Mit Talent – und manchmal auch Newtons Hilfe

Unprätentiös, leise und fast nicht vom Ball zu trennen: Der WM-Siegtorschütze Andrés Iniesta prägt den Spielstil der Spanier.

Stark am Ball: Andrés Iniesta verkörpert den spanischen Fussball-Stil.

Stark am Ball: Andrés Iniesta verkörpert den spanischen Fussball-Stil.

(Bild: Reuters)

Am Vorabend der Abreise sah Andrés Iniesta den Film seines Lebens noch einmal vor sich vorüberziehen. Auf einer Leinwand in der Sportstadt des spanischen Fussballverbandes RFEF, in Las Rozas gelegen, 30 Kilometer vor den Toren Madrids. «Campeones», zu Deutsch: Meister, hiess der Dokumentarfilm, der den spanischen Nationalspielern vor der Abreise zur Europameisterschaft gezeigt wurde und einen Weg nachzeichnet, der ihnen unvergesslich ist: den Weg zum WM-Titel 2010.

«Wir alle hatten diesen Traum», sagt Iniesta in dem Film, unprätentiös, leise, schmunzelnd, schüchtern, verlegen. Als wäre nicht er es gewesen, der eben diesen Traum erfüllte, der ein ganzes Land zum Tanzen brachte. An diesem Sonntagabend bestreitet Iniesta mit der spanischen Nationalelf den dritten Turnierfinal innerhalb von vier Jahren - und steht damit vor der Chance, die eigene Legende noch viel grösser zu machen, als sie jetzt schon ist. Gegen Italien, den Vorrundengegner Nummer eins.

Er habe nie bereut, in Johannesburg den Treffer seines Lebens erzielt zu haben. «Ich hoffe lediglich», sagt Iniesta, «dass man von mir mehr in Erinnerung behält als dieses eine Tor.» Dass er den Treffer immer wieder hat beschreiben müssen und vermutlich immer wieder beschreiben muss, das nimmt er freundlich lächelnd hin. Er spult dann einfach sein Leben zurück und beginnt zu schildern, wie Cesc Fàbregas ihm den Ball zuspielt, der Ball auf dem Boden aufsetzt und «Newton auftaucht». Er habe, sagt Iniesta dann, «nur warten müssen, denn ich wusste, dass die Gesetze der Schwerkraft greifen und ich den Ball richtig treffen, dass es ein Tor sein würde.» Ein Tor für die Ewigkeit.

Wie im Trickfilm

Bei dieser EM läuft er einem Tor noch hinterher. Doch andererseits hat er sich stets für die besonderen Momente aufbewahrt. Gleichwohl war Iniesta in Polen und der Ukraine eine der auffälligsten Figuren des Titelverteidigers. Er schleppt nicht umsonst zwei dieser seltsamen Zapfhähne mit sich herum, mit denen ein Sponsor den jeweils besten Spieler der Partie auszeichnen lässt. Die erste Trophäe erhielt Iniesta nach dem Auftaktspiel gegen Italien.

Doch was fast noch mehr in die Vorstellungswelt der Spanier eindrang als sein brillanter Vortrag an sich, war eine Fotografie. Ein Bildreporter hielt fest, wie ihn fünf italienische Verteidiger umringten - und irgendjemand fand eine analoge Szene aus der japanischen Manga-Serie «Captain Tsubasa», die in Spanien unter dem Titel «Oliver y Benji» firmiert und die Geschichte eines Jungen erzählt, dessen bester Freund der Ball war. Wie Iniesta im realen Leben war auch die Zeichentrickfigur von Feinden umringt, wie Iniesta setzte sie sich durch, mit schwebender Leichtigkeit.

«Dieser Vergleich ist schon witzig», amüsierte sich Iniesta, der die Serie zwar sah, aber wohl doch ein paar Jahre zu alt war, um ein echter Fan von «Oliver y Benji» zu werden. Denn als sie im Fernsehen lief, war er längst auf dem Sprung ins erste Team des FC Barcelona.

Kampf gegen die Geschichte

Dass er dies schaffte, war das Resultat einer unglaublichen Zähigkeit. Die Scouts Barcelonas (und Real Madrids) waren auf den Jungen aus Fuentealbilla, einem kleinen Ort zwischen Albacete und Valencia, aufmerksam geworden, als Iniesta gerade einmal zwölf Jahre alt war. Auch Real Madrid wollte ihn haben, doch in seinem Kinderzimmer hingen die Poster rot-blau gewandeter Helden: Josep Guardiola und Michael Laudrup. Als er schliesslich in das Jugendinternat Barcelonas umzog, weinte er zunächst nachts und tagsüber. Aber er hielt durch und schulte sich bis zur Perfektion. 1999 zwang Pere Guardiola seinen Bruder Pep zu einem Jugendturnier, weil er etwas gesehen hatte, was Pep hernach in legendäre Worte packte: «Heute habe ich einen Spieler gesehen, der das Spiel besser interpretiert als ich.»

Drei Jahre später wurde Iniesta von Louis van Gaal erstmals in der ersten Mannschaft Barcelonas eingesetzt. Seitdem hat er alle Titel gewonnen, die ein Fussballer auf dem Feld erringen kann. Jetzt bleibt nur noch der Kampf gegen die Geschichte. Denn wenn Spanien siegt, wird sie die erste Nationalmannschaft sein, die zwei kontinentale und einen WM-Titel in Serie gewinnt.

Dass nicht wenige Hoffnungen der Spanier auf Iniestas Kunst ruhen, liegt nicht nur an seiner Turnierleistung, sondern auch daran, dass er im System von Vicente del Bosque einen ungleich angenehmeren Lebensraum vorfindet als sein kongenialer Mannschaftskamerad Xavi Hernàndez. Beim FC Barcelona zieht ein gewisser Argentinier namens Lionel Messi alle Bälle an sich; in der Nationalelf hat Iniesta eine ungleich grössere Freiheit, den Abschluss selbst zu suchen.Hätte er einige seiner Chancen genutzt, wären die Debatten um den Stil der Spanier vielleicht nicht so heftig ausgefallen. Iniesta selbst hat sie mit Unverständnis verfolgt. «Eine Niederlage ist niemals ein Fiasko», sagte er der Zeitung «El País». «Ein Fiasko wäre es, wenn wir auf unseren Stil verzichten würden, wenn wir nicht mit unseren Waffen kämpften, das Feld nicht leer vor Anstrengung verlassen würden … Doch das wird nicht geschehen», sagte er.

Auch nicht in diesem Final gegen Italien.

Tages-Anzeiger

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