«Löws Angst hat das deutsche Spiel zerstört»

Einen Satz von Italiens Coach Cesare Prandelli bewerten viele Experten als treffende Analyse für das Spiel zwischen Italien und Deutschland.

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Thomas Niggl@tagesanzeiger

«Löw hatte einen neuen Plan, wir unser Konzept, das wir erneut durchzogen», sagte der Italiener nach dem 2:1-Sieg. Bundestrainer Jogi Löw hat seine Mannschaft im Halbfinal gegen Italien wieder einmal umgekrempelt. Doch diesmal hat er sich verzockt, wie Experten gegenüber thunertagblatt.ch/Newsnetz erklären. «Als ich die Aufstellung der Deutschen sah, habe ich mir gesagt: ‹Mensch Jogi, was machst du bloss? Wenn das nur gut geht›», sagt Erich Vogel, der ehemalige Sportchef von GC, FCZ und FC Basel. In der Tat: Löw änderte wieder einmal ein siegreiches Team, das die Griechen im Viertelfinal mit 4:2 geschlagen hatte. Mit Miroslav Klose und Marco Reus setzte er zwei Spieler auf die Bank, die gegen Griechenland je ein Tor erzielt hatten. Auch André Schürrle musste über die Klinge springen. Löw brachte Mario Gomez für Klose, Lukas Podolski für Reus und Toni Kroos für Schürrle, obwohl Kroos bisher noch nie von Beginn an spielte.

«Wenn schon, hätte sich Özil um Pirlo kümmern sollen»

«Löw hat Kroos auf Pirlo angesetzt, weil er vor dem italienischen Spielmacher zu viel Respekt und Angst hatte», sagt Vogel. Diese taktische Massnahme habe sich als kontraproduktiv erwiesen und das deutsche Spiel zerstört. «Kroos hat sich nur um Pirlo gekümmert, für das Spiel jedoch überhaupt nichts gemacht», erklärt Vogel. Deshalb seien vor allem auf der rechten Seite Löcher entstanden, in die Özil und Khedira dann hätten laufen müssen. Das ganze Mannschaftsgefüge habe deshalb nicht mehr gestimmt. «Einen Pirlo kann man niemals ganz ausschalten. Wenn man ihn schon in die Manndeckung nimmt, dann muss man das mit einem Spieler machen, der kreativ ist. Pirlo macht in der Defensive praktisch nichts. Özil hätte das von seinen Fähigkeiten in der Offensive her viel besser als Kroos ausnützen können.»

«Einen so schlechten Schweinsteiger habe ich noch nie gesehen»

Erstaunt hat Vogel auch, dass Löw Schweinsteiger nicht ausgewechselt hat. «Er war unterirdisch schwach. Einen so schlechten Schweinsteiger habe ich noch nie gesehen», stellt der Experte fest. Doch Löw habe sich in Sachen Schweinsteiger in etwas hineingesteigert. «Als Schweinsteiger nach dem Spiel gegen die Griechen kritisiert wurde, weil er seine schwache Leistung im Nachhinein auch noch mit einer Verletzung begründete, hat ihn Löw aus der Schusslinie genommen und ihn demonstrativ stark gemacht. Deshalb hat er sich dann nicht mehr getraut, Schweinsteiger spätestens in der Pause aus dem Spiel zu nehmen», sagt Vogel, der einst das Bundesligadiplom mit der Bestnote abschloss. Vogel räumt aber ein: «Löw kann natürlich nichts dafür, wenn sich Hummels mit einem individuellen Fehler, ja mit einem Anfängerfehler, vor dem Kopftor von Balotelli so ausspielen lässt.»

«Auch wenn Löw jetzt vor allem in den deutschen Medien relativ glimpflich davonkommt und bisher noch geschont wird, Fakt ist: Diesmal hat er sich mit seinem Pokerspiel verzockt», sagt Bundesliga-Experte Jörg Stiel. Auch er kann die ständigen Rotationen Löws nicht nachvollziehen. «Löw geht offenbar davon aus, dass es eigentlich egal sei, wer spielt, weil die Qualität seiner Spieler so gross ist. Aber das ist ein Irrtum.» Für Stiel ist es unverständlich, dass Löw Schweinsteiger so lange zugeschaut hat. «Bisher konnte ein starkes Kollektiv Schweinsteiger mittragen. Doch im Spiel gegen die Italiener hatten einige mit sich selber so grosse Probleme, dass das nicht mehr möglich war.»

«Beim ersten Tor hätte Hummels das Zentrum nie verlassen dürfen»

Löw hätte laut Stiel im Übrigen niemals Klose, Schürrle und Reus aus dem Team nehmen dürfen. «Reus und Schürrle sind sehr schnell und hätten die italienische Abwehr über die Seite aufreissen können. Dass Löw Kroos brachte, kann ich schon gar nicht verstehen. Er stand an diesem Turnier zuvor in vier Spielen noch nie in der Startelf.» Stiel kritisiert auch die Aufgabenverteilung der deutschen Abwehr. «Beim ersten Tor hätte Hummels nie das Zentrum verlassen dürfen. Dann wurde er auf der Seite von Cassano zum Statisten gestempelt. Und in der Mitte, wo Hummels Badstuber hätte unterstützen können, fiel dann prompt das Kopftor durch Balotelli.»

«Löws Rotationen haben die Mannschaft verunsichert»

Ciriaco Sforza nimmt Löw etwas in Schutz: «Man darf nicht vergessen, dass die Deutschen die ersten beiden Torchancen hatten. Hätten sie diese genutzt, wäre das Spiel ganz anders gelaufen.» Doch auch der ehemalige GC-Trainer kann die Nomination von Kroos nicht verstehen. «Die Deutschen überzeugten bisher mit Angriff- und Tempofussball. Doch diesmal waren sie eindeutig zu passiv Kroos hat sich fast ausschliesslich um Pirlo gekümmert und für die Offensive ausser zwei, drei Weitschüssen nichts gemacht. Das war eine passive Haltung, die sich irgendwie auf die ganze Mannschaft ausgewirkt hat.» Sforza ist auch der Ansicht, dass Löw mit seinen Rotationen die Mannschaft verunsichert habe. «Löw wird das EM-Out erklären und die Verantwortung übernehmen müssen.»

«In ihren Augen konnte man den absoluten Siegeswillen erkennen»

«In einem Turnier hat man so viele Spiele, dass ein Trainer um gewisse Rotationen gar nicht herumkommt», sagt der ehemalige YB-Erfolgstrainer Martin Andermatt. Deshalb könne er die Wechsel von Jogi Löw durchaus nachvollziehen. Andermatt macht vielmehr den deutschen Spielern einen Vorwurf. «Als die italienische Nationalhymne ertönte, haben die Spieler geradezu inbrünstig mitgesungen. In ihren Augen konnte man den absoluten Siegeswillen erkennen», so Andermatt. Und so entschlossen seien die Italiener dann auch ins Spiel gegangen. «Sie haben die Zweikämpfe kompromisslos geführt und waren sehr aggressiv.» Die Deutschen seien in die Partie gegangen mit dem Gedanken «Das schaffen wir irgendwie schon». Und dann hätten sie nach dem Führungstor der Italiener einfach keine Lösungen mehr gefunden.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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