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UmweltsünderDieses Video zeigt, wie ein Bauer ein Gewässer verschmutzt

Nach dem verbotenen Pestizideinsatz passierte nichts. Recherchen zeigen, dass nur auf 100 Höfen pro Jahr Feldproben genommen werden. Trotz massiv verschmutzter Gewässer.

Ein Thurgauer Bauer spritzt seine Felder. Kontrolliert werden diese kaum.
Ein Thurgauer Bauer spritzt seine Felder. Kontrolliert werden diese kaum.
Foto: Marc Dahinden

Das Video wurde an einem frühen Morgen in Fully VS gedreht, im «Kalifornien der Schweiz» – von Aprikosen bis Spargeln gedeiht hier alles. Zu sehen ist ein Traktor, der einen dichten Nebel von Pestiziden auf eine Reihe Apfelbäume sprüht. Doch der Schwall geht direkt über einen kleinen Fluss. Das ist eindeutig illegal. Drei Meter rund um Gewässer dürfen in der Schweiz keine Pestizide verwendet werden.

Das Filmchen tauchte letztes Jahr in sozialen Netzwerken auf. Es beweist, dass sich Bauern beim Einsatz von Pestiziden nicht immer an die strengen Regeln halten. Zudem belegt der Fall, dass Landwirte damit ungeschoren davonkommen können. Denn die Angelegenheit wurde ohne Anzeige oder Busse geregelt, «unter vier Augen», wie ein lokaler Beamter sagt. Einige Apfelbäume wurden herausgerissen, damit der Bauer nicht mehr über das Wasser spritzen muss.

Er selbst ist der Meinung, der Kanal sei nur ein «Rinnsal», in dem wenig bis gar kein Wasser fliesse. Beim versprühten Produkt habe es sich um Paraffin gehandelt, ein Abfallprodukt aus der Erdölindustrie, das auch Bio-Bauern benützen dürfen. Allerdings gilt auch dafür der Mindestabstand zu Gewässern von drei Metern. Paraffin ist giftig für Bienen und steht wegen seiner krebserregenden Eigenschaften auf der schwarzen Liste von Greenpeace.

Hier besprüht der Walliser Bauer seine Bäume über den Fluss.
Video: PD

Andere Pestizide sind noch schädlicher für die Umwelt. Bei ihnen gelten Sicherheitsabstände von 20, 50 oder sogar 100 Metern. Ein einziges Gramm dieser Produkte zur Beseitigung von Insekten, Pilzen oder Unkraut kann mehrere Kilometer eines Baches vergiften.

Dass dies immer wieder geschieht, zeigt eine Studie von Bund und Kantonen. Sie lieferte 2019 einen wissenschaftlichen Beweis für die starke Belastung der Flüsse im Schweizer Mittelland durch Pestizide aus der Landwirtschaft. Auch Trinkwasserproben wiesen übermässig viel Chlorothalonil, ein potenziell krebserregendes Fungizid, auf. Der Kanton Bern hat kürzlich eine «erhebliche Verunreinigung» seines Grundwassers durch entsprechende Rückstände gemeldet – mit Konzentrationen bis 20-mal über der zulässigen Norm.

Fast 1500 Regeln für korrekten Gebrauch

Eigentlich gibt es strikte Regeln, um die Umweltverschmutzung durch Pestizide zu begrenzen. Neben Gewässern gelten auch Mindestabstände zu Wäldern und Wohnhäusern. Zudem ist der Einsatz verboten, wenn es windig ist oder wenn Bienen fliegen. Dazu kommen spezielle Vorschriften bei einzelnen Substanzen. Alleine beim Insektizid Pirimicarb 50 müssen die Bauern 32 Einschränkungen beachten.

Die SonntagsZeitung hat Daten des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) ausgewertet. Sie zeigen, dass aktuell für 2301 verschiedene Produkte 1457 Verwendungsregeln gelten. Und es werden immer mehr. Von 2011 bis 2018 hat der Bund für Pestizide, die als problematisch eingestuft sind, 550 neue Einschränkungen eingeführt. Mit dem Wust neuer Regeln will man ein Verbot der Stoffe umgehen, aber gleichzeitig die Belastung in den Böden und Gewässern reduzieren. Das ist ein sehr schwieriger Spagat.

«Die Vorsichtsmassnahmen sind äusserst schwierig anzuwenden und zu kontrollieren.»

Adèle Thorens, Ständerätin (Grüne, VD)

Ständerätin Adèle Thorens (Grüne, VD) spricht von einer Sackgasse. «Diese Produkte sind extrem gefährlich, extrem problematisch», sagt sie. Es sei eine Illusion zu glauben, dass Pestizide harmlos verwendet werden könnten. «Die Vorsichtsmassnahmen sind äusserst schwierig anzuwenden und zu kontrollieren.»

Genau hier liegt das Problem. Denn wenn man mit strengen Regeln ein Verbot umgehen will, muss man auch prüfen, ob Landwirte sie befolgen. Doch stattdessen haben Bauern praktisch freie Hand. Ob ein Landwirt wirklich 50 oder 100 Meter vom Fluss entfernt Pestizide sprüht, ob der Wind zu stark weht, ob ein zugelassenes Produkt verwendet wird, und dies im korrekten Mass: Das alles wird kaum je geprüft. Denn dazu bräuchte es Feldproben. Bei diesen kommen Behörden ohne Voranmeldung vorbei und nehmen Proben von Pflanzen oder vom Boden, die später analysiert werden.

Trinkgeld im Vergleich zu den Subventionen

Seit 2010 sind solche Kontrollen möglich. Anfangs wurde jeweils bei ungefähr jedem zehnten Landwirt ein Verstoss festgestellt. Mittlerweile ist die Quote auf 3 bis 5 Prozent gesunken, wie es beim BLW heisst. Die Feldkontrollen zeigen also offenbar Wirkung. Trotzdem sind sie extrem selten. Nur ungefähr 100 gibt es pro Jahr in der Schweiz, wie das Bundesamt für Landwirtschaft erstmals bestätigt. «Das ist viel zu wenig», sagt der Schaffhauser Kantonschemiker Kurt Seiler. Bei diesem Tempo würde es Jahrhunderte dauern, alle Betriebe zu kontrollieren, die Pestizide verwenden in der Schweiz gibt es über 25’000 davon.

Dass nicht mehr Analysen auf den Feldern erfolgen, liegt am Geld. Der Bund zahlt nur für wenige Tests. Er teilt den Kantonen eine Quote von Stichproben zu, die «aus Budgetgründen nicht überschritten werden darf», wie es in einem BLW-Dokument von diesem Frühling heisst.

«Unter vier Augen» geregelt wurde der Verstoss hier in Fully VS.
«Unter vier Augen» geregelt wurde der Verstoss hier in Fully VS.
Foto: Sylvain Besson

Nun aber steigt der Druck auf Bern. Gleich zwei Volksinitiativen zum Einsatz von Pestiziden sollen nächstes Jahr an die Urne kommen. Jetzt verspricht der Bund eine Verschärfung der Kontrollen. Das BLW hat angekündigt, dass sich die Zahl der Feldproben bis 2022 auf 1000 pro Jahr erhöhen soll. Mit einem im Gesetz verankerten Budget von 500’000 Franken pro Jahr ein Trinkgeld im Vergleich zu den rund 3,4 Milliarden an öffentlichen Geldern, die jährlich für die Landwirtschaft ausgezahlt werden.

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