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Soll sie warten, die Frau

Hauptsache, der neue Bundesrat kommt aus dem Tessin: Wieder einmal sind alle Argumente wichtiger als das Frauen-Argument.

Philipp Loser

Plötzlich war es da, das Tessin-Argument, und verdrängte alles. Didier Burkhalter sah die Gestade ­seines geliebten Neuenburgersees erst aus der Ferne, war kaum zurückgetreten, da war schon allen klar: Wenn der Nachfolger des Aussenministers nicht Italienisch spricht und ein paar Grotti von innen gesehen hat, dann wird die Schweiz implodieren. Ein Tessiner muss es sein. Fast zwanzig Jahre warten sie schon. Und die Regionen sollen jetzt angemessen in der ­Regierung vertreten sein.

Die Debatte war abgeschlossen, bevor sie begonnen hatte. Den einen Kandidaten hatte man auch schon. Und so steht Ignazio Cassis kurz vor einer Wahl und kann sich alles erlauben. Er kann sogar sagen, dass er beleidigt wäre, wenn er eine Frau wäre und nur ­deswegen gewählt würde. Und weiss doch ganz genau, dass er zuerst wegen seiner Herkunft in die Regierung kommt und nicht, weil er der brillanteste Schweizer Politiker der Nachkriegszeit ist. Tessin schlägt Frau.

All die Versuche, jetzt noch eine Frauendebatte anzureissen, wirken hilflos. Und wenn Kandidatin Isabelle Moret aus taktischen Gründen ihr Geschlecht kleinredet – eine Frau zu sein, habe sich in bisherigen Bundesratswahlen eher als Handicap erwiesen, und sie wolle sicher nicht wegen ihres Geschlechts, sondern wegen ihrer Kompetenz gewählt werden – sogar etwas armselig.

Leider ist das sinnbildlich für die Geschlechterdebatten in der Schweiz – alle Argumente scheinen immer wichtiger als das Frauen-Argument. Frau und Mann erhalten nicht die gleichen Löhne? Da muss etwas in den Statistiken nicht stimmen. Schon wieder wird ein Mann Chef und nicht eine Frau? Er wird wohl kompetenter gewesen sein. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in der Schweiz vor allem für die Frau ein Problem? Ach, der Mann hat es doch auch schwer.

Die fehlende, verkorkste Frauendebatte vor der Bundesratswahl ist nur ein weiteres Beispiel von ­vielen. Wir halten es kaum aus, wenn ein Randkanton zwanzig Jahre auf einen Bundesratssitz warten muss. Bei der Frauenfrage sind wir etwas geduldiger. Soll sie warten, die Frau.

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