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Schön, schöner, Selfie: Apples Beautygate

Die Kamera des neuen iPhones veredelt ihre Objekte. Narben, Mitesser und grobe Poren werden gnadenlos weggefiltert. Das gefällt nicht allen.

Aggressive Weichzeichnung ist inbegriffen: Eine iPhone-Käuferin in Moskau.
Aggressive Weichzeichnung ist inbegriffen: Eine iPhone-Käuferin in Moskau.
Tatyana Makeyeva, Reuters

Vor ein paar Wochen hat Apple einen neuen Schwung iPhones auf den Markt gebracht. Die Begeisterung für die Geräte war auch schon mal grösser. Während sich vor ein paar Jahren noch die Warteschlangen durch ganze Fussgängerzonen wanden, zelten heutzutage wirklich nur noch die wahren Fetischisten vor den Flagship-Stores des Konzerns.

Wenigstens gibt es jetzt trotzdem einen handfesten Skandal rund um die neuen, mehr als tausend Franken teuren Telefone. Der betrifft aber nicht den Akku oder die Antenne, sondern die eingebaute Kamera. Die Nutzer beklagen sich nämlich über «zu schöne Selfies». Sie kritisieren, dass ihre «Haut zu geschmeidig» aussähe, dass die Bilder «wie schlecht per Photoshop bearbeitet» wirken. Ein Technikblogger schrieb, er sehe jetzt aus, als hätte er Grundierung aufgetragen. «Beautygate» haben Apple-Fans und Kritiker das Phänomen genannt. Denn unter dem Standard-Empörungssuffix «gate» macht man es heutzutage im Netz ja nicht mehr.

Abschalten unmöglich

Natürlich sind die Kameras aktueller Smartphones ein Stück Software mit angeschlossener Linse. Die Fotos werden durch zahlreiche Funktionen mit Namen wie Neural Engine oder Smart HDR gejagt, und die künstliche Intelligenz scheint sämtliche Motive, die ihr unterkommen, aggressiv weichzuzeichnen. Narben, Mitesser und grobe Poren werden von der Software gnadenlos weggefiltert.

Es ist immer problematisch, wenn ein Konzern den Kunden seine Vorstellung von Ästhetik aufzwingt. Die Selfie-Affäre scheint aber auch ein praktisches Beispiel für ein Phänomen zu sein, das man «algorithmic bias» nennt, einen voreingenommenen Algorithmus. Wenn die KI zunächst mit unrealistischen Schönheitsidealen gefüttert wird und diese dann in Form von überoptimierten Selfies wieder an die Menschen zurückspielt, ergibt sich schnell eine Feedback-Schleife, die verletzte Egos und depressive Teenager zur Folge hat. Abschalten lasse sich der unfreiwillige Schönheitsfilter momentan jedenfalls nicht.

Selbst wenn man Apple guten Willen unterstellen mag, scheint die Selfie-Affäre ein grosses Missverständnis zu sein. In der Influencer-Kultur auf Instagram und den angeschlossenen so­zialen Netzwerken gilt allzu offensichtliche Retusche ja als schlimmer Fauxpas. Angestrebt wird vielmehr ein Minimalismus, der eine fragile Balance zwischen Glamour und Zugänglichkeit hält.

So oder so scheinen die Apple-Programmierer nicht auf dem neuesten Stand zu sein. Glaubt man einschlägigen Instagram-Blogs, sind statt hyperrealistischer Bilder momentan nämlich mal wieder Retro-Filter en vogue, die den Fotos per Knopfdruck Polaroid-Rahmen, Bildrauschen und aufdringliche Linseneffekte verpassen.

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