Microsoft traut der Cloud nicht über den Weg

Der Softwarekonzern verbietet seinen Mitarbeitern die Nutzung von Diensten der Konkurrenz. Ist das scheinheilig oder klug?

Microsoft mag keine fremden Wolken am Himmel.

Microsoft mag keine fremden Wolken am Himmel.

(Bild: Reuters Lucy Nicholson)

Matthias Schüssler@MrClicko

Letzten Freitag hatte Slack einen fulminanten Start an der New Yorker Börse. Der erste Handelstag ging für das Kommunikationsunternehmen mit einem satten Plus zu Ende. Slack hat die Art und Weise verändert, wie viele Teams und Unternehmen sich organisieren und zusammenarbeiten. Die Software sei «einfach und ansprechend», sagt der Hersteller über sein eigenes Produkt. Das Erfolgsrezept ist, dass Slack Entwickler, Gestalter, Manager und Geschäftsleute gleichermassen anspricht.

Allerdings teilen nicht alle die Begeisterung für Slack: Bei Microsoft steht das Werkzeug auf der schwarzen Liste; so berichtete Geekwire. Die News-Plattform bezieht sich auf eine interne Richtlinie, die ihr vorliegen soll. Und wenn die stimmt, dann stehen beim Softwarehersteller aus Redmond noch viele andere Produkte auf dem Index.

Die Microsoft-Angestellten sollen demnach die Finger auch von der Grammatikprüfung Grammarly und den Sicherheitsprodukten von Kaspersky lassen. Tabu sind schliesslich auch Google Docs und die Cloudinfrastruktur von Amazon (AWS).

Friss dein eigenes Hundefutter

Klar: Microsoft hat in den Fällen eigene Produkte im Angebot – und bei vielen Tech-Unternehmen gilt das geflügelte Wort «Eat your own dog food»: Friss dein eigenes Hundefutter. Was man den Kunden vorsetzt, sollte man sich gefälligst auch selbst zumuten – nur so sieht man, ob es etwas taugt.

Vom ehemaligen Chef Steve Ballmer weiss man, dass er richtiggehend allergisch auf die Erzeugnisse der Konkurrenz reagiert hat. 2009 hat Ballmer an einer Sitzung persönlich einem seiner Mitarbeiter ein iPhone aus den Fingern gerissen und so getan, als würde er es zertrampeln. Der jetzige Chef scheint das aber lockerer zu sehen. Satya Nadella hat jedenfalls schon öffentlich ein iPhone benutzt.

Eigene Plattform mit Bann belegt

Es scheint also nicht so zu sein, dass Konkurrenzprodukte grundsätzlich verfemt wären – das bekräftigt auch Tobias Steger von Microsoft Schweiz, der nicht bestätigen konnte, dass die von Geekwire zitierten Regelungen authentisch sind. Er hält fest: «Wir sind als Unternehmen in den letzten fünf Jahren massiv offener geworden. Uns ist bewusst, dass die User verschiedene Plattformen zu nutzen und dem tragen wir Rechnung.» Microsoft wolle auf allen Plattformen verfügbar sein und es den Usern überlassen, auf welchen Endgeräten sie die Produkte nutzten. Steger verweist auch auf das Engagement Microsofts im Open-Source-Bereich, gerade auch bei Github.

Trotzdem fragt sich, wie gross die Vorbehalte bei Microsoft gegenüber der Cloud sind. Mit einem Bann belegt wurde nämlich auch Github. Auf dieser Cloud-Plattform können Softwarentwickler gemeinsam an Projekten arbeiten. Diese Plattform gehört Microsoft. Der Konzern hat sie 2018 für 7,5 Milliarden gekauft.

Geekwire liefert auch Erklärungen aus der internen Richtlinie, weswegen die Dienste nicht genehm sind. Github ist nur für besonders vertrauliche Informationen nicht erwünscht. Slack bietet demnach keine ausreichenden Kontrollmöglichkeiten, um Microsofts geistiges Eigentum zu schützen.

Das ist auf den ersten Blick mehr als pikant: Microsoft, selbst ein grosser Cloud-Anbieter, traut der Cloud also nicht. Die Skeptiker werden das als Bestätigung sehen: Auf fremden Servern sind die eigenen Geschäftsgeheimnisse nicht sicher. Wer dort vertrauliche Informationen deponiert, kann die auch gleich auf die eigene Homepage stellen.

Paranoia oder schlechte Erfahrungen?

Die Cloud-Skeptiker werden Microsoft vielleicht sogar unterstellen, dass diese Furcht vor der Konkurrenz so gross ist, weil Microsoft genau weiss, wo welche Gefahren lauern. Wer Millionen von fremden Dokumenten, Termindaten, Mails und Kontakte verwaltet, der weiss auch, wie gross die Versuchung ist, in diesem Fundus gezielt zu suchen oder auf gut Glück zu stöbern. Und tatsächlich: Selbst wenn der Bann von Slack nicht auf konkreten schlechten Erfahrungen beruht, weiss Microsoft natürlich, was alles schiefgehen kann. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass es bei Microsoft entsprechende Missbrauchsversuche gegeben hat.

Bei etwas näherer Betrachtung ist dieser Konkurrenzbann aber nicht so spektakulär: Jedermann sollte eine Abwägung machen, welche Daten man mit maximalem Komfort über simple Webdienste nutzt und wo man zugunsten der Sicherheit mehr Aufwand und Umstände in Kauf nimmt. Private sollten das tun. Unternehmen ebenso. Und natürlich auch Hightech-Firmen, die selbst Daten anderer Leute speichern.

Microsoft sollte die Lehren daraus ziehen

Doch etwas stört mich trotzdem an der Sache. Da Microsoft genau weiss, wie wichtig und schwer diese Einschätzung zu treffen ist, könnte man uns Nutzern dabei auch helfen – was übrigens auch für Google, Amazon, Slack und all die anderen gilt:

Hört auf, uns hundertprozentige Sicherheit zu suggerieren und euch gleichzeitig hinter langfädigen und komplizierten Datenschutzregeln zu verschanzen. Tut stattdessen alles, um Transparenz zu schaffen: Sagt uns, wie die Datenhaltung und der Datenschutz organisiert sind: Welche internen Zugriffsmöglichkeiten sind vorhanden? Welchem Zweck dienen sie? Wie wird Kontrolle ausgeübt? Und wo kann man sich als Kunde hinwenden, wenn man Fragen hat oder Missbrauch vermutet? Und legt offen, was schiefläuft – das schreckt mich als Kunde nämlich nicht ab, sondern gibt mir die Gewissheit, dass ich kein blindes Vertrauen leisten muss.

Update: Wir haben den Beitrag mit einem Statement von Microsoft Schweiz ergänzt.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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