Der grosse Abend der Skandalnudel

Mario Balotelli hat mit seinem Doppelpack gegen Deutschland die Squadra Azzurra in den EM-Final geschossen – ausgerechnet das Enfant terrible des italienischen Fussballs.

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Florian A. Lehmann@tagesanzeiger

Es bleibt dabei: Deutschland kann Italien in einem grossen Turnier nicht bezwingen – nach der bitteren 1:2-Niederlage von Warschau ist das nun zum achten Male passiert. Der Matchwinner, der die Azzurri ins Finale gegen Spanien am Sonntag in Kiew führte, heisst Mario Balotelli. Balotelli traf mit dem Kopf in der 20. Minute, als die deutschen Verteidiger Mats Hummels respektive Holger Badstuber mit ihren Gedanken schon im Urlaub am Schwarzen Meer weilten. Und er erzielte 16 Minuten später wuchtig das 2:0, als der schnelle Stürmer von einem superben Pass von Riccardo Montolivo profitierte. Erneut hatte der Zuschauer das Gefühl, dass die Abwehr um Philipp Lahm nicht ganz bei der Sache war. In der 70. Minute war der Arbeitstag Balotellis zu Ende, und der Matchwinner wurde durch Antonio di Natale ersetzt.

Für einmal zeigten sich die Italiener ungemein effizient, zumindest in der ersten Halbzeit. Deutschlands Captain Lahm erklärt gegenüber dem deutschen Staatssender ARD selbstkritisch: «Diese Niederlage ist bitter. Aber wir machten dumme Fehler und leiteten damit die Gegentreffer ein. Wir haben viel Potenzial in dieser Mannschaft. Aber wenn man in gewissen Situationen nicht clever ist, verliert man solch wichtige Spiele.»

Exzentrisch, faul und unberechenbar

Also ausgerechnet Balotelli mit seinen Endrunden-Toren 2 und 3 sorgt dafür, dass die Squadra Azzurra das Endspiel erreicht – und nicht die viel gerühmte DFB-Auswahl von Jogi Löw. Der 21-jährige farbige Italiener gilt als die Skandalnudel schlechthin. Schon thunertagblatt.ch/Newsnetz hat ihn nach dem 1:1 der Italiener gegen Spanien mit dem Titel «Wenn sich Genie und Wahnsinn ablösen» beschrieben. Die intellektuelle «Zeit» widmete dem «Bad Boy» von Manchester City einen grossen Artikel mit der Überschrift: «Mario Balotelli – der Anarchist mit dem Hahnenkamm».

Das ist nicht übertrieben: Balotelli gilt als exzentrisch, eigenwillig, faul und unberechenbar, als ein Fussball-Profi mit allen negativen Aspekten, was das Benehmen auf und neben dem Platz betrifft. Seine Eskapaden sind zahlreich, egal ob als Arbeitnehmer von Inter oder von Manchester City. Er hat schon unerlaubterweise ein Frauengefängnis in Italien besucht, hat sich schon mit dubiosen Typen aus der Unterwelt umgeben.

Der Sohn ghanaischer Einwanderer hat es aber auch nicht immer einfach: Er wird oft wegen seiner Hautfarbe beschimpft, in Italien, England oder an der EM in Osteuropa. Oft ist er auch im Club oder im Nationalteam isoliert. «Würde Balo endlich erwachsen werden, könnte er einer der besten Spieler sein», sagt Citys Trainer Roberto Mancini über sein grosses Talent, weiss aber auch, wie schwierig der Charakter seines fussballerischen Ziehsohnes ist.

Die EM als Wendepunkt?

Aber es könnte durchaus sein, dass gerade dieses Turnier der Wendepunkt in der Karriere von Balotelli sein könnte. Dass er ein aussergewöhnlicher Fussballer ist, hat er schon mehrmals bewiesen, auch in der Premiere League. Seine 17 Treffer in 32 Partien in der vergangenen Saison haben mitgeholfen, dass die Citizens Champion auf der Insel wurden. Dass er zu Recht von Cesare Prandelli in die Squadra aufgenommen wurde, bestätigt die Wundertüte an der Euro 2012. Mittlerweile hat er drei Treffer erzielt, hat gezeigt, dass er punkto Technik und Explosivität schon zu den Besten der Branche gehört. Und vor allem gegen England bewies er, wie sehr er sich für sein Land einsetzen kann.

Ist das nun der Beginn einer grossen Laufbahn für Mario Balotelli?, wird Italiens Coach nach dem Halbfinal gefragt. «Nein, diese Karriere wird später erst so richtig beginnen», schmunzelt der integere Allenatore. Mit anderen Worten: Prandelli erwartet noch viel von seinem keineswegs pflegeleichten Schützling. Italiens Coach – der mit Abstand populärste Mann in der Heimat – lenkt sofort vom Thema Balotelli ab: «Wir sind als Team aufgetreten und haben in einem tollen Spiel als Mannschaft den Final erreicht.» Im Hinblick auf den Sonntag sagt der Trainer: «Spanien ist der Favorit. Aber wir werden es irgendwie schaffen.»

Vielleicht dank Super Mario. Nicht Mario Gomez, sondern Mario Balotelli.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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