Nothelfer im Internet

Gemeinsam statt einsam: Auf der Onlineplattform Stack Overflow helfen sich Informatiker gegenseitig bei Programmierproblemen. Einer der weltweit aktivsten Nothelfer kommt aus Bern.

Gibt Tipps: Marc Scheuner hilft anderen Programmierern.

Gibt Tipps: Marc Scheuner hilft anderen Programmierern.

(Bild: Walter Pfäffli)

Mathias Born@thisss

Wer nicht weiterkommt, landet irgendwann hier: Auf Stack Overflow ist für fast jedes Programmierproblem bereits eine Lösung skizziert. Sollte auf der Onlineplattform noch fehlen, woran man gerade scheitert, wird das Problem in aller Kürze geschildert. Andere Nutzer helfen einem dann auf die Sprünge. Innert Stunden. Einfach so.

Einer der renommiertesten Nothelfer ist der Berner Infor­matiker Marc Scheuner. 8662 Antworten hat er in den letzten gut 9 Jahren veröffentlicht und 192 Fragen gestellt. Damit hat er insgesamt 516'722 Renommeepunkte gesammelt. Mehr haben nur 18 andere Leute – weltweit.

Informatik ist seine Passion

«Informatik ist mehr als mein ­Beruf», sagt Marc Scheuner in einer Cafébar in der Berner ­Innenstadt. «Informatik ist meine Passion.» Entsprechend programmiert er nicht nur während seiner Arbeitszeit bei einem Stadtberner Softwareunternehmen, sondern hilft in der Freizeit auf der Frage-Antwort-Plattform anderen Informatikern weiter.

Das ist aufwendig. An hektischen Tagen nehme er sich morgens und abends je eine Viertelstunde Zeit, sagt er. An freien ­Tagen verbringe er manchmal mehrere Stunden auf Stack Overflow. «Ich bin keine Sportskanone, ich bin kein Vereinsmensch. Mein Hobby ist es, knifflige Programmierprobleme zu lösen.»

Ein Geben und Nehmen

Vielen Berufskollegen ergeht es ähnlich: Sie knobeln gerne an komplizierten Aufgaben. Obwohl sie auf dem Arbeitsmarkt Konkurrenten sind, unterstützen sie sich dabei oftmals gegenseitig. Sie spornen sich an, effiziente, elegante Lösungen zu finden.

«Das ist typisch für die Entwicklerwelt», findet Marc Scheuner. Er schwärmt von der unter Informatikern verbreiteten Kultur des Gebens und Nehmens. Doch natürlich profitiere auch er. «Stack Overflow ist meine tägliche Weiterbildung. Zudem sparen wir im Geschäft dank Hinweisen auf der Plattform regelmässig etliche Arbeitsstunden – und damit summa summarum viel Geld.»

Zwei Drittel der Antworten könne er aus dem Ärmel schütteln, sagt er. «Und einige ­Lösungsvorschläge zu Anfänger­fehlern habe ich vorgefertigt.» Doch ab und zu, wenn eine Frage besonders spannend sei, packe ihn der Ehrgeiz. Dann suche er mal länger nach einer Lösung.

Sind es auch die Punkte, die ihn antreiben? «Das spielerische ­Belohnungssystem ist zweifellos motivierend», sagt Scheuner. Ab und zu schaue er, wo er in der ­Hitparade stehe – «allerdings nicht mehr so oft wie früher». Viel wichtiger sei: Es mache einen stolz, wenn man einen ­guten Lösungsweg aufzeigen könne.

Dafür kriege man ­Anerkennung – von Leuten, die ­etwas von der Sache verstünden. Ihn freuten aber ­vorab direkte Rückmeldungen: wenn sich jemand dafür bedanke, dass die Antwort viele Stunden Aufwand erspart oder eine schwierige ­Situation entschärft habe. «Diese ­Anerkennung tut gut.»

Anrufe von Headhuntern

Einen direkt ummünzbaren Wert haben die Punkte nicht. «Manchmal kriegt man etwas zum Anziehen», sagt Scheuner, deutet aufs mit dem Stack­overflow-Logo bedruckte T-Shirt und lacht.

In der Fachwelt werden die ­Renommeepunkte indes sehr wohl wahrgenommen. Das haben längst auch die Jobvermittler gemerkt. «Ich habe eine Zeit lang ­alle paar Wochen einen Anruf eines Headhunters erhalten», erzählt Marc Scheuner, der schon lange als Spezialist für Microsofts .NET-Plattform, die Programmiersprache C# und Datenbanken bei derselben Firma arbeitet.

Marc Scheuner hat viel mehr Antworten verfasst als Fragen ­gestellt. Oft seien seine Probleme allzu spezifisch, sagt er. «Die Chance, dass mir jemand weiterhelfen kann, ist klein.» Er habe aber durchaus schon hilfreiche Antworten erhalten. Es sei beruhigend, zu wissen, dass man nicht auf sich allein gestellt sei. «Da draussen gibt es 8 Millionen Leute, die man um Hilfe bitten kann.»

Was macht man mit Trollen?

Wer auf Stack Overflow eine Frage stellt, darf keine pfannenfertige Antwort erwarten. «Es ist ein ­Privileg, wenn jemand einfach so hilft», sagt Marc Scheuner. Anders als bei einem kommerziellen Supporter habe man kein Recht auf eine Antwort. «Und man darf keinen fixfertigen Code erwarten.»

Wer die Frage nicht richtig stellt oder den falschen Ton anschlägt (siehe Kasten), wird normalerweise ignoriert. «Die meisten kehren dann nicht wieder zurück.» Auch Stack Overflow bleibt nicht von Querköpfen und Trollen verschont. In diesen schlimmeren Fällen blockieren die von der Gemeinschaft gewählten ­Moderatoren den Zugang.

Grundsätzlich stehe die Plattform allen offen, betont Marc Scheuner, der auch ab und zu ­Anfängerfragen beantwortet. Er ermuntert Neulinge, es mal zu versuchen. «Es braucht einen Moment, bis man reinkommt. Man muss spüren, wie das Ding läuft, bevor man Fragen stellt.» Dann aber kriegt man fast sicher Hilfe. Innert Stunden. Einfach so.

Für Programmierer: www.stack­overflow.com. Für alle anderen: www.stackexchange.com.

Berner Zeitung

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