Apples Machtdemonstration legt Facebook lahm

Die Techkonzerne sind sich wegen einer App in die Haare geraten. Nun hat der Konflikt ungeahnte Dimensionen erreicht.

Wird vom Tech-Konkurrenten Apple gerade blossgestellt: Mark Zuckerberg und sein Soziales Netzwerk Facebook.

Wird vom Tech-Konkurrenten Apple gerade blossgestellt: Mark Zuckerberg und sein Soziales Netzwerk Facebook.

(Bild: Reuters)

Rafael Zeier@RafaelZeier

Anfangs schien alles ziemlich harmlos. Verglichen mit den grossen Datenlecks und Datenschutz-Schluddereien klang eine Marktforschungs-App nicht nach dem nächsten grossen Facebook-Skandal (Facebook-Experiment: Teenagern 20 Dollar bezahlt). Nur 5% der Teilnehmer seien Teenager gewesen, liess der Konzern ausrichten, und alle hätten eine elterliche Erlaubnis bestätigt.

Wenn jemand freiwillig und gegen Geld seine Handynutzung überwachen lässt, ist das seine Sache – vorausgesetzt, man ist alt genug und weiss, was man tut. In der Schweiz etwa tragen manche Menschen eine Uhr mit einem Mikrofon, das Umgebungsgeräusche aufzeichnet und diese für Marktforschungszwecke übermittelt. Nein, hier steckt kein datenhungriger US-Techkonzern dahinter. So wird die Radionutzung gemessen. Mehr dazu hier.

App zurückgezogen

Nachdem das amerikanische Tech-Magazin «Techcrunch» zum ersten Mal von dieser Forschungs-App berichtet hatte, teilte Facebook mit, die App würde aus dem Verkehr gezogen.

Wars das also? Mitnichten!

Aufhorchen liess nämlich damals schon der letzte Absatz der Meldung zu Facebooks Marktforschungs-App. Tatsächlich hatte Facebook besagte App an Apples Kontrollen vorbei auf die iPhones der Tester geschleust.

Firmen haben nämlich die Möglichkeit, auf iPhones ihrer Mitarbeiter direkt Apps zur Verfügung zu stellen, ohne den Umweg über Apples streng reglementierten und kontrollierten App Store zu nehmen.

Regeln gebrochen

Apples Antwort liess dann auch nicht lange auf sich warten. Gegenüber «Techcrunch» teilte der iPhone-Konzern mit: «Wir haben das Enterprise Developer Program nur dazu entwickelt, dass Firmen ihre Mitarbeiter mit Apps versorgen können. Facebook hat seine Teilnahme an diesem Programm dazu genutzt, eine Daten-Sammel-App an Kunden zu verteilen, was ein klarer Bruch unserer gemeinsamen Abmachung ist. Wir entziehen jedem Entwickler die Zugangszertifikate zu diesem Programm, der sich nicht an diese Abmachung hält. Genau das haben wir nun mit Facebook auch getan, um unsere Kunden zu schützen.»

Facebook hat die Marktforschungs-App also nicht freiwillig zurückgezogen. Apple hat dem sozialen Netzwerk durch den Ausschluss aus dem Enterprise Developer Program gar keine andere Wahl gelassen, als klein beizugeben.

Das an sich wäre schon eine ziemliche Überraschung. Ein Techkonzern haut dem anderen publikumswirksam auf die Finger. Doch jetzt wird es erst richtig spannend.

Wie der Business Insider und andere US-Medien berichten, ist von Facebooks Ausschluss aus dem Enterprise Developer Program eben nicht nur diese eine App betroffen, sondern alle Apps, die Facebook seinen Mitarbeitern zur Verfügung stellt.

Apps lahmgelegt

So funktionierten auf einmal bei Zehntausenden Mitarbeitern zahlreiche Apps nicht mehr. Wer Vorabversionen von Facebook-Apps testete, musste sich die normalen Apps aus dem App Store herunterladen. Andere firmeneigene Apps, etwa solche für Transportdienste oder Mitarbeiterinformationen, funktionierten gar nicht mehr, berichten Insider.

Da alle diese teils elementaren Apps am selben Zertifikat hingen wie die Marktforschungs-App, hat Apple auf einen Schlag eben nicht nur eine Schummel-App deaktiviert, sondern alle iPhone-Nutzer bei Facebook (und davon soll es laut Insidern sehr viele geben) von allen Firmen-Apps ausgeschlossen.

Business Insider berichtet denn auch von verärgerten Mitarbeitern, Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien.

Ein nicht namentlich genannter Facebook-Mitarbeiter gab aber auch zu Protokoll, er sei selbst App-Entwickler, und es sei ganz klar, dass das Enterprise Developer Program nur für interne Apps gedacht sei. Da müsse sich sein Arbeitgeber nicht über schlechte Presse wundern, wenn er sich nicht an die Regeln halte.

Ein Facebook-Manager versuchte derweil, die aufgebrachten Mitarbeiter zu beruhigen. In einem Mail teilte er mit: Man sei in engem Kontakt mit Apple und daran, die wichtigsten internen Apps wieder zum Laufen zu bringen. Am frühen Donnerstagmorgen (Schweizer Zeit) war allerdings noch nichts von einer Lösung des Konflikts zu vernehmen.

Grosse Macht, aber auch grosse Verantwortung?

Nicht wegdiskutieren lässt sich aber schon jetzt: Mit seinem Regelbruch hat sich Facebook das aktuelle Chaos um interne Apps selbst zuzuschreiben. Dass Apple bei milliardenschweren Grosskonzernen genauso wenig zimperlich ist wie bei kleinen App-Entwicklern, ist nur konsequent.

Andererseits zeigt sich an dem Fall aber auch, welch enorme Macht Apple über und durch seine gesamte Nutzerbasis verfügt. Weltweit sind das aktuell 900 Millionen iPhones und insgesamt 1,4 Milliarden Apple-Geräte, wie der Konzern im Rahmen der letzten Quartalszahlen bekannt gegeben hat.

Nur mal angenommen: Was, wenn Apple jetzt nicht nur Facebooks interne Apps, sondern auch die öffentlichen Apps – also nebst Facebook auch Whatsapp und Instagram – von allen iPhones verbannt hätte?


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thunertagblatt.ch/Newsnetz

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