«Ein gefährlicher Cocktail»

Der Schweizer Turnierdirektor Martin Kallen ist überrascht von der hohen Gewaltbereitschaft einzelner Fangruppen.

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Russen jagen englische Fans auf den Tribünen, nachdem es bereits vorher zu üblen Ausschreitungen gekommen war. Wie will die Uefa solche Bilder zukünftig verhindern?
Zu hundert Prozent können wir die Schwierigkeiten nicht in den Griff bekommen. Aber einige Massnahmen werden helfen: Die Uefa hat angedroht, dass die zwei Teams vom Turnier ausgeschlossen werden könnten, sollte es zu ähnlichen Vorfällen kommen. Die französische Polizei versucht den Kontakt zu den Polizeiverantwortlichen anderer Länder noch einmal zu intensivieren. Und der Alkoholausschank kann rund ums Stadion reduziert werden.

In Marseille drangen Russen in den englischen Block vor. Wie konnte das passieren?
Auch für die Stadionorganisatoren ist alles neu in den ersten Spielen, es läuft noch nicht alles perfekt. Aber natürlich kann es jetzt nur darum gehen, die Sicherheisvorkehrungen zu präzisieren und solche Ereignisse zu verhindern.

Aufgefallen sind auch Böller und Leuchtfakeln in mehreren Stadien.
Wir hatten in Marseille 7 Böller oder Fackeln auf 56?000 Besucher. Das ist überschaubar, aber auch hier gilt: Es sollten eigentlich gar keine sein. Nur: Der Druck bei den Kontrollen ist schon hoch. Wir wollen ihn jetzt zwar noch einmal intensivieren und die Qualität der Abtastungen erhöhen. Es gibt aber Grenzen. Wir organisieren ein Fussballturnier und keine Festung. Und wir wollen die Leute nicht praktisch ausziehen, um noch erfolgreicher zu sein.

Vor dem Turnier war die Gefahr der terroristischen Anschläge das Thema, jetzt sind es prügelnde Chaoten. Sind Sie beunruhigt?
Ich bin nicht schockiert und auch nicht übermässig beunruhigt, weil wir schon erwarten mussten, dass gewaltbereite Personen ans Turnier reisen und es diesen gefährlichen Cocktail geben kann. Nun geht es darum, die Spiele im Norden Frankreichs ohne negative Vorfälle durchführen zu können.

Am Mittwoch spielen die Russen in Lille, am Donnerstag die Engländer in Lens, die Städte liegen nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Hat die Uefa das Sicherheitsproblem gerade mit den russichen Chaoten unterschätzt?
Nicht generell, aber aber die Bereitschaft zur Gewalt überrascht mich. Wir haben nicht erwartet, dass so extreme Gruppierungen anreisen. Der Umgang mit potenziell gewaltbereiten Personen ist aber immer auch eine Gratwanderung und die Polizei muss sich die Frage stellen, wann sie eingreift.

Die Uefa kontrolliert das internationale TV-Signal und hat die Stadionbilder aus Marseille zensuriert. Ist es richtig, den Fernsehzuschauern die Realität vorzuenthalten?
Es stimmt nicht, dass wir die Bilder zensurieren. Es gibt klare Richtlinien, nach denen sich die Regisseure zu verhalten haben. Wir wollen nicht auf unschöne Szenen fokussieren, wir wollen sie aber auch nicht ganz weglassen. Im Zeitalter der sozialen Medien lässt sich ohnehin nichts verbergen. Die Fernsehanstalten haben auch die Möglichkeit selbst Kameras zu positionieren und aufzuzeichnen. Es geht hier um die Übertragung eines Fussballspiels. Wie gewohnt soll der Fokus der TV-Produktion auf dem Spiel selbst liegen und alles beinhalten was auf das Spiel einen konkreten Einfluss hat – was hier nicht der Fall war.

Aus dem Stadion gab es keine Krawallbilder am Fernsehen, deshalb bleibt doch die Frage nach Zensur.
Den Vorwurf hören wir immer wieder, aber er ist Blödsinn. Entscheidend ist doch die Dosis der Bilder. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.06.2016, 19:50 Uhr

Hat wenig zu lachen: Turnierdirektor Martin Kallen. (Bild: Keystone )

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