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Fragwürdiger Deal in EnglandEine Diktatur nimmt Newcastle ein

Der stolze Fussballclub wird endlich seinen ungebliebten Besitzer los – dafür zahlt er aber einen hohen Preis: Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman legt seine Blutspur.

Hier soll bald alles wieder anders sein: Im St James’ Park, der Kathedrale Newcastles.
Hier soll bald alles wieder anders sein: Im St James’ Park, der Kathedrale Newcastles.
Foto: Getty Images

Wenn die Fans von Newcastle früher gut bei Laune waren, sangen sie bierselig: «Wir sind übergeschnappt / Und wir sind verrückt / Wir sind die loyalsten Fussballsupporter / Die die Welt je gehabt hat.» Die Melodie lieferte «You Are My Sunshine».

Newcastle liegt ganz weit oben in England, London ist weit weg. Die Spuren der Hadrian’s Wall ziehen sich bis ins Stadtzentrum. Mächtige Brücken schwingen sich über den Tyne, den Fluss, der ein paar Kilometer weiter in die wilde Nordsee mündet. Die Strassen führen von hier steil hinauf ins Zentrum der Stadt und des Nachtlebens, zumindest in normalen Zeiten.

Dann sind es nur noch ein paar Schritte bis zur Kathedrale einer Stadt, die sich nach dem Zusammenbruch der Kohle- und Schifffahrtsindustrie neu erfunden hat. Sie heisst St James’ Park, ist das Fussballstadion, und hier soll bald alles wieder anders sein.

Endlich, sagen die Geordies, die ihren Fussball so sehr lieben, endlich sind sie Mike Ashley los. Ashley, den schnöseligen Geschäftsmann aus London, haben sie hier nie gemocht. Da mochte er noch lange auf seinen Tribünenplatz ein Bier auf Ex trinken, er ist nie einer von den Geordies geworden, einer aus Newcastle.Lange schon hat der milliardenschwere Sportartikelhändler einen Käufer für seinen Club gesucht, mögliche Interessenten hat er immer wieder verprellt mit seinen Forderungen. Jetzt hat er einen gefunden, der zahlt, was er will. Es sind 400 Millionen Franken, das sind über fünfmal mehr, als er vor dreizehn Jahren selbst für den Club auslegen musste.

Die Frage ist nur: Zu welchem Preis erhält dieser stolze Verein, dieser Newcastle United Football Club, einen neuen Besitzer?

Garry Kasparow wehrt sich als Kämpfer für die
Menschenrechte gegen den Verkauf.

Zehn Prozent, so ist das vorgesehen, gehen an Amanda Staveley, sie ist eine englische Geschäftsfrau mit besten Beziehungen in den arabischen Raum und die Frau, die den aktuellen Deal eingefädelt hat. Und weitere zehn Prozent gehen an Jamie Reuben, den Sohn eines Londoner Immobilien-Milliardärs. Das ist weiter nicht schlimm.

Verwerflich wird es erst, wenn es um den Käufer der ganzen anderen achtzig Prozent geht. Die gehen an den Public Investment Fund, kurz PIF, und das ist das Finanzvehikel des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, kurz MBS. Er ist das Gesicht einer «brutalen Diktatur».

So schreibt das die Human Rights Foundation in einem Brief an den Geschäftsführer der Premier League. Der Brief ist zweieinhalb Seiten lang und eine einzige Anklage gegen MBS, den Kronprinzen. Unterzeichnet ist er unter anderem von seinem Vorsitzenden Garry Kasparow, dem früheren Schachweltmeister und heutigen Kämpfer für Menschenrechte.

Mit seiner Stiftung erhebt er die Stimme gegen den Verkauf von Newcastle nach Saudiarabien, so wie das Human Rights Watch oder Amnesty International auch tun. Er schreibt Richard Masters, dem Geschäftsführer der Premier League: «Die Besitzer der Premier-League-Clubs würden der Welt einen grossen Dienst erweisen (...), wenn sie PIF als unpassenden Käufer ablehnen würden.»

Ein Land am Gängelband

Die Premier League ist seit vier Wochen damit beschäftigt, die Unterlagen zu prüfen, die den Verkauf von Newcastle regeln. «Kein Kommentar», ist bislang ihre einzige Aussage dazu. Dafür weist Kasparow umso mehr auf die Menschenrechtsprobleme in Saudiarabien hin. Das Land hängt am Gängelband der Königsfamilie und liegt auf Platz 138 von 167 im Global Slavery Index, der weltweit den Menschenhandel und die Sklaverei bewertet. Die Frauen haben kaum Rechte, eine Religionsfreiheit gibt es nicht, und Homosexualität wird mit schwersten Strafen geahndet. Noch immer werden Menschen gesteinigt, enthauptet oder gekreuzigt, die das System kritisieren.

Prominent sind die Fälle von Raif Badawi, der vor sechs Jahren zu 1000 Stockhieben und 10 Jahren Haft verurteilt wurde, nur weil er in seinem Blog die Zustände im Land anprangerte. Und ebenso von Jamal Kashoggi, dem systemkritischen Journalisten, der vor zwei Jahren im saudischen Konsulat in Istanbul ermordet und zersägt wurde. Mohammed bin Salman wird beschuldigt, hinter der Tat zu stehen. Er leugnet alle Vorwürfe, trotzdem steht sein Kürzel MBS seither für Mister Bone Saw, Herr Knochensäge. Und der Kronprinz ist auch verantwortlich für die zentrale Rolle, die Saudiarabien im Bürgerkrieg im Jemen spielt.

Die Fans wollen das Geld aus Saudiarabien, weil sie sich nach einem Titel sehnen.

Dieser Kronprinz benutzt nun sein 320 Milliarden schweres Finanzinstrument, um das Ansehen seines Landes mit einem Konzept namens Vision 2030 zu verbessern oder um, wie es Kasparow schreibt, «seine Verbrechen weisszuwaschen». Milliarden von Dollar würden im Ausland investiert, um ein Bild von Modernität und Prosperität zu vermitteln. Der Sport spiele dabei eine wesentliche Rolle. «Sportswashing» heisst das in England.

Newcastle United passt da perfekt ins Beuteschema. Es ist ein schlafender Riese, und seine Anhänger träumen vom ersten (Cup-)Titel seit 1955. Sie haben Ashley nicht gemocht, weil er nie ihrem Wunsch nachgekommen ist, gross zu investieren. «Ashley ist der falsche Besitzer», befindet der «Independent», «aber Saudiarabien ist nicht die Lösung.»

Der Waffendeal der Briten

Die Geordies sehen das anders, in einer Umfrage des Newcastle United Supporters Trust unter 3397 Mitgliedern sprechen sich 96,7 Prozent für den Verkauf an die Saudis aus. Damit bringen sie ihren Wunsch nach einem radikalen Wechsel zum Ausdruck, wie der Club zu führen sei. Und ihre erste Priorität ist klar: Investitionen in die Mannschaft. Dass da erste wilde Spekulationen die Runde machen, liegt in der Natur der Sache: Pochettino oder Allegri als Trainer, Werner, Coutinho oder Cavani als Spieler.

Garry Kasparow dagegen schreibt am Ende seines Briefs: «Die Human Rights Foundation beschwört sie, die schweren Folgen dieses Geschäfts zu erkennen (...). Der Sport sollte nicht von einer brutalen Diktatur gekapert werden.»

Grossbritannien ist allerdings nicht bekannt dafür, auf Distanz zu Saudiarabien zu gehen. Vor drei Jahren bewilligte die Regierung Waffenverkäufe in Höhe von 4 Milliarden Franken an Saudiarabien.

2 Kommentare
    Rolf Rothacher

    Vor 6 Jahren war der heutige saudische Kronprinz noch gar nicht im Amt. Warum man diese Verurteilung hier anführt, als Grund, warum der Verkauf gestoppt werden soll, zeigt die bösartige Ideologie hinter den Vorwürfen.

    Ja, Saudi-Arabien ist ein erz-konservatives Land. Das muss es auch sein, weil es die beiden wichtigsten muslimischen heiligen Städte, Mekka und Medina, verwaltet. Die ganze muslimische Welt schaut mit Argusaugen auf das Land.

    Wir aus dem Westen können noch nicht mal ein eher kleines Land wie Afghanistan vom Terror befreien. Doch wir Europäer verlangen selbstverständlich vom saudischen Königshaus, dass es sich gegen eine Milliarde Muslimen stellt und westliche Sitten einführt. Das ist im Höchstmass heuchlersich.