Ein Autounfall gefährdet die «Special Relationship»

Die Frau eines amerikanischen Geheimdienstlers flieht nach einem tödlichen Unfall in die Heimat. Die Affäre hat in Grossbritannien viel Aufregung ausgelöst.

Ihr Fall sorgt in Grossbritannien für Aufregung: Die Eltern des verstorbenen Motorradfahrers Harry Dunn nach einem Treffen mit dem britischen Aussenminister Dominic Raab. Foto: Getty Images

Ihr Fall sorgt in Grossbritannien für Aufregung: Die Eltern des verstorbenen Motorradfahrers Harry Dunn nach einem Treffen mit dem britischen Aussenminister Dominic Raab. Foto: Getty Images

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Ungelegener hätte diese Geschichte für Boris Johnson nicht kommen können. Wieder und wieder hat der britische Premier seinen Landsleuten erklärt, dass eine enge Anbindung an die USA die Trennung Grossbritanniens von der EU wettmachen werde – dass die «Special Relationship» zu Amerika für seine Landsleute eine verlässliche Basis sei.

Doch nun zeigt Donald Trump den Briten in einer Affäre, die auf der Insel viel Aufregung ausgelöst hat, die kalte Schulter. Nicht einmal eindringliche Bitten Johnsons um einen Gefallen können ihn, wie es aussieht, umstimmen.

Es geht um einen Verkehrsunfall, bei dem im August in Grossbritannien ein 19-jähriger Motorradfahrer namens Harry Dunn zu Tode kam. Eine amerikanische Autofahrerin war mit Dunn frontal zusammengestossen. Nach Polizeiangaben war sie, nach dem Verlassen des örtlichen Luftwaffenstützpunkts, 400 Meter weit auf der falschen Strassenseite gefahren.

Der 19-jährige Motorradfahrer Harry Dunn starb im August nach einer Frontalkollision mit dem Auto der Amerikanerin Anne Sacoolas. Fotos: Facebook

Die Frau, die 42-jährige Anne Sacoolas, musste sich noch am Ort des Unfalls einem Alkoholtest unterziehen. Anderntags suchte die Polizei sie zu einer ersten Vernehmung auf. Bereits da wurden die Beamten darauf hingewiesen, dass Sacoolas diplomatische Immunität geniesse.

Immunität für Ehefrau

Anne Sacoolas Ehemann arbeitet als amerikanischer Geheimdienstler auf dem für Lauschzwecke benutzten Stützpunkt RAF Croughton. Seit vielen Jahren geniessen alle «US-Kommunikationsexperten» auf der britischen Basis und ihre Familienangehörigen Immunität.

Dabei versicherte die US-Botschaft den Ermittlern anfangs noch, Anne Sacoo­las sei zur Zusammenarbeit bereit und werde das Land keinesfalls verlassen. Mitte September aber wurde bekannt, dass die Familie zurück in die USA ­geflogen war.

Anne Sacoolas hat Grossbritannien inzwischen verlassen.

Erst als die Familie des Unfallopfers vom Verschwinden erfuhr und die Presse sich für die Geschichte zu interessieren begann, versprach ihr die britische Regierung Hilfe. Alarmiert von den vielen negativen Berichten, rief schliesslich Boris Johnson in den USA bei Donald Trump an und bat ihn um Amtshilfe in diesem speziellen Fall. Wenig später trat Trump vor die Kameras mit einer Notiz, in der es hiess, Anne Sacoo­las werde «nicht zurückkehren ins Vereinigte Königreich».

Natürlich wollten die USA helfen, erklärte Trump. Und natürlich werde man mit Frau ­Sacoolas sprechen. Aber das Ganze sei eben «ein Unfall» gewesen. «Die Frau ist auf der falschen Strassenseite gefahren. Das kann passieren», sagte der US-Präsident.

Briten reagieren zornig

Unterdessen handeln sich die USA weiterhin zornige Reaktionen ein für die Weigerung, die diplomatische Immunität von Sacoolas aufzuheben. Washington dürfe sich nicht einer «Doppelmoral» schuldig machen, mahnte etwa der frühere Staatssekretär Tobias Ellwood.

Britische Zeitungen zählen derzeit die vielen Fälle auf, in denen die USA andere Länder zur Aufhebung diplomatischer Immunität «bewegt» haben. Das letzte Mal, das Amerika umgekehrt einem britischen Verlangen dieser Art nachgab, war nach Recherchen der Londoner «Times» im Jahr 1940, als es um einen Spion in der US-Botschaft in London ging.

Wenn die USA hier nicht einlenkten, meinte der britische Rechtsexperte Chris Daw, seien sie «nicht besser als die Russen in Salisbury» – als Moskau sich weigerte, die mutmasslichen Urheber des Giftanschlags an die Briten auszuliefern.

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