aus dem Klavierauszug. Man kann immer nachfragen. Das würde man bei toten Komponisten ja manchmal auch gern . . . Nachteile sehe ich höchstens für Heinz Holliger selbst: Für ihn ist es wohl nicht einfach, mit unseren Unzulänglichkeiten umzugehen. Ein neutraler Dirigent wäre da vielleicht cooler; er brennt so sehr für dieses Stück, dass er am liebsten jedem einzelnen Instrument den Weg zeigen würde.

In der Probe war die Atmosphäre aber sehr entspannt.
Ja, es ist eine sehr vertraute Zusammenarbeit. Und wir haben ja auch noch ein bisschen Zeit bis zur Premiere. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.02.2018, 10:41 Uhr

Artikel zum Thema

Der Neugierige

Der Favorit hat gewonnen: Heinz Holliger wurde gestern Abend mit dem zweiten Schweizer Musikpreis ausgezeichnet. Mehr...

Weit mehr als ein Composer-in-Residence

Mal mit der Natur singen, mal um Ausdruck ringen – am Samstag zeigte Heinz Holliger am Lucerne Festival die Bandbreite seines Schaffens. Mehr...

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Kommentare

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Light Abo.

Das Thuner Tagblatt digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Massenyoga: Gemeinsame Yoga-Lektion in der indischen Stadt Chandigarh im Vorfeld des Welt Yoga Tages. (19.Juni 2018)
(Bild: Ajay Verma ) Mehr...