«Die Spanier waren einfach besser»

Hintergrund

Für einmal sind sich nach diesem EM-Final in Kiew Sieger und Verlierer einig gewesen: Spanien hat nach dem 4:0-Erfolg gegen Italien verdient den Titel geholt.

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Florian A. Lehmann@tagesanzeiger

La Furia Roja hat nun das erreicht, was viele prophezeit hatten: Spanien ist nach dem klaren Finalsieg gegen Italien die erste Mannschaft, die drei Titel in Folge bei bedeutenden Turnieren gewinnen konnte. Spätestens nach dem verletzungsbedingten Ausfall des nur vier Minuten zuvor eingewechselten Italieners Thiago Motta (Oberschenkelzerrung) stand der Sieger fest. Die Spanier liessen mit einem Mann mehr auf dem Arbeitsfeld Ball und Gegner laufen, sie hatten die dezimierten Azzurri im Griff und spielten mit ihnen teilweise Katz und Maus – zum Leidwesen für den neutralen Beobachter, der 61 Minuten lang einen guten, abwechslungsreichen EM-Final gesehen hatte. Die beiden Tore durch David Silva und Jordi Alba in der ersten Hälfte waren glänzend herausgespielt worden. Die Goals der Jokers Fernando Torres und Juan Mata durften als Zugaben gewertet werden, verdienten aber ebenfalls das Prädikat «sehenswert». Die beiden Goals zum 3:0 und 4:0 zeigten deutlich, wie stark die Ersatzbank des Titelverteidigers besetzt war respektive ist. Torres hatte dabei beide Male seine Füsse im Spiel und schnappte sich an diesem Abend zusätzlich die Torschützen-Krone der Euro 2012.

Vielleicht hätte dieses Endspiel einen anderen Verlauf genommen, wenn der eingewechselte Antonio Di Natale kurz nach der Pause seine beiden Chancen verwertet hätte. Aber nicht zum ersten Mal an diesem Abend legte der gewohnt sichere Iker Casillas sein Veto ein. Der Schlussmann von Real Madrid und die stabile Abwehr sorgten dafür, dass Spanien nun seit fast 1000 Minuten in einem K.o.-Spiel keinen Gegentreffer erhielt – eine unglaubliche Statistik. Der letzte, der in einem K.o.-Duell an einem grossen Turnier gegen Spanien hatte jubeln können, war Zinédine Zidane beim 3:1-Sieg von Frankreich im Achtelfinal an der A-WM 2006 in Deutschland gewesen.

Das Lob des Verlierers

Cesare Prandelli, der erstmals ein Pflichtspiel als Coach der Italiener verlor, zeigte sich vor der TV-Kamera als fairer Verlierer. «Unsere Strategie war richtig. Aber man kann gegen diese starken Spanier nur ankommen, wenn man sie nicht durchlässt. Aber das ist uns eben nicht gelungen. Wir kämpften so gut, wie wir konnten.» Trotz der Enttäuschung glaubt der Allenatore an eine gute Zukunft der Azzurri: «Wir haben das Wunder nicht geschafft, trotzdem haben wir hier Fantastisches geleistet. Wir werden weiter wachsen. Aber wir müssen der Mannschaft auch Zeit geben.» Nach diesen Ausführungen schritt er auf den Rasen und tröstete seine Schützlinge.

Ein dickes Kompliment an den Turniersieger kam auch aus dem Munde von Gianluigi Buffon. Der italienische Routinier und Keeper, bei allen Gegentreffern schuldlos, meinte gefasst: «Im Leben muss man manchmal akzeptieren, dass es bessere Teams gibt. Gratulation an Spanien. Den Unterschied machte, dass sie viele Spieler in der Mannschaft hatten, die es sich gewohnt sind, grosse, wichtige Partien zu bestreiten. Sie waren einfach besser als wir. Und vielleicht waren wir heute Abend einfach nicht so in Form wie in den Spielen zuvor.» Für Buffon dürfte es das letzte grosse Turnier im Trikot Italiens gewesen sein.

Der Abend von Alba und Silva

Natürlich war die Stimmung bei den Siegern ganz anders. Torschütze Jordi Alba meinte stellvertretend für seine Teamkollegen: «Es ist wunderbar, den Titel verteidigt zu haben. Geschichte haben wir schon in der Vergangenheit geschrieben. Ich bin unfassbar glücklich. Nach und nach werden wir nun fassen, was passiert ist. Es war ein tolles Turnier, so wie wir es erwartet hatten. Schön, dass ich ein Tor machen konnte. Eigentlich war ich ja nicht mal für das Turnier vorgesehen», schmunzelte der Verteidiger von Valencia, der zum FC Barcelona wechseln wird. Mit David Silva hatte ein anderer Profi, der bei Valencia gespielt hatte, das wichtige Führungstor erzielt. Der Mittelfeldakteur hatte schon bei Englands Meister Manchester City eine wichtige Rolle eingenommen. Das 1:0 gegen Italien war indessen bereits sein 18. Goal im 64. Einsatz für Spanien.

Trainer Vicente del Bosque, der nach dem WM-Titel in Südafrika nun auch die EM-Trophäe holte, war die Anstrengung der letzten Tage und Wochen anzusehen. Der Erfolgstrainer hielt gegenüber dem ZDF-Reporter fest: «Der Ballbesitz ist nun mal unser Stil. Heute spielten wir dominant und offensiv. Das führte schliesslich zum Erfolg.»

Der Erfolg des Kollektivs

Auch Casillas, der einmal mehr souverän auftrat und im ganzen Turnier nur einen Treffer kassierte, stand beim Interview unter Anspannung. «Wir hielten den Ball sehr gut in unseren Reihen, eroberten diesen auch sofort wieder, wenn wir ihn verloren hatten. Und dann nutzten wir die Torchancen resolut aus.» Der Goalie, der die attraktive Sportreporterin und Verlobte Sara Carbonero bald heiraten wird, vergass nicht, ein Kompliment an seine Vorderleute auszusprechen. «Die Defensive stimmt bei uns. Der EM-Titel ist aber ein Verdienst der gesamten Mannschaft.»

Wie wahr, Señor Casillas, wie wahr.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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