Deutschlands miserable Bilanz gegen den Angstgegner

Ginge es nach der Statistik bei grossen Turnieren, so bräuchte Deutschland im heutigen EM-Halbfinal von Warschau gegen Italien gar nicht erst anzutreten.

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Florian A. Lehmann@tagesanzeiger

«Welt online» hält die Vergleiche zwischen Deutschland und Italien an EM und WM mit dem alarmierenden Titel fest: «Grausame Bilanz gegen Italien». In der Tat muss Germaniens Fussballnation vor dem grossen Halbfinal-Duell in Polens Kapitale festhalten: Gegen keine andere europäische Nationalmannschaft haben Deutschlands Fussballer eine so miserable Statistik aufzuweisen wie gegen die Azzurri.

Wobei wir hier anmerken müssen: Gut für die Bundesrepublik, dass die DDR nicht mehr existiert. Denn beim einzigen Vergleich der beiden deutschen Nationen schwang an der WM 1974 in Hamburg der Arbeiter- und Bauernstaat aus dem Osten dank des Treffers von Jürgen Sparwasser mit 1:0 obenaus. Es war der Beginn eines Höhenflugs für den Gastgeber, der letztlich mit dem Titel endete. Die 2:3-Niederlage der westdeutschen Auswahl um Ottmar Hitzfeld gegen die Staatsamateure der DDR an Olympia 1972 in München hat keine Aufnahme in die offiziellen Statistiken gefunden.

Zürich als deutsche Hoffnung

Doch zurück zur Aktualität: Bei sieben Vergleichen an einer EM oder WM konnte Deutschland gegen Italien nie gewinnen. Der letzte Erfolg einer DFB-Auswahl liegt 17 Jahre zurück, war aber nicht mehr als ein Freundschaftsspiel. Am 21. Juni 1995 setzte sich Deutschland gegen Italien im Rahmen der Schweizer Verbandsfeierlichkeiten mit 2:0 durch – im Zürcher Letzigrund.

An grossen Turnieren jedoch gab es für die Deutschen bloss vier Remis und drei Pleiten. Die Niederlagen schmerzten ungemein: Italien jubelte nach dem 3:1-Finalsieg an der WM 1982 in Madrid, Italien freute sich nach den Halbfinal-Dramen 1970 in Mexiko-Stadt (4:3 nach Verlängerung) sowie 2006 in Dortmund (2:0 nach Zusatzschicht). Schon wegen dieser Erinnerungen ist man nördlich von Lörrach überzeugt: Es ist nun an der Zeit, diese unsägliche Serie zu stoppen.

Die Ansicht des Kaisers und des Berglers

Vor grossen Knüllern auf dem Rasen meldet sich jeweils der allmächtige Fussball-Kaiser zu Wort. «Italien ist unser Angstgegner bei Turnieren», hat Analyst Franz Beckenbauer sachlich festgestellt. Das wohl berühmteste Individuum aus dem Freistaat Bayern fügt in unbeschwertem Ton zu: «Aber diesmal kann uns der Gegner eigentlich egal sein.» Schützenhilfe erhält Beckenbauer vom prominenten Berner Bergler Adolf Ogi. Gegenüber der Sportinformation erklärt der Alt-Bundesrat und ehemalige Direktor des Schweizerischen Ski-Verbandes aus Kandersteg: «Deutschland gewinnt den Halbfinal gegen Italien mit 2:1.»

Beckenbauers Worte und Ogis Prognose nimmt man südlich von Chiasso lächelnd und mit Grandezza zur Kenntnis. Denn die Tifosi wissen schon längst: Die Squadra Azzurra verblüfft immer dann an Turnieren, wenn ein Skandal im Calcio die Runde macht oder wenn die weltweite Öffentlichkeit überhaupt nicht mit ihr rechnet. Trainer Cesare Prandelli hat mittlerweile eine Formation zusammengebastelt, die im Osten Europas in kollektiver Hinsicht gefällt und punkto Offensivgeist überrascht.

Der gegenseitige Respekt vor dem heutigen Knüller ist gross. Die Statistik wohl wissend im Kopf, erklärt Deutschlands Stürmer Miroslav Klose dennoch keck: «Wir haben uns gut vorbereitet. Italien kann kommen.» Diese Aussage wird Torhüter-Ikone Gianluigi Buffon kaum beeindrucken. Er wird sich sagen: «Darauf können Sie wetten, Signor Klose.»

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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