Eintauchen in eine 3-D-Hörlandschaft

Eine neue Technologie macht «Sounds of Silence» zum Erlebnis – und zu einer kleinen Auszeit.

Ein Ausstellungsraum, durch den man driftet wie durch einen Traum.

Ein Ausstellungsraum, durch den man driftet wie durch einen Traum.

(Bild: Museum für Kommunikation/zvg)

Mit Kofphörern ausgestattet, geht man im Berner Museum für Kommunikation die Rampe hoch zur Ausstellung «Sounds of Silence». Man geht durch eine Grossstadt, umgeben von Strassenlärm, undefinierbaren Geräuschen, Menschen, die durcheinanderreden in fremden Sprachen.

Stille? Jetzt schlüpft man zwischen schweren Filzvorhängen durch ins Innere der Schau. Und ist erleichtert: Am Anfang ist der Schnee. Hinsetzen. Durchatmen. Ins Weisse schauen. Dem kaum hörbaren Auftreffen der Flocken auf Ihresgleichen lauschen. Ja – so hat man sich das vorgestellt.

Tatsächlich dämpfe der Schnee physikalisch den Schall, bestätigt Angelina Keller, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum und Co-Kuratorin von Ausstellungsmacher Kurt Stadelmann. Deshalb empfinden wir Schneelandschaften als so still.

Doch schon nähern sich Schritte, ein harsches Stapfen im Schnee kommt näher, von hinten. «Hallo, ich bin die Stille», stellt sich eine Frau via Kopfhörer vor, und sie ist wirklich da, zum Greifen nah, so räumlich ist der Klang des mit Sensoren ausgestatteten 360°-Soundsystems, das man auf dem Kopf trägt. Gern lässt man sich von ihr weiterführen in einen langen Raum, durch den man in der kommenden Stunde driften wird wie durch einen Traum.

Mit seiner ersten Ausstellung nach dem Umbau und der Wiedereröffnung wagt sich das Museum für Kommunikation an ein Thema, das mit herkömmlichen Mitteln kaum zu zeigen ist. Aus dieser «Not» wurde eine Tugend gemacht, die sich in konsequenter Reduktion manifestiert, formal wie auch inhaltlich. Resultat: ein ungewohntes Museumserlebnis, in dem man anfänglich noch etwas herumflippt, das man aber zunehmend ruhiger zu geniessen beginnt.

Texte zum Lesen gibt es keine, Bilder nur an einzelnen Stationen, wo sie einen Raum definieren. Den Wald etwa, in dem ein Kleinkrimineller lange Zeit lebte, ohne ein Wort zu sprechen; das Hotelzimmer in New York mit Blick auf die nächtliche Skyline, ziemlich schallgedämpft und doch nicht still; den Brunnen, an dem ein Mönch die Leute lehrte, was in der Stille zu erfahren ist.

Wohin man sich in der Hörschau bewegt, der Ton dazu wird dank der Sensoren nahtlos eingespielt und wieder ausgedünnt, bis er verschwindet. Und es gibt viel zu hören! Hat man sich das so vorgestellt? Nein. Die Schau irritiert auch. Und das ist gut so. Denn Stille ist nicht weiss und rein wie der erste Schnee. Nachdem man sich zusammen mit Frau Stille John Cages lautloses Stück «4’33”» angehört hat, lässt man es nachklingen in einem schwarzen Raum. Und tritt dann ins Freie wie aus dem Kino.

«Sounds of Silence» im Museum für Kommunikation: 9.11.–7.7. 2019

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt