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Clevere RabenvögelElstern sind besser als ihr Ruf

Die schwarz-weissen Vögel machen Lärm, und angeblich schaden sie kleinen Singvögeln. Dabei sind die Rabenvögel verblüffend intelligent. Nicht einmal Jäger können ihnen etwas anhaben.

Als der natürliche Lebensraum der Elster schwand, wanderte sie in die Städte.
Als der natürliche Lebensraum der Elster schwand, wanderte sie in die Städte.
Foto: Louis-Marie Preau, laif

Sie nerven, die Elstern. Sie fliegen ständig laut keckernd vor dem Balkon hin und her. Und dezimieren die Räuber nicht auch kleine Singvögel? Diebisch sollen sie zudem auch noch sein. Die schwarz-weissen Rabenvögel haben nicht den besten Ruf. Vollkommen zu Unrecht, finden indes Vogelexperten und Kognitionsforscher. Denn die Elstern seien nicht nur hübsch und treu, sondern auch ausserordentlich clever.

In den 1950er-Jahren sind die Elstern in unsere Städte eingezogen. Zu der Zeit veränderte sich ihr natürlicher Lebensraum. Offene Kulturlandschaften mit Gebüsch und hohen Bäumen verschwanden zunehmend, und in Gebieten mit intensiv genutztem Ackerland fanden die Elstern weder genügend Brutplätze noch ausreichend Nahrung. Dabei haben die Fast-Allesfresser vielfältige Vorlieben. Sie laben sich an Insekten, Reptilien, Amphibien, sie fressen überfahrene Tiere am Strassenrand, und vor allem im Spätsommer ernähren sie sich oft vegetarisch von Früchten und Samen.

Und Meisen ziehen ihre Jungen mit den Larven von hübschen Schmetterlingen gross.»

Livio Rey, Schweizerische Vogelwarte in Sempach

Und ja, im Frühjahr plündern sie auch Nester. «Das tun sie vor allem, um ihren Nachwuchs zu versorgen», sagt Livio Rey von der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach. «Elstern füttern ihre Jungen auch mit Eiern oder Küken anderer Vögel», sagt der Biologe. «Mit dieser proteinreichen Nahrung ermöglichen die Elstern ihrem Nachwuchs einen gesunden Start ins Leben. So wie Meisen ihre Brut mit den Larven hübscher Schmetterlinge grossziehen.»

Es ist tatsächlich schon lange bekannt, dass sich im Mageninhalt von Elstern zwar die Überreste kleiner Singvögel finden. Diese Nahrung macht aber höchstens einen Volumenanteil von 15 Prozent aus. In den Städten ernähren sich Elstern auch von Essensresten im Abfall.

Brutbestand ist um 80 Prozent gestiegen

Während der letzten 20 Jahre hat sich der Bestand an brütenden Elstern in der Schweiz um 80 Prozent erhöht. Rey entkräftet aber gleich das grösste Vorurteil: «In der gleichen Zeit haben sich die Bestände von kleinen Singvögeln wie Amseln, Meisen, Spatzen oder Rotkehlchen nicht verringert.»

Im Gegenteil, wie eine ältere Studie aus Deutschland zeigt: Als sich in Osnabrück die Elstern stark vermehrten, nahm gleichzeitig auch der Brutbestand von 17 Kleinvogelarten zu. Offenbar waren die Lebensbedingungen für alle Vögel günstig. Dass sich Elstern so gut an menschliche Siedlungen angepasst haben, liege auch an ihrer Intelligenz, sagt Rey. Und die ist ausserordentlich.

Elstern können Menschen individuell erkennen.»

Helmut Prior, Kognitionsforscher, Goethe-Universität Frankfurt

So können sich Elstern im Spiegel erkennen, wie das nur von wenigen Tieren bekannt ist, etwa Menschenaffen, Delfinen oder Elefanten. Die Versuche hat Helmut Prior von der Goethe-Universität in Frankfurt zusammen mit seinem Team vor Jahren durchgeführt. Prior ist seit seiner Kindheit an Rabenvögeln interessiert. Mit einem Freund hatte er eine Dohle grossgezogen. Die Knaben liessen sie später frei. Der Vogel sei aber immer mal wieder zu Besuch gekommen, sagt Prior. «Auch Elstern können Menschen individuell erkennen», sagt der Psychologe, der kognitive Entwicklungsprozesse erforscht. «Bei unseren Versuchen im Labor flogen die Vögel zum Teil frei herum. Immer mal wieder setzten sie sich bei mir auf die Schulter», sagt Prior. Anderen wechselnden Teammitgliedern brachten sie nicht so viel Vertrauen entgegen.

Übrigens erkennen die gefiederten Schlauköpfe auch Jäger und deren Fahrzeuge wieder. Deshalb waren frühere Versuche, Elstern dauerhaft durch Jagd in der Schweiz zu dezimieren, wenig erfolgreich.

Als die Frankfurter Forscher den Elstern im Labor bunte Punkte an die Brust geheftet hatten, versuchten einige der Vögel, als sie sich im Spiegel sahen, die Farbe mit dem Schnabel bei sich und nicht dem Spiegelbild zu entfernen. «Dieses Verhalten beweist, dass sie eine Vorstellung von sich selbst haben», sagt Prior.

Verstecken von Nahrung

Dass Elstern zudem die Fähigkeit haben, komplexe Prozesse durchzuführen, zeigte ein anderer klassischer Versuch des Teams. Die Forscher testeten, ob Elstern verstehen, dass eine Münze, die sie unter einem von drei Tüchern versteckten, trotzdem noch da ist. Derartige Experimente zur sogenannten Objektpermanenz führen Kognitionsforscher auch mit Kleinkindern durch. «Für die Elstern war es ein Leichtes, nach kurzer Zeit die Münze wieder zu finden. Sie suchten meist an der richtigen Stelle», sagt Prior. Das sei nicht überraschend. Schliesslich verstecken Elstern in der Natur oft ihre Nahrung, wenn etwas übrig bleibt. Sie buddeln mit dem Schnabel kleine Löcher und lagern dort Fleischreste oder Samen, oder sie schieben ihre Köstlichkeiten unter ein Blatt. Entscheidend ist, sie finden die Häppchen wieder.

Sind Elstern «diebisch» oder nicht?

Ob Elstern jedoch «diebisch» sind und sich übermässig für Glitzerzeug interessieren, ist nicht ganz klar. Die Versuche von britischen Forschern von der Universität Exeter mit Elstern auf dem Campus sprechen dagegen. Die Wissenschaftler hatten die Vögel mit kleinen Häufchen von Nüssen angelockt und in der Nähe jeweils ein paar glitzernde oder matte Objekte wie Schrauben oder Ringe gelegt. Das Ergebnis war eindeutig: Bei den 64 Tests nahmen lediglich zwei Vögel einen glänzenden Ring in den Schnabel, den sie aber schnell wieder fallen liessen. «Bei uns im Labor war das anders», sagt Helmut Prior. Die Forscher hatten aus Karton münzgrosse gelb-braune Scheiben gebastelt und sie zusammen mit blanken Münzen in die Käfige gelegt. «Die Elstern bevorzugten ganz klar die glänzenden Objekte», sagt Prior.

Lange Betreuung durch die Eltern

Warum aber sind Elstern und generell Rabenvögel so schlau? «Das hängt mit ihrer Lebensweise zusammen», sagt Michael Griesser von der Universität Konstanz. «Sie leben entweder als monogames Paar zusammen oder im Winter in Gruppen», fügt der Verhaltensforscher an. In der Evolution von kognitiven Fähigkeiten sei wichtig, wie lange die Eltern ihre Jungen aufziehen. Griessers Team hat in einer Studie bei Rabenvögeln gezeigt, dass auch die lange Betreuung durch die Elternvögel zum Lernerfolg der Jungen beiträgt. Die Ergebnisse veröffentlichten die Forscher kürzlich im Fachblatt «Philosophical Transactions of the Royal Society B». «Elstern kümmern sich noch bis zu drei Monate nachdem die Jungen geschlüpft sind um ihren Nachwuchs», sagt Griesser. Und das tun sie auch durch ihr ständiges Keckern. Das ist also kein Grund, sich darüber aufzuregen.

10 Kommentare
    Guido Stefani

    Auf einem Birnbaum vor meinem Fenster nistet seit zwei Jahren ein Elsternpaar. Der Singvogelbestand um unser Haus hat in dieser Zeit nicht merklich abgenommen. Es hat weiterhin Amseln, Hausrotschwänze, Bachstelzen, Kohlmeisen, Grünspechte, Spatzen und ab und zu Schwanzmeisen.