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Greenfield, Trucker und SeasideEs ist ein sehr langer Rattenschwanz

Die Absage der Festivals im Oberland tangiert viele kleine Exponenten, so Vereine, Institutionen und KMU. Die Seeburg etwa ist gleich doppelt betroffen.

Die grünen Tonnen stehen am Eingang und verteilt über das Festgelände am Greenfield und am Trucker-&-Country-Festival. Sie zu leeren, ist die Aufgabe der Handballgruppe Bödeli.
Die grünen Tonnen stehen am Eingang und verteilt über das Festgelände am Greenfield und am Trucker-&-Country-Festival. Sie zu leeren, ist die Aufgabe der Handballgruppe Bödeli.
Archivfoto: Pascale Amez

Die Absage der grossen Festivals im Oberland – Greenfield, Trucker & Country sowie Seaside – trifft nicht nur die Veranstalter selbst, sondern ganz viele kleinere Vereine, Institutionen und Unternehmer vor Ort. Oder wie es Greenfield-Festival-Geschäftsführerin Iris Huggler gegenüber dieser Zeitung sagte: «Die Absage trifft so viele Leute, es ist ein riesiger Rattenschwanz.»

Der Verein

Diverse Sportvereine – SC Unterseen-Interlaken, Satus oder der EHC Thun – stehen im Juni auf dem Flugplatz im Einsatz. Ein Verein mit vielen Einsatzstunden an den Festivals Greenfield und Trucker & Country ist die Handballgruppe Bödeli (HGB). Bereits seit 2006 wechseln die Bödeler Handballer die Abfallsäcke aus, leeren die Tonnen.

«Wir werden sicher ein, zwei Jahre ohne diese Helferstunden überleben.»

Florian Simmler, Präsident Handballgruppe Bödeli

«Wir organisieren jeweils um die 700 Arbeitsstunden, wovon wir die meisten selber leisten», so Präsident Florian Simmler. 6200 Franken erhält die HGB dafür. Seit Jahren bildet der Handballverein auch Rückstellungen, falls solche Einsätze mal wegfallen sollten. «Deshalb werden wir sicher ein, zwei Jahre ohne diese Helferstunden überleben.»

Dazu komme noch der Einsatz an der Interlakner Gewerbeausstellung (IGA), der 1000 Franken in die Vereinskasse spült und dieses Jahr auch wegfällt. Total würden die ausgefallenen Einsätze circa ein Zehntel des Budgets ausmachen.

«Was uns viel mehr Angst macht, ist die Situation, dass viele Sponsorenverträge auslaufen», so Simmler, «diese machen rund ein Viertel des Budgets aus.» In der aktuellen Situation um Sponsorengelder zu bitten, sei sehr schwierig. Darum verzichte die HGB vorerst auf die Anschaffung eines neuen Vereinsanzugs.

Die soziale Institution

Etwas weniger lang als die HGB ist die Seeburg mit von der Partie. Seit 2015 am Greenfield und seit 2016 am Trucker-&-Country-Festival ist die soziale Institution für das Helfercatering zuständig. Heisst: Im Hangar sorgen sie dafür, dass die Helfer und Mitarbeiter verpflegt werden.

«Das Catering an den zwei Festivals ist für unsere Gastronomie-Abteilung der Grossauftrag des Jahres.»

Adrian Zmoos, Institutionsleiter Seeburg

«Das Catering an den zwei Festivals ist für unsere Gastronomie-Abteilung der Grossauftrag des Jahres», sagt Institutionsleiter Adrian Zmoos. 15 Tage am Greenfield und fünf Tage am Trucker-&-Country-Festival stehen 15 Seeburg-Mitarbeiter im Einsatz. «Sie sind dafür verantwortlich, dass total 1200 Frühstücke, 2000 Mittagessen, 2500 Abendessen und circa 400 Night-Snacks bereitstehen.»

Die Aufräumarbeiten nach den zwei Festivals auf dem Flugplatz übernimmt die Seeburg – ebenso wie das Bewirten der Helfer.
Die Aufräumarbeiten nach den zwei Festivals auf dem Flugplatz übernimmt die Seeburg – ebenso wie das Bewirten der Helfer.
Archivfoto: Bruno Petroni

Was der Ausfall in Franken heisst, will Zmoos nicht konkret sagen. Nur so viel: «Für unser Budget ist es immens.» Weiter fällt auch der Auftrag für die Aufräumarbeiten danach weg. «Während dreier Tage waren 40 Personen von uns im Einsatz», so Zmoos.

Die Seeburg suche intensiv nach anderen Aufträgen für den Gastronomiebereich – etwa bei Tagesschulen oder der Spitex. Denn: «Wir können unseren Gastronomiebetrieb nicht einfach schliessen.» Die Seeburg betreue Menschen, die auf ressourcenorientierte Arbeitsplätze angewiesen seien.

Das KMU

Die Zahlen etwas genauer auf den Tisch legt «Täxeler» Max Giovinetti, Inhaber der Bödeli Taxi GmbH: «Mit der Absage der beiden Festivals entgehen uns fünf Prozent des Jahresumsatzes.» Das Greenfield-Festival sei der wichtigste Anlass des Jahres für das Taxiunternehmen. An zweiter Stelle folgt das Trucker-&-Country-Festival.

«Mit der Absage der beiden Festivals entgehen uns fünf Prozent des Jahresumsatzes.»

Max Giovinetti, Inhaber Bödeli Taxi GmbH

«An einem normalen Wochenende sind vier Wagen gleichzeitig im Einsatz, an den Festivalwochenenden sind es sieben», so Giovinetti. Er beschäftigt 14 Mitarbeiter, die sich 800 Stellenprozente teilen. Dazu kommen freie Mitarbeiter, die aber während der Corona-Krise nicht zum Einsatz kommen, da sie grösstenteils zur Risikogruppe gehören.

«Wir halten uns mit 20 Prozent Kurzarbeit sowie dem Hilfskredit über Wasser.» Neue Einnahmequellen seien nicht gross in Sicht. «Wir haben auch vorher zum Beispiel schon Lieferdienste erledigt, die Nachfrage ging in den letzten Wochen aber zurück», sagt Max Giovinetti.

Die Hotellerie

Das Seaside-Festival in der Spiezer Bucht wäre dieses Jahr zum vierten Mal Ende August über die Bühne gegangen. Es bleibt auch hier bei einem «wäre». Das Open Air wird auf den 3. und 4. September 2021 verschoben. Weil die auftretenden Künstler besser verfügbar sind, erfolgt der Wechsel von August zu September. Letztes Jahr war der August – in Bezug auf die Logiernächte – der stärkste Monat. Wohl nicht nur, aber auch wegen des Seaside.

«Die Zahlen pro Wochenende haben wir nicht, total waren es im August 2019 aber 17’381 Hotellogiernächte in Spiez», sagt Manuel Fischer, stellvertretender Geschäftsführer der Spiez Marketing AG. Für die Relation: Über das ganze Jahr verzeichnete die Gemeinde Spiez 113’500 Hotellogiernächte, der August machte also 15 Prozent aus. Hinzu kommen jährlich 20’000 Übernachtungen in Ferienwohnungen.

«Bei den Hotelübernachtungen fallen auch die nachgelagerten Ausgaben weg.»

Manuel Fischer, stellvertretender Geschäftsführer Spiez Marketing AG

Wie viele Seaside-Besucher auch ein Hotel buchen, kann Fischer nicht genau sagen. Aber: «Wir schätzen, dass während des Auf- und Abbaus sowie des Festivals rund 500 bis 1000 Logiernächte in Hotels und Ferienwohnungen generiert werden.» Die Mehrheit der Besucher schlafe aber zu Hause.

Seaside-Helfer beim Aufbau: Auch von ihnen übernachten einige in Hotels oder Ferienwohnungen rund um Spiez.
Seaside-Helfer beim Aufbau: Auch von ihnen übernachten einige in Hotels oder Ferienwohnungen rund um Spiez.
Archivfoto: Jürg Spielmann

Das Seaside gilt als stilvolles Festival, die Wertschöpfung ist laut Fischer gross. Und die Absage trifft auch hier nicht nur einen Player: «Bei den Hotelübernachtungen fallen auch die nachgelagerten Ausgaben weg», so Fischer. Und präzisiert: «Zum Beispiel gibt es dann auch keine Bäckerbestellung fürs Frühstück im Hotel oder keine Schlossbesuche am nächsten Tag.» Auch lokale Lieferanten und Partner treffe die Festivalabsage: den Rebbau Spiez etwa, der gemäss Fischer mehrere Hundert Flaschen Festivalwein liefert.