Zum Hauptinhalt springen

Nägel ohne Köpfe

Immer mehr Leute in der Schweiz haben studiert. Das könnte gefährlich werden.

Praktische Fähigkeiten gleich null, denken manche über ihre Mitmenschen, die eine Uni besucht haben.
Praktische Fähigkeiten gleich null, denken manche über ihre Mitmenschen, die eine Uni besucht haben.
iStock

Das Bundesamt für Statistik sagt voraus, dass 2045 rund 60 Prozent der Bevölkerung studiert haben werden. Eine Umfrage von «20 Minuten» in Därstetten BE hat erbeben: Dieser Umstand besorgt. Man könnte meinen, im Dorf, wo nur zwei Personen mit Studienabschluss wohnen, lägen Vorurteile gegenüber Studierten in der Luft. Zu Recht?

Hallo, ich bin 32 und habe mir gerade mit dem Hammer auf den Finger geschlagen. Denn: Ich habe studiert. Ich bin eine von jenen, von denen es in der Schweiz immer mehr gibt: Akademikerinnen und Akademiker. In urbanen Gegenden machen wir bereits knapp die Hälfte der Bevölkerung aus. Wegen Leuten wie mir könnte das Leben bald zum Stillstand kommen. Zwei linke Hände, die es nicht mal schaffen, vorgefertigte Ikea-Möbel zusammenzubauen, geschweige denn, sich selbst ein Möbelstück zu zimmern. Nägel wird es keinen einzigen geraden mehr in einer Wand geben – den letzten habe ich ja gerade eben krumm über meinen Daumen geschlagen. Dafür wimmelt es nebst mir von Leuten, die ihren Kopf in überdimensional grosse und abstrakte Themen stecken und überfordert sind, wenn sie sich eine Mahlzeit aus zwei Zutaten kochen sollen. Gewaschen habe ich mich schon lange nicht mehr, ich will ja die Welt retten – Klima, Finanzmärkte, Migration, dabei treiben PET-Flaschen und anderer Abfall im Fluss meiner Stadt. Aber rausfischen wäre schwierig. Nach einer Woche des Überlegens, mit welchem Gerät ich all das am besten rausholen soll, ist der Müllteppich bereits ausser Sichtweite getrieben.

Leute, die wirklich arbeiten, haben jetzt aber Mitleid. Sie legen gerade zusammen, damit ich andere anstellen kann, um die Arbeit zu erledigen, über die ich besser nachdenken als sie selbst erledigen kann. Bald werde ich eine Privatköchin haben, eine Putzkraft, einen Einkaufsassistenten, jemanden, der mir die Kleider wäscht, am Morgen den Kaffee macht, dann jemanden für die Buchhaltung, Steuern, Mietangelegenheiten, Untermietverträge, kaputte Geräte in der Wohnung und so weiter und so fort. Sie alle helfen mir, dass ich im Alltag überlebensfähig bin. Auf meine Angestellten werde ich herabschauen, so wie die Akademiker, die auf mich herabgeschaut haben, als ich während des Studiums im Krankenhaus als Hilfskraft Menschen gepflegt habe – in Schichtarbeit, oder als ich geputzt oder Teller gewaschen, Kaugummis verteilt oder Wein ausgeschenkt oder mich freiwillige engagiert habe.

Aber das Studium hat mir tatsächlich nicht geholfen, weil ich irgendwann so beschäftigt damit war, anderen zu erklären, weshalb ich beides mache, Studieren und Büezen. Und auch im Moment komme ich gar nicht so viel zum Nachdenken, wie ich das gern würde, weil ich darüber schreiben muss, dass es auch Studierte gibt, die Nägel einschlagen können und Büezende, die zuerst überlegen, bevor sie eine Arbeit ausführen. Potz Donner, da fällt mir gerade auf, ich bediene eine Tastatur an einem Computer, den ich selbst eingeschaltet habe, und das trotz Masterabschluss. Da muss ich glatt überlegen, wie es so weit kommen konnte.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch