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Wie ich meinem Schwiegervater regelmässig das Leben rette

Während andere an Technopartys gehen oder in der Alt­stadtbeiz Alkohol trinken, sitzt unsere Redaktorin zu Hause und spielt online Videospiele. Gegen das Vorurteil des asozialen Stuben­hockers wehrt sie sich vehement.

Als Elitesoldatin im verschneiten New York: Das Videospiel «Tom Clancy's: The Division» spielt unsere Redaktorin regelmässig mit der Familie ihres Freundes.
Als Elitesoldatin im verschneiten New York: Das Videospiel «Tom Clancy's: The Division» spielt unsere Redaktorin regelmässig mit der Familie ihres Freundes.
Screenshot Sheila Matti
Leben retten: Ein Knopfdruck reicht, um den Schwiegervater zurück ins Spiel zu holen.
Leben retten: Ein Knopfdruck reicht, um den Schwiegervater zurück ins Spiel zu holen.
Screenshot Sheila Matti
Teamarbeit: Die Charaktere des Schwiegervaters, Sheila Mattis und ihres Freundes (von links).
Teamarbeit: Die Charaktere des Schwiegervaters, Sheila Mattis und ihres Freundes (von links).
Screenshot Sheila Matti
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Von Deckung zu Deckung springend, nähern wir uns der U-Bahn-Station. Ein gezielter Kopfschuss meines Freundes erledigt den ersten Bösewicht, der dort patrouilliert. Sofort bricht das Chaos aus: Mein Schwager stürmt mit dem Automatikgewehr nach vorne, ich beziehe Stellung hinter einer Mauer.

Und nach wenigen Sekunden liegt mein Schwiegervater blutend am Boden. «Ich bräuchte etwas Hilfe», raunt es aus dem Kopfhörer. Ich eile ­herbei und drücke die Wieder­belebungstaste. Solche Situationen tragen sich bei mir zu Hause oft zu.

Manchmal, wenn meine Arbeitskollegen irgendwo in einer Altstadtbeiz sitzen und Bier oder Sekt trinken, bleibe ich lieber zu Hause und spiele Videospiele. Mal schlüpfe ich in die Rollen einer spitzohrigen, feuerschleudernden Elfe, mal in die kugelsichere Weste einer Elitesoldatin im verschneiten, postapokalyptischen New York.

Ich gehöre zu jenen Menschen, die ein gutes Videospiel einer Technoparty vorziehen. Dafür schäme ich mich nicht, daraus mache ich kein Geheimnis. Meine Freunde, meine Familie, die Menschen im Büro – alle wissen Bescheid über diesen Teil meines Lebens.

Das Spielen macht mir nicht nur Spass, ich bin auch einigermassen gut darin, den richtigen Knopf im richtigen Moment zu drücken. Das Einzige, was mich stört: Wenn ich mit Menschen über mein Hobby spreche, die sich damit noch nie auseinandergesetzt haben, kommen sofort die altbekannten Vorwürfe.

Gamer seien doch nur Stubenhocker, die in unhygienischen Verhältnissen leben und unter akuten Aggressionsproblemen leiden würden. Normalerweise lassen mich solche Sprüche kalt. Dies besonders, weil ich mich eigentlich gut dagegen wehren könnte: Wir gehen oft und gerne im Wald spazieren, duschen jeden Tag und umarmen uns lieber, als zu streiten.

Das Problem: Ich habe meist schlicht keine Lust, mich zu verteidigen. In einer Welt, in der einem die Gesellschaft diktiert, mit welchem Fahrzeug man sich am besten von A nach B bewegt und welche Schuhe zu welchen Hosen getragen werden müssen, habe ich schlicht keine Lust, mich ständig zu rechtfertigen.

Jeder sollte tun und lassen können, was er will – vorausgesetzt, er verletzt dabei niemanden. Und das tun wir Gamer ja nicht. Zumindest nicht im echten Leben. Ein Vorurteil gibt es jedoch, gegen das ich mich vehement wehre: Gamer seien asoziale Wesen, die allein in einer dunklen Kammer sässen.

Dabei werden neue Videospiele meist so konzipiert, dass sie ein hohes Mass an sozialer Interaktion voraussetzen. Spielt man richtig, spielt man mit anderen. Das geht weit über die Familie meines Freundes hinaus. Sogar mein Berner Freundeskreis – alles erwachsene, arbeitstätige Menschen – trifft sich manchmal online.

Im sogenannten Teamspeak, einem Programm, das uns die Kommunikation über Kopfhörer und Mikrofon ermöglicht. Mit meiner besten Freundin etwa unterhalte ich mich immer öfters auf diese Weise – auch dann, wenn wir gerade nicht dasselbe Spiel spielen.

Es ist wie beim Vereinstreffen, beim Rockkonzert oder eben beim YB-Match. Auch beim Videospielen lernt man Gleichgesinnte kennen. Nur stammen diese halt nicht aus der unmittelbaren Umgebung: In meinem Handy sind amerikanische, englische, deutsche Nummern eingespeichert.

Einige der interessantesten Menschen, die ich kennen lernen durfte, habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Anderen begegnete ich irgendwann im realen Leben, lernte sie abseits des Spiels kennen und lieben. Durch das Gamen habe ich Menschen getroffen, die mich heute zu ihrer Geburtstagsparty einladen oder denen ich eine Postkarte aus den Ferien schicke.

Für mich steht die Gesellschaft beim Spielen klar im Vordergrund. Natürlich will man auch besser werden, viel Schaden anrichten und möglichst wenig sterben. Aber der Wettkampf ist für viele Spieler zweitrangig. Manchmal stehen wir auch einfach mit unseren Charakteren irgendwo im virtuellen Universum herum, bringen sie per Knopfdruck zum Tanzen und sprechen dabei über Gott und die Welt.

Aufgewachsen bin ich abseits dieser digitalen Welt. Meine Kindheit verbrachte ich auf dem Spielplatz, an der Brätlistelle, auf dem Snowboard. Erst während des Studiums kam ich mit Videospielen in Berührung. Die Schuld am Ganzen trägt meine ehemalige Mitbewohnerin: Als sie am Computer sass und in ihr Mikrofon lachte, wurde ich neugierig, setzte mich neben sie, beobachtete das bunte Treiben.

Und kaufte mir spontan auch einen Spielekasten. Kurz darauf lernte ich meinen Freund über das Internet kennen. Es war ein wenig wie Tinder – nur besser: Wir spielten zusammen, unterhielten uns über das Headset, lernten uns besser kennen. Und als irgendwann sein Computer den Geist aufgab, wechselten wir ans Handy, trafen uns an einem Konzert, gingen ins Kino.

Und so wurde ich Teil einer zweiten Familie. Einer Familie, für die die digitale Welt schon immer einen hohen Stellenwert hatte. Nicht nur Videospiele, sondern eigentlich alles, was mit Elektronik zu tun hat.

Mein Schwiegervater hat seine Leidenschaft für die moderne Technik an seine Söhne weitergegeben. Und dass er heute, mit 56 Jahren, immer noch mit seinen Söhnen und seiner Schwiegertochter auf Mission geht, macht ihn – zumindest für mich – unglaublich sympathisch.

Etwa einmal pro Monat treffen wir uns mit ihm im Netz, tauschen uns über Arbeit und Alltag aus oder planen das nächste Familienfest. Nebenbei töten wir Bösewichte in U-Bahn-Stationen und retten einander das Leben.

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