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Das Internet, ein Ort der Ehrlichkeit

Das Internet hat auf jede Frage eine Antwort parat. Auch auf Fragen, die wir unseren besten Freunden nicht stellen würden. Werden die Daten unserer Abfragen analysiert, zeigt sich ein neues Bild der Dinge, die uns beschäftigen.

Es gibt wohl kein Thema, zu dem noch keine Befragung durchgeführt worden wäre. Marketinginstitute, Universitäten, alle wollen irgendetwas wissen: Was wir von einem Produkt halten, wie wir abstimmen werden, was wir uns als nächstes anschaffen werden. Doch sagen wir wirklich, was wir denken? Oder schönen wir unsere Antworten vielleicht ein wenig, weil wir ja schliesslich nicht als seltsam gelten wollen? In der Wissenschaft gilt es schon lange als erwiesen, dass die meisten von uns nicht ganz ehrlich sind. Werden wir gefragt, ob wir manchmal auch ein Papierchen oder den Kaugummi einfach auf die Strasse fallen lassen, werden die meisten mit einem Nein antworten. Auch wenn wir genau wissen, dass wir das irgendwann mal schon getan haben. Doch solches Verhalten gilt in unserer Gesellschaft als verwerflich, und wir wollen uns nicht selber in ein schlechtes Licht rücken.Gesucht: Eine zuverlässige DatenquelleDie Wissenschaft hat Wege gefunden, genau solche sozial erwünschten Antworten zu korrigieren. Nicht im Einzelfall, jedoch mittels statistischer Modelle. Ob jedoch jeweils die Abweichung von ehrlichen Antworten richtig erfasst wird, kann niemals mit absoluter Sicherheit gesagt werden. Ideal für die Sozialwissenschaftler und Psychologen wäre also eine Datenquelle, bei sich der die Befragten nicht verstellen. Ein Ort, an dem wir ganz einfach wir selber sind. Wo wir die Fragen stellen, die wir schon immer stellen wollten. Unser neuer bester Freund, dem wir alles anvertrauen und der auf alle Fragen eine Antwort weiss, ist das Internet.Wenn Kopf und Glieder schmerzen, wir vielleicht bald mit einer Grippe kämpfen, informieren wir uns kurz im Internet, welches Hausmittelchen helfen könnte. Wir tippen die Wörter «Grippe» und «Symptome» in unsere Suchmaschine, und innerhalb von Sekundenbruchteilen liefert sie uns eine Vielzahl von Internetseiten, die sich mit dem Thema beschäftigen.Die meistgesuchten BegriffeMillionen von Abfragen werden täglich getätigt. Und aufgezeichnet. Wer sie etwas näher betrachtet oder gar Ressourcen hat, sie wirklich im Detail zu analysieren, kommt zu – teils mehr, teils weniger erstaunlichen – Erkenntnissen darüber, was unsere Gesellschaft gerade beschäftigt. Google, die meistverwendete Suchmaschine, bietet mit Google Insights ein Werkzeug an, das jedem Nutzer einfach erlaubt, eine Liste der am meisten gesuchten Begriffe zu erstellen. Der genaue Zeitraum kann definiert werden, und es werden nicht nur die meist gesuchten Begriffe, sondern auch diejenigen aufgelistet, die am meisten Zuwachs verzeichnen. Für die Region Bern führt derzeit, wenig erstaunlich, die Eishockey-Weltmeisterschaft die Rangliste der vergangenen sieben Tage an. Im vergangenen Monat war es der Grand Prix von Bern, und definiert man als Zeitraum die vergangenen drei Monate, war es die Sendung Music Star des Schweizer Fernsehens, deren neuer Stern Ende März gekürt worden ist.Aufwendige BefragungenWenig erstaunlich, dass Ereignisse, die auch in den Medien breit diskutiert werden, auf dem Internet viele Suchabfragen generieren.Doch Suchabfragen können weiter analysiert werden, beispielsweise nach bestimmten Themengebieten. Beispielsweise Phobien: «Wovor fürchten Sie sich?» – eine einfache Frage, die wir jedoch je nach Umfeld nicht gerne beantworten. Unzählige Studien haben sich mit dem Thema beschäftigt, in deren Rahmen aufwendig Tausende von Personen befragt worden sind, um eine Hitliste mit den grössten Ängsten zusammenzustellen.Angst vor anderen MenschenEin anderer Weg führt über die Auswertung von Internetdaten. Im Buch «Click» schildert Bill Tancer, Datenanalyst bei einer amerikanischen Firma, wie er durch die Analyse der Suchabfragen in Zusammenhang mit Angst eine Liste von Phobien erstellte. In den Top 10 der Internet-Auswertungen figurieren vier soziale Phobien: Angst vor Intimität, Angst vor Zurückweisung, Angst vor Menschen und Angst vor Erfolg. Eine renommierte Studie, die 1998 im American Journal of Psychiatry veröffentlicht worden ist, hat jedoch nur eine einzige soziale Phobie, die Angst vor öffentlichem Sprechen, in ihren Top 10 aufgeführt. Soziale Ängste sind Phobien, die mit den Beziehungen zu anderen Menschen zusammenhängen und sich in verschiedenen Formen äussern können. Tancer geht davon aus, dass gerade Personen, die unter einer solchen Phobie leiden, bei einer Befragung nicht wahrheitsgemäss antworten würden. Denn Teil einer sozialen Phobie ist, dass die Betroffenen befürchten, Erwartungen anderer nicht zu erfüllen und den Ansprüchen nicht zu genügen. Darum geben sie Antworten, von denen sie glauben, diese seien in der Gesellschaft besser akzeptiert.Schnell, schneller, InternetIm Internet sind wir also ehrlicher, als wenn wir direkt befragt werden. Doch dies ist nicht der einzige Vorteil, den das Internet hat. Theoretisch stehen die Daten einer Abfrage bereits wenige Sekunden, nachdem diese getätigt worden ist, zur Verfügung. Eine Grippewelle kann so im besten Fall um einiges schneller festgestellt werden, als wenn Mediziner die von ihnen behandelten Erkrankten an eine eidgenössische Stelle weitermelden müssen, welche diese Daten schliesslich verbreitet. Die Unmittelbarkeit des Internets ist da ein Vorteil.Das Internet als GlaskugelDoch im Internet lässt sich auch die Zukunft ein Stück weit vorhersagen: Der Datenanalyst Tancer schildert in seinem Buch ein Beispiel der unzähligen Fernsehshows, bei denen die Zuschauer durch Abstimmen ihre Kandidaten wählen können. Tancers Theorie: Wer von den Kandidaten am meisten im Internet gesucht wird, ist am populärsten und wird schliesslich auch das Rennen machen. Diese Annahme stellte sich jedoch als zu einfach heraus.Die Gründe, weshalb eine Person im Internet nach einem bestimmten Begriff sucht, müssten auch einbezogen werden. So stellte er fest, dass beispielsweise der Name einer weiblichen Kandidatin einer Tanzshow oft nur deshalb nachgefragt worden war, weil Bilder von ihr gesucht wurden. Dies taten jedoch mehrheitlich männliche Internetnutzer, die kaum zu jenen gehören, die dieser Kandidatin ihre Stimme geben würden. Also korrigierte Tancer seine Resultate und bezog die demografischen Merkmale der Internetnutzer mit ein. So war er schliesslich in der Lage, die Resultate mehrerer Casting-Sendungen vorherzusagen. Auch Entwicklungen im Immobilien- oder Arbeitsmarkt könne man vorhersagen, zeigt sich Tancer überzeugt – oder wenn nicht vorhersagen, so zumindest früher identifizieren als offizielle Stellen.Noch zu viele offene FragenOffizielle Statistiken oder Studien an Universitäten jedoch werden noch eine Weile nicht allein auf Grundlage von Internetdaten erstellt werden, wie eine kleine Umfrage ergab. Die Debatte über die Verwendung solcher Daten stecke auch auf internationaler Ebene noch in den Kinderschuhen, meint Yves Froidevaux vom Bundesamt für Statistik. Vor allem beim Datenschutz müsse ein grosses Fragezeichen gesetzt werden. Denn letztlich würden Daten Privater ohne deren Kenntnis erhoben. Zudem könne die Repräsentativität nicht gewährleistet werden. Ältere Menschen beispielsweise nutzen das Internet nicht gleich oft wie die Jungen. Würden nur die Internetdaten berücksichtigt, wären so sehr viele junge Menschen berücksichtigt, währenddem die Interessen von älteren Personen nicht einfliessen würden.Doch, so meint Froidevaux, seien die Möglichkeiten des Internet zur Datengewinnung sicher interessant und würden vielleicht, wenn entsprechende Methoden entwickelt werden, in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen.

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