Das Jahr von Stormy Daniels

Digitale Jahresrückblicke halten einige Überraschungen bereit – die Popularität einer Pornodarstellerin gehört nicht dazu.

War auf Pornhub 2018 aus bekannten Gründen die meistgesuchte Darstellerin: Stormy Daniels, hier an einer Erotikmesse im Oktober in Deutschland.

War auf Pornhub 2018 aus bekannten Gründen die meistgesuchte Darstellerin: Stormy Daniels, hier an einer Erotikmesse im Oktober in Deutschland.

(Bild: Keystone Clemens Bilan)

Mathias Möller@mmmatze

Am Ende des Jahres, zwischen Weihnachtsstress und dem Finden ambitionierter Neujahrsvorsätze, ist man geneigt, auf die vergangenen zwölf Monate zurückzublicken – was hat sich ereignet, was ist mir selbst widerfahren, wer ist von uns gegangen? Im TV sind abendfüllende Jahresrückblicke längst gang und gäbe (und selten erträglich), und auch online hat sich das Bilanzziehen mittlerweile etabliert. Teils in personalisierten Reminiszenzen, teils in mehr oder weniger trockenen Geschäftszahlenberichten. Ein Überblick.

Den wohl penetrantesten Jahresrückblick bietet Facebook. Um diese personalisierte Zeitreise zu erstellen, bedient sich die Social-Media-Plattform geteilter Posts mit vielen Interaktionen (beim Autor sind das drei Bilder einer Hochzeit, zwei von Wanderungen, drei Posts, auf denen er versuchte, lustig zu sein, eine Landschaftsfotografie sowie ein Foto des Autors im Alter von 15 Jahren, welches der Hauptgrund ist, weshalb dieser Jahresrückblick nicht in diesen Artikel eingebunden wurde) und den Profilbildern derjenigen Freunde, mit denen man am meisten interagiert hat 2018. Das Ganze ist gerahmt in ein generisch, fluffig-kitschiges Setting, das wohl so oder so ähnlich jeder andere Facebook-Nutzer zu Gesicht bekommt.

Die Bildauswahl anhand der Interaktionen kann dabei auch nach hinten losgehen: Was, wenn man sich beide Beine gebrochen hat und aufgrund der regen Anteilnahme an diese dunkle Episode eines Jahres erinnert wird, untermalt von lüpfiger Musik? Darauf kann man sicher verzichten. Wenn Sie trotzdem neugierig sind, Ihren ganz persönlichen Jahresrückblick finden Sie hier.

Twitter: Starker Anstieg bei staatlichen Anfragen

Ein etwas anderer Jahresrückblick ist Twitters Transparency Report, der halbjährlich veröffentlicht wird. Im gestern herausgegebenen Report wird das erste Halbjahr 2018 beleuchtet, der wohl interessanteste Punkt ist der scharfe Anstieg der rechtlichen Forderungen von Regierungsstellen weltweit. Die Zahl der Forderungen stieg um rund 80% und betraf doppelt so viele Twitter-Konten wie zuvor. Rund 87% der Anfragen kommen aus nur zwei Ländern: aus Russland und der Türkei.

Insgesamt haben 38 Länder die Entfernung von Inhalten auf Twitter eingefordert, dabei ging es um 27’811 einzelne Twitter-Konten. Auch die Zahl der Auskunftsanfragen stieg um rund 10%. Aus der Schweiz kamen im betreffenden Zeitraum anscheinend keine Forderungen nach Entfernung von Inhalten von offiziellen Stellen, aber vier Auskunftsanfragen, denen in zwei Fällen entsprochen wurde. Den ganzen Report können Sie hier einsehen, ein erklärender Blogpost dazu findet sich hier.

Instagram selbst bietet keinen Jahresrückblick an, wer wissen möchte, welche Bilder aus den vergangenen zwölf Monaten die meisten Herzchen erhalten haben, muss auf die App Top Nine ausweichen. Wahlweise direkt auf dem Handy oder am Rechner kann man gegen Herausgabe seines Instagram-Profilnamens ein Bild erstellen, das sich aus den neun meistgelikten Posts zusammensetzt. Der Nachteil: Man übergibt der Firma hinter Top Nine auch die üblichen Daten (IP-Adresse, ID des Geräts, Instagram-Nutzername, die mit dem Konto verbundene E-Mail-Adresse, die Bilder auf dem Instagram-Account etc.). Das Ganze sieht dann so aus – und ja, das meistgelikte Bild des Autors 2018 zeigt den Urheber dieser Zeilen beim Fondue-Essen.

Bereits vergangene Woche sorgte Spotify mit seinem personalisierten Jahresrückblick für Aufhorchen. Die liebevoll gestaltete Rückblende informiert über gehörte Künstler & Alben und zeigt auf, wie viele Minuten man gehört hat und welche Genres. Besonders nützlich: Zwei Playlisten gibt es dazu. Die der 100 meistgehörten Stücke und eine, die den Hörenden Musik vorschlägt, die man verpasst haben könnte – ähnlich dem Mix der Woche. Für Musikfans – trotz aller berechtigter Kritik am Streamingdienst – ein schöner Service.

Der Autor möchte Teil einer Jugendbewegung sein – Screenshot aus dem Jahresrückblick von Spotify

Netflix bietet in einem kurzen Blogpost leider nur einen kleinen Einblick in das vergangene Jahr: Die drei Filme mit der höchsten Wiederholungsrate sind «The Kissing Booth», «To All The Boys I’ve Loved Before» und «Roxanne Roxanne» – alle drei Filme werden auch bei Netflix in der Schweiz angeboten. Die drei Serien mit der höchsten Binge-Qualität (gemessen an Anzahl gesehener Minuten pro Session, mit Daten aus dem US-amerikanischen Markt) sind «On My Block», der zweite Teil von «Making A Murderer» und die zweite Staffel von «Tote Mädchen lügen nicht» («13 Reasons Why»). Diese drei Serien kann man ebenfalls in der Schweiz ansehen.

Schlüpfrige Insights für die Unterhaltungsbranche

Und dann ist da noch die berühmt-berüchtigte Jahresstatistik von Pornhub. Die Anlaufstelle für schlüpfrige Inhalte veröffentlicht seit einigen Jahren ihre Insights, die durchaus auch für die gesamte Tech-Szene interessante Erkenntnisse liefern können. So lernt man zum Beispiel, dass Pornhub auch eine riesige Suchmaschine ist mit etwas über 30 Milliarden (sicherlich eindeutigen) Suchanfragen pro Jahr (zum Vergleich: das schafft Google fast in einer Woche). Meistgesucht ist 2018, es verwundert kaum, Stormy Daniels, die Pornodarstellerin und Regisseurin, die eine Affäre mit Donald Trump gehabt haben soll.

Doch auch die Suchbegriffe Nummer zwei und drei sind spannend: Das Spiel «Fortnite» hat offensichtlich auch die Fantasie der Pornhub-Besucher beflügelt. «4K» als drittmeist gesuchter Begriff deutet darauf hin, dass sich das hochauflösende Format immer mehr durchsetzt, und bestätigt wieder einmal die alte Regel, dass technische Neuerungen in der Unterhaltungsbranche durch die Pornoindustrie beschleunigt werden. Im vergangenen Jahr war übrigens noch «1080p» ein viel gesuchter Begriff, die etwas geringer aufgelöste HD-Variante. Die ganze Auswertung gibt es hier (safe for work, aber mit einigen Links zu Inhalten, die Sie besser nicht auf der Arbeit aufrufen).

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