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KopfsalatEin Hoch auf den Small Talk

Ein Schwatz hier, ein Wortwechsel da: Der Graus jedes Introvertierten hat auch seine guten Seiten.

«Sind die so teuer?», stellte der Mann neben mir eher fest, als dass er fragte. Ich blickte kurz um mich, um mich zu vergewissern, dass er tatsächlich mit mir redete. «Äh, ja, ich denke schon», sagte ich. Er selber kaufe immer die ganz normalen Tomaten, sagte der Mann ohne den Anflug eines Vorwurfs. Ich nickte, wir lächelten uns zu, und damit hatte sich das Gespräch auch schon erschöpft: Ein Small Talk, inhaltlich an Bedeutungslosigkeit kaum zu überbieten.

Doch genau darin liegt der Reiz solcher Kürzestbegegnungen: Der Inhalt ist nebensächlich, der Wortwechsel erfolgt um seiner selbst willen, völlig sinn- und zweckbefreit. Oberflächlich betrachtet zumindest: Denn selbst im Small Talk verfolgen wir unbewusste Ziele. Erst in der Begegnung mit anderen werden wir unserer selbst gewahr; «die Anderen» sind Voraussetzung für ein «Ich». Ohne Möglichkeit der Abgrenzung kann eine individuelle Persönlichkeit gar nicht existieren.

So gesehen dient der kurze Wortwechsel vor dem Kühlregal, in der Warteschlange, am Märitstand mitunter der Selbstüberprüfung. Eine Stichprobe der eigenen Existenz quasi – mit einer zufällig ausgewählten Testperson: Werde ich wahrgenommen? Sprich: Bin ich überhaupt? Und wenn ja: Wer denn?

«Werde ich wahrgenommen? Sprich: Bin ich überhaupt? Und wenn ja: Wer oder was denn?»

Sich auf Begegnungen einzulassen, hat insofern mit Aufmerksamkeit zu tun – und mit Wertschätzung: Die Kassierin, mit der Sie ein paar Worte wechseln, wird für einen Augenblick zur Bezugsperson, nimmt für einen kleinen Moment Anteil an Ihrem Leben – und umgekehrt. Selbst wenn Sie sich nur kurz über das drohende Gewitter unterhalten, widmen Sie dem Gegenüber ein kleines bisschen Ihrer Zeit.

Ungemütlich wirds nur dann, wenn Sie sich einem ungewollten Gespräch nicht ohne weiteres entziehen können. Auf dem Sessellift zum Beispiel. Oder beim Coiffeur. Oder dann, wenn Ihnen das Gegenüber ungefragt intime Details an den Kopf wirft.

Im besten Fall aber nehmen Sie aus einer Begegnung etwas Positives mit: Im Mindesten die Erkenntnis, dass Sie sind, dazu einen Mikro-Einblick in ein anderes Leben und somit einen Hinweis darauf, was, wie und damit wer Sie sind. Und allenfalls einen Denkanstoss: So hatte ich das Preisschild vor der Begegnung mit dem Unbekannten überhaupt nicht beachtet, weil ich davon ausgehen kann, mir eine Handvoll Tomaten ungeachtet deren Preis leisten zu können – ein Privileg, das mir der Fremde ungewollt vor Augen geführt hat.