Einsame Brücke über die Drina

Kulturredaktorin Marina Bolzli über einen Ort, der ihren Erwartungen nicht ganz gerecht wurde.

Die Drinabrücke steht in der Stadt Višegrad in Bosnien und Herzegowina.

Die Drinabrücke steht in der Stadt Višegrad in Bosnien und Herzegowina.

(Bild: iStock)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Ich weiss auch nicht, was ich mir vorgestellt hatte. Vielleicht ein Erweckungserlebnis. Irgendein Zeichen, dass ich hier an einem Ort war, an dem vor mir schon Hunderttausende gewesen waren. Ein Ort, an dem es wuselt. Wo Leute sich geliebt hatten, getötet hatten, an dem sie gescherzt, gesungen und gelitten hatten.

Stattdessen breitete sich die stattliche Steinbrücke vor mir aus, im Nebeldunst, mit Pflastersteinen versetzt. Kein Mensch weit und breit. Die Brücke führte über die Drina, es war die Brücke über die Drina. Auf der anderen Seite erspähte ich – nichts. Ausser einem mittelgut besetzten Parkplatz und einem bewaldeten Hügel.

Dabei hatte ich nur wegen dieser Brücke nach Visegrad in der heutigen Republika Srpska in Bosnien-Herzegowina reisen wollen. Oder besser, wegen Ivo Andric und seinem Roman «Die Brücke über die Drina», durch den ich mich gekämpft hatte.

Der Roman ist eine Zumutung, eine Offenbarung auch. Andric hat das etwa 500-seitige Werk 1945 geschrieben, 1961 wurde er dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Weltliteratur. Ohne Hauptperson.

Denn im Buch dreht sich alles um die Brücke, Andric ist eigentlich ein Chronist, der die Zeit zwischen Erbauung des monumentalen Werks ab 1571 und Erstem Weltkrieg schildert.

Die historisch verbürgbaren Ereignisse sind echt, viele Personen und ihre kleinen und grossen Leiden erfunden. Die Brücke ist ein Sinnbild für die wechselhaften Beziehungen zwischen Ost und West.

Zwischen Orient und Europa, zwischen Christen, Muslimen und Juden. Und wer das Buch heute liest – und es sei hoch empfohlen –, der wird unweigerlich an spätere Ereignisse denken.

Die Kriege, den Terrorismus. Denn diese fast 400-jährige Chronik ist ein Sinnbild für das ewige Ringen der Menschen um Einfluss und Macht, um Begehren und Überleben.

Vielleicht hatte ich gehofft, hier am Schauplatz des Geschehens würden all diese Bilder, die ich mir beim Lesen gemacht hatte, zum Leben erweckt werden. Stattdessen war es einfach eine Brücke. Eine historische Brücke, die alles stoisch erträgt. Der Nebel nässte mein Gesicht, ich schaute hinunter in die Drina. Was bin ich schon?, dachte ich.

Aare, Wasser, Tränen: In dieser Rubrik schreiben wir, wie Kultur und Kleinigkeiten uns nachhaltig zu bewegen vermögen.

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