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Mehr Interreligiosität, bitteWas ich von Juden und Musliminnen gelernt habe

Heute ist Bajram, das Fest zum Ende des Fastenmonats Ramadan. Wir sollten öfters mit «anderen» feiern. Ich habe es ausprobiert.

«Respekt vor unserer Gleichheit als Menschen, auch wenn wir verschieden sind», wünschte sich ein Teilnehmer des Online-Fastenbrechens, bei dem Juden, Christinnen, Muslime und Nichtreligiöse teilnahmen.
«Respekt vor unserer Gleichheit als Menschen, auch wenn wir verschieden sind», wünschte sich ein Teilnehmer des Online-Fastenbrechens, bei dem Juden, Christinnen, Muslime und Nichtreligiöse teilnahmen.
Getty Images/iStockphoto

«Pünktlich zu Pfingsten öffnen die Kirchen», titelte diese Zeitung im Newsticker zu den letzten Lockerungen. «Pünktlich zu Eid al-Fitr» hätte die Schlagzeile um ein Haar lauten können. Das geschah nicht aus zwei Gründen.

Erstens: Eid al-Fitr, von vielen auch Bajram genannt, findet dieses Jahr heute, am 24. Mai, statt. Das sind vier Tage, bevor Gottesdienste in der Corona-Pandemie wieder erlaubt sind. Zweitens: bislang hält sich die Anteilnahme der Schweizer Mehrheitsbevölkerung an religiösen Festen anderer als römisch-katholischer und evangelisch-reformierter Glaubensgemeinschaften in Grenzen.

Für alle, die noch nie von Eid al-Fitr gehört haben: Es ist das Fest nach dem Fastenmonat Ramadan, gefeiert von Musliminnen und Muslimen. Es gibt nicht nur viel zu essen, sondern auch Festtagsgebete in den Moscheen. Ausser dieses Jahr, wegen Corona.

Was kümmert uns das als Mehrheitsgesellschaft, könnte man fragen. Wir sind ein Land mit mehrheitlich christlicher Tradition, katholisch, reformiert. Bei uns wird Weihnachten und Ostern gefeiert, Mariä Himmelfahrt und Pfingsten.

Die Realität gestaltet sich aber so, dass die Schweiz auch das Zuhause vieler anderer religiöser und spiritueller Gemeinschaften ist. Man sollte das nutzen, um unsere jetzt schon vielfältige Kultur zu festigen, die sowieso immer bunter werden wird.

Interreligiös feiern

Kürzlich habe ich diesbezüglich eine besondere Erfahrung gemacht. Ich schaltete mich zu in ein interreligiöses Online-Fastenbrechen, eine Initiative des Projektes «Respect: Muslim- und Judenfeindlichkeit gemeinsam überwinden» des Dialog National Coalition Building Institute NCBI Schweiz.

In den Kacheln auf dem Bildschirm tauchten Leute mit Kopftuch und Kippa auf, auch Leute, die nicht als Zugehörige einer bestimmten Religion zu erkennen waren, einige waren auch wie ichnicht speziell religiös. Was ich während der folgenden zweieinhalb Stunden erlebt habe, hat mich berührt.

Zu Beginn diskutierten wir darüber, was wir brauchen, um uns in der Schweiz zu Hause zu fühlen. Wir teilten auch Momente miteinander, in denen das nicht so war. Die meisten Teilnehmenden wurden, wie ich erfuhr, aufgrund ihrer Religion schon beleidigt. Einige tragen bewusst keine Symbole, die sie als Angehörige einer bestimmten Glaubensgemeinschaft erkennbar machen. Wünschen würden sie sich aufrichtiges Interesse anstatt schräger Blicke. Denn stimme der Ton, dürfe man gerne nach der Kopfbedeckung oder den Essensvorschriften fragen.

Jede Kachel eine eigene Geschichte

Eine Frau mit Kopftuch erzählte in gebrochenem Deutsch, wie verwundert sie war, dass sie die jüdischen Männer in dunkler Kleidung beim Spazieren nicht zurückgrüssten. Nun habe sie in einer der Breakout Sessions – einer kleineren Zoom-Gruppendiskussion – mehr über die Lebensweise orthodoxer Juden erfahren. «Ich verstehe die Situation nun besser.»

So sah das interreligiöse Fastenbrechen per Zoom aus. Die Organisatorinnen und Organisatoren sind jene mit dem «Respect Iftar 2.0»-Hintergrund. Mit dabei auch ein Rabbi, ein Imam und eine Pfarrerin. Mich sehen Sie in der obersten Reihe, Zweite von links.
So sah das interreligiöse Fastenbrechen per Zoom aus. Die Organisatorinnen und Organisatoren sind jene mit dem «Respect Iftar 2.0»-Hintergrund. Mit dabei auch ein Rabbi, ein Imam und eine Pfarrerin. Mich sehen Sie in der obersten Reihe, Zweite von links.
Screenshot: ahl

Eine junge Christin erzählte, wie sie mit ihren strenggläubigen jüdischen Nachbarn eine schöne Beziehung habe aufbauen können. Es habe gedauert, aber mittlerweile werde sie an Feste eingeladen, ihr Freund, ein Muslim, spiele mit den Kindern der Nachbarn im Hof.

Ein Pensionär sagte, dass er während Corona genug Zeit zum Beten gehabt habe. «Besonders in der Nacht kann ich gut mit Gott sprechen.» «Wann steht ihr denn eigentlich auf während des Ramadan?», fragte jemand in die Runde. Viele verschiedene Antworten folgten, einige machen Nickerchen während des Tages, andere nicht.

Und auch beim Fastenbrechen per Zoom zeigte sich: in jeder Kachel auf dem Bildschirm passierte etwas anderes. Erst beten, dann essen, erst essen, dann beten. Ein Jude sagte danach, er freue sich, zu sehen, dass es alle anders machten, das sei «wie bei uns». Ich dachte an christliche Familien in meinem Umfeld, die alle ihre eigene Weihnachtstradition haben.

Auf den Tisch kamen traditionelle Gerichte. Wir erfuhren, dass ein junger Mann regelmässig seine sudanesischen Verwandten anruft, um nach neuen Rezepten für seine Iftars zu fragen. Eine Muslimin hielt ihre Kamera auf eine dampfende Lasagne. Eine Jüdin lachte und sagte: «Ich esse auch gerade Lasagne!»

Mehr zusammen feiern

Am Ende bedankten sich alle beieinander für die vertraute Atmosphäre und für die Geschichten. «Wir fühlen uns bereichert», sagten viele. Zeitweise waren über 80 Leute aus aktuell oder ursprünglich arabischen und afrikanischen Ländern, aus Israel, den USA und aus der Schweiz zugeschaltet. Für einige bot dieses virtuelle Treffen die erste Gelegenheit, ein Mitglied einer anderen Glaubensgemeinschaft persönlich kennen zu lernen.

Die religiöse Praxis kann Gräben schaffen, sie kann Menschen ausschliessen, einengen, diskriminieren. Sie kann aber auch Gemeinschaft stiften. Über das Interesse am Glauben kann man die Menschen hinter Letzterem besser kennen lernen, auch wenn man selbst nicht gläubig ist. Natürlich kann man das auch, ohne die Religion zu bemühen, aber eben auch, wenn man sich dort mal einhakt.

Ich plädiere deshalb dafür, dass wir an den Feiertagen der «anderen» mehr Anteil nehmen. Einfach mal hingehen, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Fragen, ob man auch kommen darf. Andere zu sich einladen. Vielleicht kommt es uns Vertreterinnen und Vertretern der Mehrheitsgesellschaft dann irgendwann ganz natürlich über die Lippen: «Einen gesegneten Ramadan, «Frohe Chanukka, «Happy Divali.

23 Kommentare
    Oliver Brunner

    Naivität kann manchmal fast schmerzen. Es ist ein Propaganda-Stück für tausendjährige Irrlehren, die schon sehr viel Leid über die Menschheit gebracht haben. Schlussendlich sieht sich jede Religion als "einzig Wahre" an und hat das Ziel, die andere zu überwinden und zum verschwinden zu bringen. Die Toleranz ist immer nur gross, wenn man in der Minderheit ist und sich noch etablieren muss. Hat man aber einmal die Macht, wird das Leben der anderen zu Hölle, das sieht man jetzt im Islam, war aber im Christentum nicht anders...