USA Gymnastics kehrt schwere Vorwürfe unter den Teppich

Der Missbrauchsskandal im US-Turnsport hat ein weiteres Opfer: Maggie Nichols. Ihr Fall zeigt, wie lange es dauerte, bis die Amtsträger handelten.

Für USA Gymnastics war sie «Athletin A»: Maggie Nichols.

Für USA Gymnastics war sie «Athletin A»: Maggie Nichols.

(Bild: AP)

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Was auch noch passiert: Lawrence Nassar wird in seinem Leben keinen Schritt mehr in Freiheit tun. 60 Jahre Haft hat der frühere Chefarzt des amerikanischen Turnverbandes USA Gymnastics vor Bundesgericht wegen des Besitzes von kinderpornografischem Film- und Fotomaterial im grossen Stil bereits ­gefasst, ehe kommende Woche jene ­Prozesse starten, deren Anlass das US-Turnen in seinen Grundfesten erschütterte.

Vor zwei Bezirksgerichten im Bundesstaat Michigan muss er sich für den ­sexuellen Missbrauch von über 130 minderjährigen Turnerinnen verantworten. Begangen hat er die Taten im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte, Nassar hat sich in beiden Verfahren schuldig ­bekannt. Auf ihn wartet zusätzlich eine lebenslängliche Gefängnisstrafe.

Schweigegeld von 1,25 Millionen Dollar

Die besten amerikanischen Turnerinnen sind betroffen und haben in den letzten Monaten die Öffentlichkeit gesucht, darunter mit Gabrielle Douglas, Aly Raisman und McKayla Maroney drei von fünf Turnerinnen jenes US-Teams, das 2012 in London fünf Olympiamedaillen gewonnen hatte. Maroney, inzwischen zurückgetreten, hatte im Oktober als Erste den Mut aufgebracht, öffentlich gegen Nassar auszusagen. Ende Jahr reichte sie ausserdem Zivilklage ein gegen Nassar, das Nationale Olympische Komitee sowie USA Gymnastics. Der Verband soll ihr Schweigegeld von 1,25 Millionen Dollar offeriert haben. Recherchierende Medien wie der «Indianapolis Star» werfen USA Gymnastics schon lange vor, die Affäre bewusst unter den Teppich gekehrt zu haben.

Dem Vorwurf, den Fall zu wenig ernst genommen zu haben, sieht sich auch die Michigan State University ausgesetzt, an der Nassar fast 20 Jahre lang Turnerinnen betreute. Obschon der Universitätsleitung seit Jahren Übergriffe gemeldet wurden und sie 2014 eigene Ermittlungen anstellte, brauchte es 2015 die Intervention von USA Gymnastics, dass sich die Hochschule von Nassar trennte – ein Jahr später. Von ihrer Trainerin ermutigt, traute sich Kaderturnerin Maggie Nichols, ihren früheren Vertrauensarzt beim Verband anzuzeigen. Sie wird bei USA Gymnastics intern «Athletin A» genannt.

Verband behielt Information zurück

Bekannt ist dieser Vorgang erst seit gestern, weil der Verband diese Information zurückbehalten hatte. Nichols selbst war es, die die Öffentlichkeit suchte. In einem Statement schrieb sie: «Bis jetzt sprach USA Gymnastics von mir nur als ‹Athletin A›. Ich möchte hiermit klarstellen: Nassar hat das nicht ‹Athletin A› angetan, sondern mir, Maggie Nichols.» Ihr Vorwurf ist happig: «USA Gymnastics kann jungen Frauen keine sichere Umgebung bieten.»

Der Verband weist diesen Vorwurf zurück. Er schrieb: «Wir haben Nassar 2015 und 2016 dem FBI gemeldet und voll kooperiert. Unser oberstes Ziel ist, all unsere Athleten zu schützen.»

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