Ein Sicherheitsnetz aus Schuhbändeln

Am Mittwochabend treffen die Grasshoppers auf Lausanne. Die Westschweizer haben den Sparmodus ausgerufen.

Freut sich auf den «Liga-Krösus GC»: Lausanne-Trainer Giorgio Contini. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Freut sich auf den «Liga-Krösus GC»: Lausanne-Trainer Giorgio Contini. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Der Schweizer Heimatschutz verschenkte einst wehmütig Sammelbilder alter Schweizer Sportbauten: vom Gurzelen in Biel, vom Espenmoos in St. Gallen oder von der Pontaise in Lausanne. Das Espenmoos gibt es nicht mehr, im Gurzelen haben Gärtner, Rasentennisspielerinnen, Gastrobetreiber oder Kartoffelbäuerinnen übernommen. Nur in der Pontaise wird noch Fussball gespielt.

Aber auch in Lausanne neigt sich die Romantik dem Ende zu. Im Sommer 2020 zieht der FC Lausanne-Sport um ins Stade de la Tuilière. Im Moment steht der Rohbau, hoch oben etwas ausserhalb der Stadt, gleich neben dem kleinen Flughafen Lausanne-Blécherette. 77 Millionen Franken kostet das Stadion.

Möglich gemacht hat es der Chemiekonzern Ineos, der im Jahr 40 Milliarden Dollar umsetzt. Und Ineos steht nicht nur für den Umzug von der Nachkriegsarchitektur in ein Stadion, das die höchsten Anforderungen der Uefa erfüllt. Mit Ineos hat eine neue Ära begonnen.

Nicht Transfers ohne Grenzen

Das haben in der Westschweiz auch schon andere Investoren versprochen und Chaos verursacht. Beim Engagement von Ineos ist das anders. Giorgio Contini, Trainer des Challenge-League-Leaders, sagt vor dem Spitzenspiel gegen die zweitplatzierten Grasshoppers: «Ineos gibt dem Verein eine gewisse Sicherheit für die nächsten paar Jahre. Das stabilisiert uns zusätzlich.» Das Unternehmen ermöglicht Contini keine Transfers ohne Grenzen, sondern dient vielmehr als Sicherheitsnetz. Laut Kennern des Vereins hat der Konzern bisher alle Versprechen gehalten.

Im August hat Ineos den OGC Nizza aus der Ligue 1 übernommen, im Frühjahr das Radteam Sky. Das Engagement geht also über Lausanne-Sport hinaus, sogar Chelsea hatte Ineos-Besitzer Jim Ratcliffe im Visier. Aber die Preisvorstellungen beider Parteien lagen offenbar weit auseinander. Ratcliffes Bruder Bob, Chef von Ineos Football, sagte dem «Independent»: «Ich kann mich nicht erinnern, wie weit, aber es war erheblich.» Und zum Projekt in Nizza: «Das wird uns ganz schön auf Trab halten.»

Besitzer Ineos hat den Hauptsitz von London in die Waadt verlegt, um 650 ­Millionen an ­Steuern zu sparen.

Lausanne wird deswegen kaum ins Abseits geraten. Zumindest nicht kurzfristig. Denn wenn der Chemiekonzern mit Nizza und im Radsport mutmasslich sein Image pflegen möchte, so gehört der Kauf des FC Lausanne-Sport auch zur Steuerstrategie. 2010 hat Ineos den Hauptsitz von London in die Waadt verlegt, um damit in vier Jahren rund 650 Millionen Steuern zu sparen. Dafür engagiert sich das Unternehmen im Regionalsport. Erst beim Rugby, Volleyball, Eishockey und im Juniorenfussball. Dann kaufte Ineos den FC Lausanne-Sport.

Vom Stadion abgesehen, soll Ineos bisher rund 25 Millionen Franken in den Lausanner Fussball investiert haben. Und damit ist nicht Schluss. Derzeit suchen die Besitzer ein Grundstück, um für zehn Millionen ein Ausbildungszentrum zu bauen.

Das klingt alles wunderbar. Allerdings lief bisher nicht alles rund. Bei der Übernahme wollten die Besitzer in wenigen Jahren zu den Top-Teams des Landes gehören. Sie investierten in neue Spieler, unter anderem in Simone Rapp, in Francesco Margiotta von Juventus Turin oder in Enzo Zidane, den Sohn von Zinédine – ein wenig Glamour musste schon sein.

Budget deutlich gekürzt

Zusammen mit zwei Leihspielern aus Basel kosteten die Wechsel rund drei Millionen Franken. Ein Klacks für Ineos: Wenn die 40 Milliarden Umsatz des Konzerns die Länge des Fussballfeldes auf der Pontaise sind, dann sind die drei Millionen Transferkosten die Breite des Schuhbändels eines Fussballschuhs.

Trotz der Transfers stieg Lausanne 2018 ab und schaffte bisher den Aufstieg nicht. Sportchef Pablo Iglesias soll einmal gesagt haben, dass man das Trauma des Abstiegs unterschätzt habe. Daraus haben die Lausanner gelernt. Sie kürzten das Budget für die laufende Saison um rund zwei Millionen. Trainer Contini sagt: «Für die Challenge League muss man nicht viel Geld ausgeben. Sondern clever.»

In dieser Saison soll es mit dem Aufstieg klappen. Mit einem Kader, in dem sich die Erfahrung von Christian Schneuwly oder Stjepan Kukuruzovic mit der Jugend von Andi Zeqiri oder Aldin Turkes kreuzt. Dieses Team trifft heute auf Absteiger GC. Contini sagt: «Es ist schön, gegen den Liga-Krösus antreten zu dürfen.»

Für den Winterthurer sind also die Zürcher das Mass aller Dinge. Trotz der Gelder von Ineos, die für die Lausanner ein Sicherheitsnetz sind, über das sonst kaum ein Verein in der Schweiz verfügt.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt