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Mein AlltagEin Leben, ein Job

Die Pensionierung hatte er sich anders vorgestellt: Wegen des Coronavirus zog sich Bibliothekar Hans Peter Mühlethaler leise aus der Arbeitswelt zurück.

An der Ausleih-Theke der Bibliothek Münstergasse bediente Hans Peter Mühlethaler die Kundinnen und Kunden.
An der Ausleih-Theke der Bibliothek Münstergasse bediente Hans Peter Mühlethaler die Kundinnen und Kunden.
Foto: Raphael Moser

So abrupt können 39 Jahre vorbei sein. Hans Peter Mühlethaler, 60-jährig, aus Muri, hätte das Ende seines Berufslebens mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen bei einem grossen Apéro feiern wollen. Nach der Museumsnacht, an der er Eintritte hätte kontrollieren sollen – sein letzer Einsatz als Bibliothekar der Universitätsbibliothek Münstergasse –, wären sie alle zusammengekommen.

Doch es kam anders. Wegen des Coronavirus fand die Museumsnacht nicht statt, und auch die Bibliothek hatte ihre Türen seit einigen Tagen geschlossen. An seinem letzten Arbeitstag beantwortete Mühlethaler darum per Telefon «mit einiger Melancholie» die Fragen der Kundschaft: ob die bestellten Bücher heimgeliefert werden, was passiere, wenn die Leihfrist abgelaufen sei.

Hans Peter Mühlethaler wusste auf alles eine Antwort. Denn er kennt den Betrieb. 1981 trat er in der damaligen «Stadt- und Universitätsbibliothek Bern» seine Lehre an. Es gefiel ihm so gut, dass er drei Jahre später dort eine Festanstellung antrat. Seine erste und letzte.

39 Jahre lang gab er Bücher heraus, empfing zurückgegebene und kassierte Mahngebühren ein. Am meisten schätzte er dabei die Begegnungen mit den Kundinnen und Kunden. Etwa mit jener Frau, die meldete, dass sie ein Buch verloren habe und deswegen bei Mühlethaler eine Rechnung verlangte. Er erkundigte sich nach den Umständen. Es stellte sich heraus, dass das Buch noch vorhanden war, jedoch in einem sonderbaren Zustand, weil es ins Maul des Schäferhunds geraten war. «Es war derart zerbissen, dass es eher einem Rugbyball glich», erinnert sich Mühlethaler.

Kaffee und Kuchen

Verändert über die Jahre habe sich vor allem die Berufsbezeichnung. Lernte Mühlethaler einst «Diplomierter Bibliothekar», bildete er zuletzt «Fachpersonen Information und Dokumentation» aus. Selber gefällt ihm der alte Begriff besser. Ihm verdanke er, dass ihm einst als junger Mann ein Vermieter eine Wohnung vergab: «Er stellte sich wohl vor, dass ich den ganzen Tag lesen und nie Party machen und somit die Wohnung kaum abnützen würde.» Offiziell habe diese Annahme natürlich gestimmt. Tatsächlich sei es damals aber nicht immer beim Lesen geblieben.

Ideen, was er in seinem Leben als Pensionierter unternehmen will, habe er einige. Doch: «Ich habe keine konkreten Pläne aufgestellt. Die aktuelle Situation ist das beste Beispiel dafür, dass Pläne selten aufgehen.» Er werde bestimmt oft Sport treiben, Velo fahren, Joggen, Unihockey spielen. Und lesen. Besonders gern mag er die Bücher von Jonas Jonasson, die seien gut geschrieben und hätten Humor. Auch Sachbücher über Psychologie und Medizin interessieren ihn.

Ganz ohne Feierlichkeiten endete der letzte Arbeitstag dann doch nicht. Zu fünft – die erlaubte Obergrenze von Menschen – hätten sie Kuchen gegessen und Kaffee getrunken. Wenn der Corona-bedingte Ausnahmezustand vorbei sei, könne er sich sehr gut vorstellen, nochmals mit dem ganzen Team seinen Abschied zu feiern. Planen will er den Anlass aber noch nicht.

1 Kommentar
    André Keller

    Ein Abschied, der auch mich als langjähriger Kunde der Bibliothek Münstergasse wehmütig stimmt. Vor über 35 Jahren habe ich an der Uni studiert. Seit dieser Zeit ist mir das freundliche Gesicht von Hans Peter Mühlethaler vertraut. Immer hilfsbereit und ausgeglichen. Sein "feu sacré" für seinen anspruchsvollen Beruf war augenfällig. Hoffentlich wird sein guter Geist noch lange in den ehrwürdigen Räumen schweben.