Italiens Coach widerspricht Pirlo

Vor dem Halbfinal zwischen Deutschland und Italien stellt sich die Frage: Wer hat mehr Angst vor wem?

Nicht immer gleicher Meinung: Italiens Coach Cesare Prandelli und sein Spielmacher Andrea Pirlo

Nicht immer gleicher Meinung: Italiens Coach Cesare Prandelli und sein Spielmacher Andrea Pirlo

(Bild: Keystone)

Thomas Niggl@tagesanzeiger

Anführer, Architekt, genialer Stratege: In Italien gilt Andrea Pirlo als die Seele der Squadra Azzurra. Für die Deutschen ist er immer noch ein Schreckgespenst. Der Spielmacher, der mit seinem lässigen Elfmeterlupfer mitten ins Tor im Penaltyschiessen den englischen Keeper Joe Hart gedemütigt hat, bestrafte auch die Deutschen an der Weltmeisterschaft 2006 mit einem genialen Pass, den Fabio Grosso damals in der 119. Minute verwertete. Es war das Aus im Halbfinal für den damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Pirlo sieht darin auch für den heutigen Halbfinal einen psychologischen Vorteil.

«Die Deutschen haben Angst vor uns. Sie wollen unbedingt ein zweites 2006 verhindern», sagte Pirlo an der Pressekonferenz am Dienstag. Trotzdem verspürt er einen grossen Respekt. «Seit der WM 2006 haben sie einige Spieler gewechselt, aber die Formation ist dieselbe geblieben – ebenso ihre Stärke und der Siegeswille», sagte Pirlo, der geradezu angetan ist von Mesut Özil. «Deutschland hat viele Top-Spieler, aber ich denke, Özil ist sehr wichtig, genau wie für Real Madrid», so der 33-jährige Altmeister von Meister Juventus Turin. «Deutschland ist vor allem offensiv eine grössere Bedrohung für uns als England.»

Italiener beklagen sich über zu wenig Erholungszeit

Genau wie sein Trainer Cesare Prandelli kritisiert Pirlo, dass die italienischen Spieler zwei Tage weniger Erholung haben als die Deutschen. «Zwei Tage sind eine lange Zeit. Die EM sollte länger dauern. Aber natürlich werden wir alles geben.» Die Qualität, um Deutschland zu schlagen, habe die Squadra Azzurra seiner Meinung nach auf jeden Fall, sagt Pirlo. «Unser Mittelfeld ist auf dem Niveau der Spanier. Das haben wir zuletzt bewiesen.»

Was die deutsche Psyche angeht, ist Prandelli allerdings anderer Meinung als Pirlo. «Ich glaube nicht, dass die Deutschen Angst haben werden. Die Statistik wird keine grosse Rolle spielen. Diese Mannschaft ist gewachsen und gefestigt, sie tritt mit viel Selbstvertrauen an», sagte der 54-Jährige einen Tag vor der Begegnung in Warschau. Bislang hat Deutschland bei einem grossen Turnier noch nie gegen Italien gewonnen.

Respekt, aber keine Angst

Respekt zeigt Prandelli vor dem deutschen Pressing. «Wir dürfen uns nicht zurückziehen, dürfen die Deutschen nicht Druck ausüben lassen. Das könnte die Arbeit der vergangenen zwei Jahre infrage stellen», erklärt der Allenatore, der den Deutschen das eigene Spiel aufzwingen will: «Wir sind sicher, dass wir unser Spiel aufziehen können. Wir sind absolut von uns überzeugt.»

Mitwirken wird auch Mittelfeldspieler Daniele De Rossi, der trotz Rückenbeschwerden auflaufen will. «Niemand möchte solche Spiele verpassen. Vor allem nicht, wenn es der Klassiker gegen Deutschland ist und es um den Final geht», sagte der 28-Jährige vom AS Rom, der schon im WM-Halbfinal von 2006 dabei war. «Damals waren auch alle sicher, dass Deutschland gewinnt. Wenn wir schon als geschlagen gelten, könnte das wieder ein historisches Spiel werden», sagte De Rossi.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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