Ein Prosit auf die Präventionsfachleute

Ohne sie wäre unsere Lebenserwartung kleiner, und die Gesundheitskosten ­wären höher.

Andreas Kunz@sonntagszeitung

Wer sich heute zurück an die 1980er-Jahre erinnert, mag seinem Gedächtnis kaum trauen. Damals war es selbstverständlich, dass überall geraucht werden konnte. Es gehörte zum guten Ton, spätestens zum Feierabend – wenn nicht schon am Mittag – das erste Glas Alkohol zu trinken, bevor bis zur Bettruhe oft unzählige ­weitere folgten.

In geschlossenen öffentlichen Räumen wurden nicht nur Zigaretten, sondern auch übel ­stinkende Zigarren geraucht – und niemand ­störte sich daran, oder zumindest traute sich niemand zu intervenieren. Warum auch? Alkohol und Tabak gehörten zum Leben, zeugten von Männlichkeit und gesellschaftlicher Zugehörigkeit.

Wer heute noch masslos säuft, raucht oder ­regelmässig andere gesundheitsschädigende Substanzen konsumiert, ist zum Aussenseiter geworden – wenn er nicht schon vorher daran gestorben ist. Statt auf ein Bier oder ein Cüpli treffen sich Männer wie Frauen heutzutage ­mindestens genauso gern zum Sport. Führte der Gruppendruck früher dazu, seine Gesundheit zu strapazieren, wirkt er heute – zumindest bei aufgeklärten Zeitge­nossen – in die gegenteilige Richtung.

«Manche müssen ein Stück weit tatsächlich zu ihrem Glück gezwung­en werden.»

Wie gross und weit­reichend dieser gesellschaftliche Wandel ist, wird erst mit einigen Jahrzehnten Abstand deutlich. Tatsächlich ist er das Resultat vieler kleiner nationaler und internationaler Aufklärungskampagnen. ­Ausgerechnet bei den Präventionsfachleuten also, die uns irdische Sünder ständig genervt und ganze Branchen mit einem Kleinkrieg überzogen haben, müssten wir uns heute – wenn wir denn ehrlich sind – bedanken. Ohne sie wäre unsere ­Lebenserwartung definitiv kleiner, die Lebensqualität geringer, und die ­Gesundheitskosten ­wären höher. Offenbar muss der Mensch ein Stück weit tatsächlich zu seinem Glück ­gezwungen, oder besser, behutsam hin­geführt werden. Ich kenne ­jedenfalls keinen ­ehemaligen Raucher, der es bereut, mit dem Rauchen aufgehört zu haben.

Selbstverständlich ist nicht nur bei den ­Genussmitteln, sondern auch bei der Prävention alles eine Frage des Masses. Gefragt sind sach­liche Information, positive Überzeugungsarbeit und vernünftige finanzielle Anreize. Nicht gefragt sind übertriebene staatliche Bevormundung und schmallippige Besserwisserei. Allzu missionarische Eiferer werden auch künftig kontraproduktiv wirken – und aufgrund ihrer Humorlosigkeit ­vielleicht nicht früher, aber zumindest unglücklicher sterben als so mancher Gelegenheitstrinker.

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