Standpunkt: Ein gutes, aber kein überragendes Turnier

Insgesamt übertraf die EM am östlichen Rand Europas die Erwartungen. Die zahlreichen Befürchtungen, die im Vorfeld geäussert worden waren, erwiesen sich als unbegründet

Fabian Ruch

Die Spanier bleiben die Könige des Weltfussballs. Der Europameister 2008 und Weltmeister 2010 triumphierte auch an dieser EM. Verdient. Und im Final gegen Italien souverän und überlegen. Spanien war in der letzten Begegnung des Turniers noch einmal zu einer deutlichen Leistungssteigerung fähig, nachdem die Mannschaft in den letzten Wochen nicht immer restlos überzeugt oder gar brilliert hatte. Im Halbfinal gegen Portugal und den stärksten Einzelspieler Cristiano Ronaldo hatten die Spanier stark leiden müssen und sich erst im Elfmeterschiessen durchgesetzt. Aber Glück und Nervenstärke sind stets auch wertvolle Begleiter erfolgreicher Teams.

Die spanische Jahrhundertmannschaft ist immer noch hungrig, sie ist eingespielt, sehr stabil und erhält kaum Gegentore. In der Offensive sind die Spanier mit ihrem Kurzpassfussball zwar einfach auszurechnen. Eigentlich. Aber dennoch gelingt es den Ballartisten um Spielgestalter Xavi, Stratege Xabi Alonso sowie den überragenden Vorbereiter Andrés Iniesta immer wieder, mit Ruhe und Geduld, Selbstvertrauen und Spielkontrolle eine Lücke im gegnerischen Bollwerk zu finden. Weil nahezu jeder spanische Feldspieler in der Lage ist, ein Tor zu erzielen, fiel sogar der verletzungsbedingte Ausfall des Torjägers David Villa kaum ins Gewicht. Der Siegeszug der Spanier muss jedenfalls keineswegs zu Ende sein. Auch in Zukunft werden sie nur schwierig zu bezwingen sein. Die Italiener dagegen erreichten zwar verdient den Final. Dort aber wurden ihre Limiten schonungslos aufgedeckt. In der Vorrunde hatten sie Spanien im wohl besten Turnierspiel noch ein 1:1-Unentschieden abgetrotzt.

Die Euro 2012 war sportlich gesehen ein gutes, aber kein überragendes Turnier.Insbesondere in der Endphase der Veranstaltung dominierte oft die Vorsicht. Viele Teams bewegten sich auf Augenhöhe, es entschieden Details, Elfmeterschiessen oder individuelle Glanzauftritte wie jener des italienischen Stürmers Mario Balotelli im Halbfinal gegen Deutschland. Es war ein schönes Zeichen, setzten sich im Viertelfinal mit Spanien, Italien, Portugal und Deutschland jene vier Teams durch, die eine optimistische, offensive Spielweise pflegen. Taktisch jedoch gab es keine Revolutionen zu verzeichnen. Der Trend zu immer weniger Angreifern und immer mehr Mittelfeldspielern wurde bestätigt. Und so war es kein Zufall, reüssierten die ohne echten Zentrumsstürmer agierenden Spanier. Die Italiener spielten als einziges Team konsequent mit zwei Sturmspitzen.

Wer das Zentrum des Spielfelds beherrscht, hat den Gegner meistens im Griff. Viele Teams suchten den Weg zum Tor oft durch die dichte Mitte – und dennoch fielen signifikant viele Treffer nach Kopfbällen. Und: Die modernen Konzepttrainer können zwar fast alles planen und vorbereiten, aber es wird im Fussball immer auch Zufälle und Geniestreiche und Situationen, die nicht vorhersehbar sind, geben. Das ist sehr gut so – und macht letztlich einen erheblichen Teil der Fussballfaszination aus.

Insgesamt übertraf die EM am östlichen Rand Europas die Erwartungen. Die zahlreichen Befürchtungen, die im Vorfeld geäussert worden waren, erwiesen sich als unbegründet – oder mindestens als übertrieben. Polen und die Ukraine waren fähige, würdige, gastfreundliche Austragungsländer. Natürlich funktionierte vieles anders als in Westeuropa, selbstverständlich brauchte es für die ausländischen Gäste gerade im Transportbereich einige Geduld – aber man darf ein positives Fazit dieser Euro ziehen, selbst wenn weniger Fans als in früheren Jahren ihre Teams begleiteten. Leider wurde es aber zum Beispiel vom Europäischen Fussballverband verpasst, auf unhaltbare Zustände in der Ukraine hinzuweisen. Geld regiert das Geschäft. Und die vielfältigen Problembereiche – wie die Menschenrechtslage oder die ausgeprägte Korruption – lassen sich ohnehin nicht durch eine EM verändern. In diesen für den gesamten Euroraum wirtschaftlich enorm heiklen Zeiten wäre es übrigens pikant gewesen, hätte das reiche Deutschland der Reihe nach die Krisenstaaten Griechenland, Italien und Spanien bezwungen. Im Final duellierten sich zwei Schuldenländer. Vielleicht ist auch das ein gutes Beispiel, warum sich Fussball und Politik nicht durchmischen sollten.

Mail: fabian.ruch@bernerzeitung.ch Diskussion: blog.bernerzeitung.ch/leserblog

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