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SommerserieEine Nacht im Wohn-Ei

Die Übernachtung in der Ecocapsule in Guttannen zeigt: Es hat im sich selbstversorgenden Wohn-Ei alles, was man braucht. Wir haben die Grenzerfahrung getestet.

Die Ecocapsule steht in Guttannen und ist ab 1. August buchbar. Vorher dürfen Journalisten übernachten.
Die Ecocapsule steht in Guttannen und ist ab 1. August buchbar. Vorher dürfen Journalisten übernachten.
Foto: Nathalie Günter

Letzte Woche landete die Ecocapsule in Guttannen. Projektleiter und Gemeinderat Urs Zuberbühler hatte sie höchstpersönlich im slowakischen Trnava abgeholt. Mit einem Schreckmoment an der liechtensteinischen Grenze: «Wir wurden aufgefordert, die Mehrwertsteuer direkt bar zu bezahlen, ansonsten hätten wir nicht weiterfahren dürfen», erzählt Zuberbühler. Bei einem Warenwert von 84’000 Franken reichte das Tageslimit der EC-Karte nicht ganz. Die Zöllner drückten aber ein Auge zu und liessen Zuberbühler passieren.

«Dasch aber no scheen»

«Als die zwei Tonnen schwere Kapsel in Guttannen ankam, wurde sie mit dem Kran auf das vorgesehene Plätzchen auf dem alten Friedhof gehievt», erzählt Zuberbühler weiter. Das halbe Dorf sei auf den Beinen gewesen. «Dasch aber no scheen», habe Zuberbühler von vielen älteren Einwohnern gehört. Das Wohn-Ei, dass sich mit Wind- und Solarenergie selbstversorgt, macht sich gut auf dem Plätzchen, davor lädt ein Tisch zum Frühstückessen ein. Das Windrad lässt die Ecocapsule ein bisschen wie ein U-Boot aussehen, die Solarzellen auf dem Dach glänzen in der Sonne.

«Jeder aus dem Dorf will einen Blick reinwerfen.»

Urs Zuberbühler, Gemeinderat und Projektleiter

Der Transport hatte aber seine Spuren hinterlassen: Das WLAN war kaputt, die Tür lädiert. Zwei Techniker aus Bratislava kamen flugs in die Schweiz und reparierten das Ganze. Gerade rechtzeitig für die ersten Übernachtungen. Offiziell eröffnet wird das energie-autarke Wohn-Ei zwar erst am Nationalfeiertag. Aber zuvor dürfen Journalisten eine Nacht in der Ecocapsule verbringen. Als ich und meine Kollegin ankommen, ist Urs Zuberbühler gerade fertig mit Putzen. «Ich komme kaum dazu, jeder aus dem Dorf will einen Blick reinwerfen», sagt er und lacht. Momentan übernimmt er das Putzen und Desinfizieren selbst.

Dann folgt eine gewissenhafte Einführung: In der Kapsel hat es acht Schalter, sie regeln das Licht, die Klimaanlage und die Wärme des Wassers. Wer will, kann den Stand der Wasser- und Energiereserven auch auf einer App mitverfolgen. Auf dem Bett liegen zwei Matratzen, die zweite kann danebengelegt werden. Es hat einen Kühlschrank, ein Induktionsherdplatte, einen Abfalleimer und ein Lavabo. Die kleine Kabine ist Trocken-WC und Dusche zugleich. «Dort drin ist alles wasserdicht, zum Duschen kann man sich auch hinsetzen», erklärt Urs Zuberbühler.

Trotz 1,84 Meter Körpergrösse hat die Journalistin gut Platz im Wohn-Ei.
Trotz 1,84 Meter Körpergrösse hat die Journalistin gut Platz im Wohn-Ei.
Foto: PD/Barbara Huber

Ich fühle mich etwas in meine Kindheit versetzt, als wir Ferienwochen und Wochenenden im Wohnwagen verbrachten. Die engen Platzverhältnisse sind für mich trotz meiner Körpergrösse von 1,84 Metern also kein Problem. Trotzdem weiss ich aus der Camping-Erfahrung: Je länger man Zeit auf engem Raum verbringt, desto mehr kommt man an seine Grenzen.

Regen- wird Trinkwasser

Urs Zuberbühler zeigt uns den eindrücklichen Technikkasten. Dort durchläuft das gesammelte Regenwasser drei Filter, um zu Trinkwasser zu werden. Daneben ist die Stromsammelstelle. Die installierte Windkraftanlage liefert bis zu 750 Watt Strom und produziert auch 24 Stunden lang Strom wenn nötig. Die Solarzellen liefern 880 Watt Strom. Unter dem Technikkasten – nicht ganz unwichtig im Sommer – befindet sich der Blitzableiter. Zuberbühler drückt mir einen Gutschein vom Hotel Bären und einen vom Dorfladen in die Hand. Auch wer übernachtet, wird einen Gutschein kriegen.

Die Technikanlage: Links ist der Regenwasserfilter zu sehen, wo das Wasser durch drei Filter läuft, um zu Trinkwasser zu werden.
Die Technikanlage: Links ist der Regenwasserfilter zu sehen, wo das Wasser durch drei Filter läuft, um zu Trinkwasser zu werden.
Foto: Nathalie Günter

Wir genehmigen uns ein feines Znacht im Hotel Bären bei den Schwestern Veronika Thaler und Marianne Nägeli, der Tartarenhut gilt nicht zu Unrecht als Hausspezialität. Das Restaurant ist für einen Dienstag gut gefüllt, Veronika Thaler ist zufrieden, wie der Sommer läuft. Auch am Stammtisch ist das Wohn-Ei das Thema, daneben planen Gäste die Route für den nächsten Tag. «Was dr Zubi macht, isch gspunne!», sind sich die Stammtischler ob dem Engagement von Urs Zuberbühler einig.

«Wir hatten auch drei Angebote von Einheimischen, die uns ihr Land zur Verfügung stellen wollten.»

Urs Zuberbühler, Gemeinderat und Projektleiter

Danach gehts zum Schlafen ins Wohn-Ei. Ich versuche mir vorzustellen, irgendwo allein in der Natur zu sein. Denn dort sollte die Ecocapsule eigentlich hingestellt werden. «Wir hatten auch drei Angebote von Einheimischen, die uns ihr Land zur Verfügung stellen wollten», sagt Zuberbühler. Das Ganze sei aber vom Regierungsstatthalteramt nicht genehmigt worden – nicht zonenkonform (wir berichteten). Durch den Standort mitten im Dorf ist aber mehr Aufmerksamkeit generiert. Und wie Zuberbühler sagt: «Es geht uns nicht um das Ei an sich, sondern um die Dorfentwicklung.»

Er hat die Ecocapsule entdeckt und nach Guttannen geholt: Urs Zuberbühler, Gemeinderat und Projektleiter.
Er hat die Ecocapsule entdeckt und nach Guttannen geholt: Urs Zuberbühler, Gemeinderat und Projektleiter.
Foto: Nathalie Günter

Die Nacht geht schnell vorbei. Wir haben beide genügend Platz zum Schlafen, statt der Klimaanlage habe ich das Fenster offen gelassen. Ich fühle mich sicher, trotz dem starken Regen, der aufs Dach prasselt. Am Morgen teste ich die Toilette, alles funktioniert tipptopp. Wäre ich jetzt allein auf weiter Flur in der Natur, wäre das kein Problem. Trotzdem reicht mir eine Nacht im doch engen Wohn-Ei. «Das ist auch die Idee der Ecocapsule, dass man sich nicht wochenlang darin aufhält», sagt Urs Zuberbühler, als er zurück zum Wohn-Ei kommt.

Für den Projektleiter steht eine weitere Putzete an, und ich hole mir im Dorfladen noch das wohlverdiente Frühstück.

Die Eröffnung findet am Samstag, 1. August, um 10 Uhr statt. Der Weg ist ab dem Hotel Bären signalisiert.

Ein Blick ins Innere: Hier kann mit zwei, drei Handgriffen ein Doppelbett gebaut werden, zwei Personen finden gut Platz.
Ein Blick ins Innere: Hier kann mit zwei, drei Handgriffen ein Doppelbett gebaut werden, zwei Personen finden gut Platz.
Foto: Nathalie Günter
Eine Übernachtung in der Ecocapsule in Guttannen kostet für zwei Personen 180 Franken.
Eine Übernachtung in der Ecocapsule in Guttannen kostet für zwei Personen 180 Franken.
Foto: Nathalie Günter